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Nur wenn ich lache, schmerzt es

von Andreas Schnell

Bremen, 5. Juni 2011. Es gab bekanntlich nicht wenige Hitler zu sehen in den letzten Jahren, nicht zuletzt im Kino, von Bruno Ganz bis Helge Schneider. Dass man über den Führer Witze machen "darf", gilt mittlerweile als gesichert . Das war zu Zeiten George Taboris, genauer zur Uraufführung von "Mein Kampf" 1987, noch etwas anders.

Insofern hat Martin Baum, der am Bremer Theater auch Ensemblemitglied ist, leichteres Spiel, wenn er das Stück nun im Bremer Brauhauskeller inszeniert. Der Ort ist gut, denn das Publikum hier ist sehr nah dran an den Schauspielern, und das kühle Gewölbe verleiht dem Wiener Männerasyl, in dem der großherzige Shlomo Herzl auf den jungen Adolf Hitler trifft, ein Klima der Ärmlichkeit und Enge.

Ein theologischer Schwank

Diese Enge, die gemeinsame Not, ist der Nährboden der eigenartigen Beziehung der beiden. Hitler ist schließlich schon als Bewerber an der Kunstakademie Antisemit, cholerisch, rechthaberisch. Und Shlomo Herzl eben das ganze Gegenteil davon, durchdrungen von Anstand, Liebe und Witz. Dass man weiß, was später kommen wird, dass der eine Täter, der andere Opfer wird, ist der Hebel für Taboris Farce, die er auch einmal einen "theologischen Schwank" nannte.

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"Mein Kampf" in Bremen. © Jörg Landsberg

Herzl widmet sich dem späteren Diktator, verpasst ihm die charakteristische Frisur, den bekannten Bart – und sorgt schließlich noch dafür, dass Hitler Politiker wird und ein Buch namens "Mein Kampf" schreibt. Der Weg dorthin ist mit vielen guten Pointen gepflastert, die in Martin Baums Regie ein exzellentes Timing erhalten und von dem kleinen Ensemble mit viel Spielfreude serviert werden. Knapp zwei, kurzweilige Stunden braucht Baum.

Seine Inszenierung ist gespickt mit schönen Einfällen – und Guido Gallmann ist als warmherziger, einfühlsamer Shlomo Herzl eine tolle Besetzung. Gleiches lässt sich über Alexander Swoboda als rätselhaft hintersinnigen Lobkowitz sagen. Philipp Michael Börner meistert die schwierige Führerrolle vielleicht nicht bravourös, aber immerhin ordentlich, zwischen jähzornig und paranoid. Gelegentlich wirft er sich Herzl hypochondrisch in die Arme. Varia Linnéa Sjöström gibt Shlomos Geliebte Gretchen wie so oft mit mitreißendem Charme, Susanne Schrader spricht Frau Tod durch die Maske einer bizarren Puppe – ebenfalls sehenswert. Auch das Huhn, das hier am Ende genussvoll zerlegt wird, ist eine Puppe, die von allen Ensemblemitgliedern geführt wird und erstaunlich viel Charakter entwickelt. An all dem kann man viel Freude haben.

Von Brecht zu Freud

Allerdings: War da nicht noch was? Man spielt dieses Stück doch wohl nicht ausschließlich wegen seiner Pointen. Gewagt, soweit waren wir schon, ist es heute nicht unbedingt, an Schockwirkung hat es eingebüßt, weshalb eben auch das Lachen nicht mehr notwendig im sprichwörtlichen Halse stecken bleibt.

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Wie es Martin Kagel für die Nachtkritik einmal geschrieben hat, verabschiedete sich Tabori einst schweren Herzens von Brechts Theater – und tauschte Marx gegen Freud ein. Damit setzte er auf eine Faschismuskritik, die den Grund für den Erfolg des Nationalsozialismus mehr in der Psyche von dessen Vordenker suchte als in der Gedankenwelt derer, die seinen Erfolg ermöglichten. Shlomo Herzl indes hätte wohl auch ein kritischerer Umgang mit seinem Zimmergenossen nicht geholfen: Am Ende muss er mit Frau Tod gehen, er, der Hitler das Leben gerettet hat. Jenem Hitler, der, wie Frau Tod sagt, als Toter ganzes Mittelmaß, als Täter aber ein "Naturtalent" ist.

Am Ende erzählt Lobkowitz einen Witz: Hängen zwei Diebe am Kreuz. Der eine stöhnt. Fragt der andere, ob er Schmerzen hat. Sagt der Stöhnende: "Nur wenn ich lache." Dieser Schmerz im Lachen kommt im Brauhauskeller nur bedingt auf. Licht aus. Viel Applaus für Schauspieler und Regie.


Mein Kampf
von George Tabori
Regie: Martin Baum, Bühne: Martin Baum, Katarzyna Podjacki, Kostüme und Puppen: Anna Siegrot, Dramaturgie: Diana Insel, Puppentraining: Jeannette Luft, Leo Mosler.
Mit: Guido Gallmann, Alexander Swoboda, Philipp Michael Börner, Varia Linnéa Sjöström, Susanne Schrader, Tristan Berthold.

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

Einen gespenstischen Charme entwickle Taboris Text in Bremen, schreibt Sven Garbade im Weser Kurier (7.6.2011). "Anspielungsreich ist bereits der Beginn, wo zwei Obdachlose in einer entsprechend vollgerempelten Behausung mit biblischen Motiven herumgaukeln." Gegen Ende allerdings bleibe wenig von der anfänglichen Heiterkeit übrig: "Im schmalen Korridor des Bühnenraums verschwinden am Ende die Figuren in einem clownesken Schreckenstanz, eingerahmt an den Sieten von Regalfächern, die an die Lager von Auschwitz erinnern."

"Alles leidlich unterhaltsam", konstatiert Johannes Bruggaier in der Kreiszeitung (6.6.2011). Dennoch komme der Abend zu keiner Zeit über eine konventionelle Hitlerkarikatur hinaus. Heute sei das Psychogramm des Diktators ohnehin längst durch- und ausdiskutiert – seine komischen Facetten inklusive. Das Böse aber komme zu kurz: "Hitler ist ein von Komplexen belasteter Schwärmer, dümmlich und ungefährlich: ausgeschlossen, dass so einer einmal die Massen für sich vereinnahmen könnte."

 
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