Tiefe finden nur die Taucher

von Dieter Stoll

Nürnberg, 28. Oktober 2012. Vom deutschen "Sommermärchen" war noch keine Rede, als Elfriede Jelinek ihre kämpferischen Anmerkungen zur professionellen "Leibesertüchtigung" formulierte, aber Lance Armstrong strampelte grade rezeptfrei seinem Helden-Image entgegen. Naja, Leistungsdruck gab es schon reichlich, Doping auch, doch die öffentliche Meinung wollte den Spaß nicht relativiert sehen und einigte sich auf den entspannenden Begriff "Einzelfälle". So gesehen wirkte "Ein Sportstück" bei der Uraufführung am Wiener Burgtheater eher wie eine spektakuläre Wortgewalttat aus der Abseitsstellung, von Marschtritt-Regisseur Einar Schleef mit knapp 150 Personen in Aktion zum Textflächenbrand hochgezündelt, während es heute beim Lesen vor der Aufführung eher wie ein Nachtreten aussieht.

Lachkabinett mit Falltür

Sport ist Mord? Jaja, wissen wir! Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer, der einen Ruf als Jelinek-Spezialist mit zwei neueren, schärferen Vorlagen der Nobelpreisträgerin erbeutete, wusste offenbar recht genau, dass er nach dem RAF-Stück Ulrike Maria Stuart und "Rechnitz (Der Würgeengel)" über das Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern nun am Nürnberger Schauspielhaus mit dem Rückgriff auf die vor 14 Jahren an der Wiener Burg mehr formal als inhaltlich diskutierte Geschichte in eine andere Gewichtsklasse geraten war. Schleef konnte er sowieso nicht adaptieren, aber dem befreienden "Macht, was ihr wollt"-Diktum der zweifelsfreudigen Dichterin wollte er gerne folgen. Er schlug also seine eigene Schneise in den Dschungel der Formulierungs-Wucherungen, fand dabei mit viel Lust an gruppendynamischer Improvisation mit dem sichtlich aufgeschlossenen Ensemble eine Komödien-Lichtung nach der andern und überraschte am Ende mit einer scharfen Kurve zur provokant depressiven Polit-Attacke. Nürnbergs Schauspiel bietet ein Lachkabinett mit Falltür.

sportstueck 560 marionbuehrle xDeutsche Athleten: Stefan Lorch, Daniel Scholz, Marco Steeger und Felix Axel Preißler.
© Marion Bührle

Vor Beginn aller Lektionen wird die Jelinek als vor Selbstironie triefende Klugscheißerin präsentiert. Tanja Kübler hat das Haar und den schlurfenden Wiener Dialekt hochgesteckt, räkelt sich zum Diavortrag über tiefgründige Themen ("Wie nehmen Flüsse Vernunft an?") in den eigenen Wortschwall, als wäre er eine warme Brause. Aktuelle Herrscher von Syrien und Russland tauchen im Bild auf, doch statt Weltpolitik kann sie "immer nur Sport und Sport" erkennen, obwohl da "Sinn für Tiefe nur bei Tauchern" zu finden sei. "Mein Gott, wie seicht meine Witze sind", sagt die Jelinek dazu. Und das wird zum Prinzip der ganzen Aufführung: Alles, was dem Zuschauer an kritischem Widerspruch zu den Szene einfallen könnte, ist auf der Bühne vorweggenommen. Da schaut man zunehmend hilflos den eigenen Gedanken hinterher.

Mütter und andere Naturgewalten

Das Sportstück ist ein Spottstück. Wenn riesige Bälle, die aus Felix Magaths Nachlass stammen könnten, in die Kulisse geschossen werden und die Herren in Plastik-Autos johlend bis an die Rampe brettern, ballt sich die Meute zum Juhu. Aus Schleefs Marschkolonnen sind zwei Damen- und Herren-Quartette geworden, die auch mal kopfüber in den Turnhallen-Ringen hängend rezitieren. Das Schild "Ob es wohl durch Schweigen besser wird?" stößt auf breite Zustimmung, doch der Poeten-Seufzer "Endlich Ruhe" hat keine Chance, wenn (Originalzitat) "mit jedem Nebensatz ein neues Thema eröffnet" werden kann. Die meisten davon haben mit "Sport" nur bedingt zu tun. Da geht es, so wie der Regisseur den Text-Schwerpunkt setzte, mehr um Mütter und andere Naturgewalten, gebrochene Emanzipations-Fanfaren oder Körperkultur zwischen Fitness und Pflegestation. Dazu reichlich Theater-Nabelschau. Immerhin: Zwischenergebnisse von Kriegsschauplätzen werden mit UN-Segen gemeldet, und wo die Werbung von Puma und Adidas eben noch konkurrierte, teilt die Leinwand ihren Platz für Fußball-Spielfeld und KZ. Schrecksekunden, die verfliegen.

sportstueck1 560 marionbuehrle xWir grüßen die Dichterin mit einem gesunden "Sport frei!" © Marion Bührle

Langstreckenflug-Gymnastik

Nach zwei Stunden gibt es Interaktion, "Langstreckenflug-Gymnastik" fürs Publikum, ehe bei einer Talk-Runde mit Beckenbauer-Double der Waldi-Stammtisch zur Weißbier-Orgie wird. Man überschüttet sich mit dem Gesöff, aber nicht ohne schützende "Ekeltheater-Plane" für alle Schöße in der ersten Reihe. Dass nach dieser Jokus-Comedy noch ein Jelinek-Verzweiflungssolo folgt, immer auf der Kippe zwischen Pathos und Parodie, ist zumindest mutig. Da hat sich das muntere Ensemble (Julia Bartolome, Adeline Schebesch, Louisa von Spies mit Stefan Lorch, Felix Axel Preißler, Daniel Scholz und Marco Steeger im durchgehend wilden Gruppen- und Solo-Einsatz) bereits wundgespielt. Mit erkennbarem Spaß am Tonfall trompetender Selbstdemontage, den Hermann Schmidt-Rahmer mehr als alles andere aus Elfriede Jelineks Angebot pflückte.

Das ist auf Thilo Reuthers bunter Rennstrecke zeitweise amüsant, aber am Ende trotz aller fleißig eingeflochtenen Aktualitäten bis hin zum österreichischen Überschall-Sturzflieger einfach zu wenig. Wo Schleef Munition für eine abendfüllend zielsichere Attacke fand, enthüllt Schmidt-Rahmer einen ins Allgemeine deutenden Scherzartikel in Übergröße. Die Frage, ob "Ein Sportstück" zu den haltbaren Theatertexten gehört, wartet auf Antwort.


Ein Sportstück
von Elfriede Jelinek
Regie: Hermann Schmidt-Rahmer, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Dramaturgie: Katja Prussas, Licht: Erns Schießl.
Mit: Julia Bartolome, Tanja Kübler, Adeline Schebesch, Louisa von Spies, Stefan Lorch, Felix Axel Preißler, Daniel Scholz, Marco Steeger.
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de

Gestern war ein wahrer Jelinek-Tag in Bayern: Die Münchner Kammerspiele zeigten in der Regie von Johan Simons die Uraufführung von Die Straße. Die Stadt. Der Überfall aus der Feder der Nobelpreisträgerin.

Kritikenrundschau

Nicht das Stück, sondern die Auseinandersetzung mit diesem und mit der Autorin habe die Inszenierung zum Gegenstand, so Hans-Peter Klatt in der Nürnberger Zeitung (29.10.2012). Das könne komisch wirken und die Zustimmung des Publikums erzeugen. "Aber in letzter Konsequenz ist das 'Sportstück' nur noch selbstreferentiell." Es weise, bar jeder nachvollziehbaren Handlung, kaum noch über sich selbst hinaus. Im achtseitigen Interview im Programmheft lege Schmidt-Rahmer sinnfällig dar, worum es geht. Auf der Bühne nerve er zunächst eine Viertelstunde lang mit einer über Flussbegradigung referierenden Jelinek-Parodie. Fazit: In die Erfolgsreihe von Jelinek-Inszenierungen fügt sich dieses "Sportstück" nicht ein.

Hermann Schmidt-Rahmer habe aus dem Textwust eine wilde Szenenfolge gefiltert, die Höhen und Tiefen, Komik und Tragik, Bilderflut und Bildersturm vereint, meint Katharina Erlenwein in den Nürnberger Nachrichten (29.10.2012). Gerade weil die Themen und Szenen auf den ersten Blick kaum miteinander verwoben seien, entpuppe sich das Theater selbst als Thema: "Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Zuschauen kann man hier erfahren" – und man fühle sich gleichzeitig bestens amüsiert, so Erlenwein. "Man müsste diese Produktion viele Male sehen, um all ihre Schichten und Untiefen zu entdecken." Und "um diese unglaublich ausdauernden, brillant improvisierenden und sich gegen und mit dem Text behauptenden Schauspieler bei der Marathonarbeit zu beobachen. Respekt!"

Schmidt-Rahmer gehe den Text frontal an, und er habe Ideen, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (31.10.2012). Dabei gelinge jede Szene, die über eine kleine Gruppierung zu lösen ist, wunderbar. "Der Text wird hier zum immerwährenden Fanal, mit Kraft, Druck und Dringlichkeit." Doch bis auf den Prolog verrutsche jede Szene, die nicht Chor ist. "Man beschränke demnach den Besuch des 'Sportstücks' am besten auf die ersten zwei Stunden."


 

 

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