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Lessings kleine Nachtmusik

von Andreas Wilink

Oberhausen, 23. September 2011. Marlene Dietrich schreibt in ihren Erinnerungen über die Arbeit mit Fritz Lang, er habe beim Dreh zu "Rancho Notorious" den Set manisch mit Linien markiert, um jeden einzelnen Schritt der Akteure vorzuschreiben. Wie ein ironischer Reflex auf solche Fixierungen und Positionsbestimmungen ist der Bühnenboden in Oberhausen smartiesbunt mit den Namen sämtlicher Figuren des Stücks sowie dem des wesentlichen Requisits: "Dolch" beklebt. Nicht genug damit, erscheinen der Reihe nach in Großbuchstaben VATER, PRINZ, MUTTER, ORSINA auf der Brandmauer. Menetekel in massiver Säulenschrift, die erst der Zoom auf Normalmaß schrumpft. So wird die Projektion von Rollen bildhaft: übermächtiger oder sich verdünnisierender Namens- und Abwehrzauber.

Bürgerliches Trauerspiel als Opera buffa

Mit chorisch wiederholtem "Bitte, bitte" reiht sich das Elfer-Ensemble an der Rampe, nimmt die vorgezeichneten Plätze ein und begleitet den ersten Auftritt des Prinzen von Gonzaga mit plapperndem Singsang. Lessings bürgerliches Trauerspiel als Opera buffa, vom Piano umspielt, von Lichtkegeln umtanzt, in giftige Farben getunkt und mit flinker Zunge exekutiert.

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 Von Lichtkegeln umtanzt, in gifige Farben getunkt: Emilia Galotti.  Foto: Klaus Fröhlich

Auch bei dem Regisseur und Bühnenbildner Herbert Fritsch behält das Stück zur Saisoneröffnung am Theater Oberhausen etwas Unaufhaltsames. Von Anfang bis Ende scheint die Haltung des Dramas: atemlose, gehetzte Bewegung. Parallel zum inneren Aufruhr, dem pochenden Herzen der Emilia, die ihr heißes Blut entdeckt ¬– kühn und klar im Fühlen, Erkennen und Tun.

Zuerst lauert ihr der verliebte Prinz während der Morgenmesse auf; sie flüchtet sich ins Elternhaus; mit dem Verlobten Appiani nimmt sie die Kutsche – fort zu dessen Landgütern; dann der Überfall durch die Mordbuben des Marchese Marinelli und die Verschleppung der Trophäe Emilia auf des Fürsten Lustschloss Dosalo; die Ankunft der Mutter, des Vaters, der betrogenen Favoritin Orsina; schließlich Emilias Fall durchs Messer, um der Entehrung zu entgehen.

Gesteigert bis in die Koloratur

Des Bürgers gute Stuben – wahlweise der Adelssalon – sind für Fritsch Orte des Triebstaues. Zum Überschnappen. Ibsens Ehekäfig kann darin zum expressionistisch kolorierten, sexualneurotischen Panoptikum werden, die wilhelminische Bastion Familie in dem Schwank Die Spanische Fliege zum Fundament für tolldreiste Übersprunghandlungen – und "Emilia Galotti" zu Lessings Kleiner Nachtmusik.

Fritsch killt das Drama und lässt es mit hohem Effekt als erotische, moralische, feudale Posse auferstehen. Alles Hohn und Spott: gleich den beiden wie mit verrutschtem Pinsel von Francis Bacon gemalten Porträts der Bürgerstochter Emilia und der Gräfin Orsina zu Seiten des Spielfelds. Es summt und schwirrt ein aufgestachelter Schwarm mit Wespentaille, Allongeperücke und Spitzenjabot, geschraubt in die Deklamation, gedreht ins Gefuchtel, gesteigert bis zur Koloratur. So wird auf die Spitze und ins Äußerste dessen getrieben, was Werner Schroeter mit "Emilia Galotti" stilisiert wie aus dem Leben der Marionetten erzählt hatte – vor 20 Jahren in Düsseldorf mit Herbert Fritsch als aasigem Marinelli.

Requiem im Rokoko-Clinch

Geschminkte Larven überformen jeden natürlichen Ausdruck. Konflikte geraten taumelnd außer Facon und gerade in der Auflösung zur Kenntlichkeit. Der Prinz (Martin Hohner) – ein überzüchteter Popanz; Marinelli (Jürgen Sarkiss) – ein spillerig zebragestreifter Harlekin wie ein ins Perfide gewendeter Fellini-Casanova; Emilia (Angela Falkenhan) – ein prezios beseeltes Spielzeug; Orsina (Nora Buzalka) – eine Megäre von rotierendem Verstand; Odoardo Galotti (Torsten Bauer) – versteifter Ehrenmann im Ufa-Tonfall; Appiani (Martin Müller-Reisinger) – ein raspelnder Tropf usw.

Aber nur nicht täuschen lassen von der Fratze, der Manier, der Formel des Bäh! Brutalität, auch wenn sie Mozart auf den Lippen führt, liegt hier unter dem Artifiziellen, Gift sickert ins Dolce, Gemeinheit nistet im Grinsen, Mördertum im melodramatischen Überschwang. Zudem schafft sich die gut zweistündige Inszenierung an zentralen Stellen Schweigeminuten und Inseln der Besinnung: ein todbetrübtes Innehalten mit Lento-Tempi zwischen den Presto-Kaskaden. Die brillant geschliffene, perfekt konstruierte und ebenso souverän ausgeführte Folie à Onze setzt schon einen Maßstab für die gerade begonnene Spielzeit – nicht nur in NRW.

Das Requiem im Rokoko-Comic-Clinch mit unmännlichen Männern und toughen Soubretten endet in der selig verklärenden Ekstase der Tugend-Lust. Die fühlende, treuherzige Puppe Emilia leckt sich sozusagen die Finger nach dem Stahl. Gewiss, eine Ersatzhandlung. Aber Freud ist wie auch jede andere pompöse ideologische Aufrüstung aus diesem Kunstkabinett ausgeschlossen.


Emilia Galotti
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Victoria Behr, Musik: Otto Beatus, Dramaturgie: Tilman Raabke.
Mit: Torsten Bauer, Nora Buzalka, Angela Falkenhan, Martin Hohner, Marek Jera, Karin Kettling, Henry Meyer, Martin Müller-Reisinger, Pascal Nöldner, Jürgen Sarkiss, Eike Weinreich.

www.theater-oberhausen.de


Kritikenrundschau

Der Look erinnere eher an Molière denn an Lessing, und auch die "gezierte Körpersprache der Akteure" beweist für Arnold Hohmann im Onlineportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung derwesten.de (25.9.2011), dass Herbert Fritsch "es wieder einmal geschafft" hat: "Aus tieftraurigem Material tritt bei ihm eine düstere Posse zutage, die all die Lächerlichkeit ans Licht spült, die dem Gebaren der Figuren innewohnt." Zu Klaviermusik "zappeln hier die Akteure wie Marionetten am Gängelband eines festgelegten Schicksals", wobei Marinelli (Jürgen Sarkiss), der sich "aalglatt zwischen allen Fronten" bewege und "irgendwo zwischen dem Gebaren einer giftigen Natter und dem Katzbuckeln eines devoten Gollums" angesiedelt sei, "schier zum Ereignis" werde. "Wie meist bei Fritsch und seiner Neigung zur Groteske, leiden die aufmarschierenden Figuren unter starker Nervosität", ihr Sprechen komme "einem vokalen Tsunami gleich". "So überhastet artikuliert man ansonsten in niederen Verwechslungskomödien, hier wird dadurch eher ein phonetischer Schutzzaun um den Garten der Lüste gezogen, der hinter dem ganzen Tugendgeschwafel wuchert."

"Es wird gebrüllt und geschrieen in dieser Aufführung", schreibt Bernd Aulich in der Recklinghäuser Zeitung (25.9.2011). Herbert Fritsch habe den Lessing als "grelle Posse" eingerichtet. Er biete zu einer "empfindsamen musikalischen Folie" (u.a. mit Beiträgen von Mozart) "höfische Libertinage mit wildem Furor", die auf "vereinnahmende Bürgermoral" pralle.

Einen "artifiziell-manierierten Lessing, der die Aufklärung erst noch nötig hat" und ein grandioses Oberhausener Ensemble hat Klaus Stübler für die Ruhrnachrichten (25.9.2011) erlebt. Es gebe hier "keine authentischen Leidenschaften, sondern stilisierte Gefühle wie in der Barockoper, garniert nur auf Seiten der Galotti-Familie mit einer Prise Empfindsamkeit." Der Abend, der "virtuos in Szene gesetzt" sei, fordere durch "rasante Dialoge" die "ganze Konzentration". Aber gelegentlich gebe es auch "irritiert langes, besinnliches Innehalten".

Von "tollen Schauspielern" weiß auch Stefan Keim für WDR 2 (26.9.2011) zu berichten: Sie seien wie Puppen geschminkt, "sprechen künstlich, mal geziert, mal hysterisch, oft rasend schnell." Aber "diese Puppen haben eine Seele. Überfordert sind sie von immer neuen, unvorhergesehenen Ereignissen, das macht sie panisch." Effekt des beseelten Puppenspiels: "Das Publikum jubelt und hat einen riesigen Spaß. Der Kritiker auch."

Ein kleines bisschen enttäuscht ist Christine Wahl, die sich von der "unangefochtenen neuen (Komödien-) Regiehoffnung des Landes" Herbert Fritsch im Zusammenhang mit "Emilia Galotti" mehr erwartet hatte als "eine Art Hofschranzenposse", wie sie im Tagesspiegel (27.9.2011) schreibt. "Schauer-Groteske, viel (Film-)Zitat und schwerer Triebstau unter den Reifröcken" hat Wahl gesehen und sich dabei offenbar trotzdem ganz gut amüsiert - wenn die "dramatische Radikalkur" diesmal auch ausgeblieben ist.

Eine Fritsch-Inszenierung jage die nächste, das sei auf konstant hohem Niveau kaum zu schaffen, stellt Vasco Boehnisch in der Süddeutschen Zeitung (30.9.2011) fest. Nein, völlig misslungen findet Boehnisch diese Emilia Galotti nicht, aber: "Fritsch hat keinen rechten Plan." Nur im kurzen, großen Auftritt von Nora Buzalka als Orsina zeige sich wieder, "wie schillernd Fritschs Theater eigentlich Dinge zur Kenntlichkeit entstellen kann."

 
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