Im Puppenheim der Disziplinarmaßnahmen

von Christian Rakow

Osnabrück, 1. Dezember 2007. Beginnen wir mit dem Erfreulichen. Das Theater Osnabrück wurde, wie bereits vorab verkündet, mit dem Preis der Deutschen Theaterverlage ausgezeichnet für seinen Mut, in beispiellosem Umfang junge, zeitgenössische Dramatik ins Repertoire aufzunehmen. Tatsächlich beweist die Dramaturgie des Hauses noch am Abend der Preisverleihung ihr gutes Händchen. In Joachim Zelters "Schule der Arbeitslosen" treffen wir auf ein Sprachkunstwerk, wie es nicht alle Tage vorkommt, voll rhetorischer Sogwirkung und intellektuell stimulierend.

Zelters Roman aus dem Jahr 2006 berichtet von einer fiktiven Firma namens SPHERICON, die 2016 im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit ein Camp mit Vollzeitprogramm zur Arbeitslosenfortbildung einrichtet. Einen "Erlebnispark" verspricht SPHERICON, für das ganzheitliche "Erlebnis Arbeit". Tatsächlich ist es ein Lager, in dem die "Trainees" mit Brainwash-Methoden zum Manipulieren der eigenen Lebensläufe angetrieben werden, Fitness-Stunden absolvieren müssen und sexuell möglichst viel und oft wechselnd aktiv sein sollen. Denn Flexibilität ist alles bei der Rückkehr in den Arbeitsmarkt.

Arbeit als machtstrategisches Konstrukt
Zelters Dystopie verdankt sich einem virtuosen Gebrauch der Management-Sprache (in der Nähe zur Sektenideologie), führt präzise vor, wie unser modernes, gesellschaftliches Kernkonzept "Arbeit" rhetorisch und machtstrategisch hergestellt wird, und bleibt darin noch für die aktuellen Debatten um die Biopolitik anschlussfähig.

Der Autor selbst hat zwei Bühnenfassungen erarbeitet, eine dialogische und eine epische. Die Osnabrücker haben auf Grundlage des Romans selbstständig Szenen entworfen, unter Hinzufügung eigenen Materials, das in Zusammenarbeit mit Arbeitslosen und der ortsansässigen Arbeitslosenhilfe entwickelt wurde. Das lesenswerte Programmheft dokumentiert diese Arbeit mit O-Tönen und behält mit einem kurzen Text zu Foucaults Machtbegriff auch den Horizont im Blick.

So weit, so gut. Doch was an diesem Abend auf der Bühne zu erleben ist, ist nicht mehr als eine bedauerliche Verharmlosung und Trivialisierung des Projekts. Eindrucksvoll allein das Bühnenbild von Marouscha Levy: eine Plastikwand mit Durchgang, zusammengefügt aus Wassertanks, die nach Bedarf als Schlafkojen benutzt werden können. Vom aggressiven Sound des Textes und seinem Problem hingegen ist viel auf der Strecke geblieben. "'Alles in Ordnung?' – 'Gut geschlafen?' – Keine Antwort. – 'Are you alright?' – '…' – 'What’s your name?' – 'Berg…mann.'" So walken die Trainer ihre Schützlinge in der Romanvorlage durch.

Joviales Miteinander im Satin-Anzug
Wo Zelters Text Missverhältnisse aufbaut, wo er eine Überwältigungsmaschine mit grinsendem Antlitz ins Werk setzt, da präsentiert Nina Gühlstorff in Osnabrück nur ein joviales Miteinander. Die Riege der Arbeitslosen ist immer für einen flotten Spruch gut, während den SPHERICON-Trainern (Anjorka Strechel, Laurenz Leky, Steffen Gangloff), erkennbar an ihren grünen Satin-Anzügen und der stolz geschwellten Brust, der Biss fehlt. Statt eines Blicks auf den spottenden Zynismus ihres Flexibilitätswahns erhalten wir grelle Discoeinlagen mit Rastaperücken und Baströckchen. Wie beim "Kindergeburtstag", heißt es. Wie wahr.

Dann das andauernde Umgestalten der Lebensläufe: Während Zelter subtil die Lücken sucht und markiert, wo die Lüge einsetzen kann, geht die Osnabrücker Inszenierung endlos in die Vollen: "'Geboren in Wismar.' Da lassen wir dich jetzt mal sagen: 'Geboren in Lübeck'", hi hi. Wenn’s schon nicht stimmen soll, dann wenigstens mit Schmackes. Hauptsache, der Witz zündet.

Dein Problem ist: Du lachst zu viel
Wie sehr sich die Regie von Nina Gühlstorff vor einem ernsthaften Zugriff scheut, lässt der einzige Moment des Abends erkennen, der zumindest in die Nähe des Eindrücklichen kommt. Da begegnen sich Karla Meier (Nicole Averkamp) und Roland Bergmann (Oliver Meskendahl) in der "Weekend-Suite", um inmitten des SPHERICON-Kommunikationsapparats ein privates Gespräch zu probieren. Kurzzeitig wird das Schauspiel ganz ehrlich, ganz direkt. Nur muss sich Karla nach den ersten Sätzen schnell wieder über einen roten Ball rollen und Roland auf den Kaffeeautomaten klettern, hui! Wie wenig hält man eigentlich von der Konzentrationsfähigkeit des Publikums, wenn es nicht einmal fünf Minuten ohne Kinkerlitzchen abgehen darf?

So schrumpft die Schule der Arbeitslosen, dieser beklemmende Disziplinarexzess aus dem Geiste des modernen Arbeitsethos, zum Puppenheim. Und den treffendsten Kommentar schafft sich die Inszenierung selbst: "Weißt Du", sagt der Arbeitslose Uwe Drees (Johannes Bussler) zu seinem Leidensgenossen Sven Pilgrim (Olaf Weißenberg), "Dein Problem ist: Du lachst zu viel. Du sagst was, und dann lachst du es weg."

 

Schule der Arbeitslosen
Ringuraufführung nach dem Roman von Joachim Zelter
Regie: Nina Gühlstorff, Bühne: Marouscha Levy, Kostüme: Cornelia Brückner.
Mit: Nicole Averkamp, Oliver Meskendahl, Christina Dom, Dietmar Nieder, Johannes Bussler, Olaf Weißenberg, Anjorka Strechel, Laurenz Leky, Steffen Gangloff, Julia Köhn, Richard Barenberg.

www.theater.osnabrueck.de

Kritik und Kritikenrundschau zur Senftenberger Inszenierung des ringuraufgeführten Stoffes finden Sie hier

Kritikenrundschau

"Schreckensvision", "beklemmendes Szenario", gleichwohl: eine "messerscharfe Analyse", so apostrophiert Christine Adam in der Neuen Osnabrücker Zeitung (3.12.2007) den Zelter-Roman. "Köstlich unterschiedlich die Typen", die in Osnabrück Regisseurin Gühlstorff und die Ihren für die Bühne entwickelt haben, findet Frau Adam.  Viele Szenen seien "richtig gut gespielt und amüsieren", manche Schauspieler liefen "zu ungeahnter Höchstform auf". "Sanft" dränge das Bühnenbild "Analogien zu KZ-Transporten" auf. Doch damit erschöpfe sich "der kalte Hauch einer erbarmungslosen Schreckensutopie, der den Roman umweht". Die Osnabrücker Uraufführung wirke "deutlich harmloser, kindlich-verspielter als die Vorlage." Einer Zweitaufführung wünsche "man einen beherzteren gesellschaftskritischen Biss".

In der taz-Nord schreibt Thorsten Stegemann (3.12.2007) über die Osnabrücker Inszenierung: aus Zelters Vorlage, den Berichten von Berufsberatern und Hartz IV-Empfängern, spontanen Eingebungen der Schauspieler und Laiendarsteller habe "ein Theaterereignis entwickelt, das den täglichen Wahnsinn einer Gesellschaft, deren Mitglieder sich über ihre Teilnahme oder Nichtteilnahme am Erwerbsleben definieren, in bestechenden Bildern einfängt". Nina Gühlstorffs Inszenierung überzeuge "durch die aussagekräftige Verknappung und satirische Zuspitzung des Themas". Ihr gelinge "das Kunststück, eine literarische Vorlage durch die szenische Umsetzung erheblich aufzuwerten".

 
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