Rockjunta auf Zypern

von Alexander Kohlmann

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Braunschweig, 17. März 2012. Wenn sich der eiserne Vorhang hebt, dringt gleißendes Licht in den Zuschauerraum. Irgendwo voraus, hinter den Nebelschwaden, liegt Zypern, die geschwungenen Formen eines Strandes (Bühne und Kostüme: Sigurður Óli Pálmason) kristallisieren sich heraus, ein Tür, ein Fenster, ein kleines Haus, an der fernen Künste – vielleicht.

Doch nicht mit Schiffen erreichen in Braunschweig Othellos Mannen den Ort der Tragödie, sondern mit einer Rockband, die in diesem Moment unüberhörbar ihre Segel setzt. Eine saufende und krakelende Truppe um ihren Anführer, den Schwarzen (Tobias Beyer), an dem nur Hose, T-Shirt und eine riesige Haarpracht schwarz sind.

Alle Regler offen

Ein "in den Wahnsinnstripp", der auf Tempo 180 nicht erst in Zypern beginnt, sondern bereits in Venedig, dem Ausgangsort und wichtigem Kontrapunkt in der shakespeareschen Tragödie. Und genau hier liegt das Kernproblem dieses Abends: übersteuerte Regler auf allen technischen und dramaturgischen Positionen, ohne jede Feinabstimmungen.

Die venezianische Militärjunta mit Mattias Schamberger als wunderbar schmierigem Herzog mit gegelten Haaren und Gaddafi-mäßiger Fantasieuniform, der auf einer Pressekonferenz mit seinem wüst-gezottelten und gar nicht schönen Leutnant Cassio (Oliver Simon) den anstehenden Zypernfeldzug erklärt, ist ein ziemlich irrer Haufen. Fremd fühlen braucht sich Shakespeares "Mohr" in dieser durchweg nach dem Exzess lechzenden Truppe schon einmal gar nicht.

othello1 560 Karl-BerndKarwasz xRocker-Exzess im Tarnanzug © Karl-Bernd Karwasz

Vereint im Club der Ritter der Kokosnuss

Im Gegenteil, er passt mit seiner beigen Lederjacke und der potenten Haarpracht perfekt in das Ambiente. Wo bei Shakespeare die Bürgerschaft von Venedig ihre Ablehnung gegenüber dem Fremden verdrängt und sie ihn doch immer spüren lässt, dass er nicht dazu gehört, ist in Jonas Corell Petersens in Tarnfarbe gecheckter Militärjunta alles eins. Egal ob schwarz oder weiß, es sind alle, mit Ausnahme von Desdemonas Vater Brabantio (Andreas Bißmeier im dunklen Anzug) Mitglieder desselben Ritter-der-Kokosnuss-Clubs.

Nur dass ohne einen Schwarzen unter lauter Weißen oder eben einem Weißen unter lauter Schwarzen Shakespeares Dramaturgie komplett unter der zypriotischen Sonne verglüht. Und das hat extreme Konsequenzen für den ganzen Abend, der grundsätzlich mit betörenden Bildern nicht zu sparen weiß. Da kann Jago (Sven Hönig als grundlos hasserfüllte Kreatur) noch so motiviert das Gift der Eifersucht zu verbreiten suchen. Er bekommt aus seiner Stellwarte im zypriotischen Strandhaus auch mit massiver Mikrofonverstärkung inklusive böser Rückkoppelungen die Fäden des Dramas einfach nicht in die Hand. Es bleibt völlig unklar, was in dieser durchweg besoffenen und torkelnden Truppe das Problem von Othello als Gleichem unter Gleichen ist – die Frau untreu? Shit happens.

Bilder statt Taten

Regisseur Jonas Corell Petersen, der im vergangenen Jahr beim Braunschweiger Festival für junge Regie "Fast-Forward" diesen Auftrag gewonnen hat, versteht sich zwar exzellent auf eine Flut von Bildern, beständig wechselnden Farben und kraftvollen Sound (Musik: Gaute Tønder). Er weiß es, die Klaviatur der Atmosphären zu spielen, die einen weit weg, bis ins imaginäre Zypern oder vielleicht auch nach Böhmen am Meer bringen könnte. Aber er vernachlässigt geradezu sträflich die Personenregie. So versucht jeder der durchweg starken Schauspieler zu retten, was zu retten ist, stolpern alle gemeinsam durch die angerichtete große Imaginationswelt und bemühen sich einen Text zu sprechen, der nicht selten im krassen Gegensatz zur behaupteten Wirklichkeit auf der Bühne steht.

Als Desdemona, eine blonde Göre im tarnfarbenen Party-Kleid (Louisa von Spies), ihre Gefährtin Emilia (Rika Weniger als Jagos Frau, die vornehmlich im Bikini durch die Sonne Zyperns taumelt) kurz vorm Sterben fragt, ob es tatsächlich so böse Frauen gäbe, die ihre Männer betrügen würden, fragt man sich, welche Souffleuse (oder war es Jago?) ihr diesen Text eingeflüstert hat. In diesem imaginären Zypern, zwischen den verschütteten Drinks und der plärrenden Musik, wäre offensichtlich alles möglich, obwohl trotz aller Möglichkeiten fast nichts zwischen den Figuren passiert. Das ist schade, denn die gleißend rote Sonne, die immer wieder über der Bühne erstrahlt, könnte hier viel mehr verursachen als einen bösen Sonnenbrand.

 

Othello
von William Shakespeare, aus dem Englischen von Horst Laube
Regie: Jonas Corell Petersen, Bühne und Kostüm: Sigurður Óli Pálmason, Musik: Gaute Tønder, Dramaturgie: Katrin Breschke.
Mit: Tobias Beyer, Andreas Bißmeyer, Sven Hönig, David Kosel, Mattias Schamberger, Oliver Simon, Louisa von Spies, Rika Weniger.

www.staatstheater-braunschweig.de

 

Kritikenrundschau

Es sei "noch schlüssig", wenn sich zu Beginn die Halbglatzen nach dem Sieg gegen die Türken "extrem dekadent" besaufen, meint Martin Japser in der Braunschweiger Zeitung (19.3.2012): "Wir erinnern uns an Ekelhaftigkeiten aus den kriegerischen Brennpunkten unserer Zeit." Der Rest aber sei "ziemlich öder Katzenjammer. Die Inszenierung bröselt auseinander. Statt Ideen gibt es Einfälle aus dem Panoptikum des Regietheaters. Die beliebten Illusionsbrüche." Das aber füge sich "zu nichts. Im Gegenteil: Die Einfälle überlagern die Geschichte. Die Momente, in denen es wirklich um die infamen Intrigen des zu kurz gekommenen Jago geht, der den dunkelhäutigen General Othello so zur Eifersucht anstachelt, dass der seine Frau Desdemona erdrosselt, bleiben flach und uninspiriert. Als ob das den Regisseur am wenigsten interessiert hätte."

 
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