Handzahme Huren

von Jan Fischer

Göttingen, 6. April 2013. "Ich bin eine Hure", sagt Gerda, die zweitälteste aus der Truppe. Sie mag das Wort, sagt sie, sie habe es sich angeeignet, es habe einen schönen Klang. "Manchmal nenne ich mich auch Sexualbegleiterin", sagt sie, dreht sich kurz Richtung Publikum, und dann: "Pah!"

rotlicht 260h isabelwinarsch u© Isabel WinarschTatsächlich ist das, was sich hinter dem Wort "Sexualbegleiterin" verbirgt – aktive sexualtherapeutische Begleitung von behinderten und alten Menschen – das Überraschendste an dem dokumentarischen Stück "Rotlicht" der werkgruppe2 im Deutschen Theater Göttingen. Das, und eine wirklich grandiose Coverversion von James Browns Song "Sex Machine".

Nummernrevue

Das klingt hart, gleich am Anfang, also der Reihe nach: "Rotlicht" ist ein dokumentarisches Stück – Prostituierte haben den Machern des Stückes aus ihrem Leben, von ihrem Beruf erzählt, der Text wurde transkribiert und verdichtet, und wird auf der Bühne von Schauspielerinnen gespielt und gesprochen. Dazu eine Band, Musikerinnen an Klavier, Cello, Cembalo, ein paar Instrumenten mehr. Die Schauspielerinnen, die Prostituierte spielen, stehen standesgemäß hinter rot beleuchteten Fenstern, und die Zuschauer können sie über eingeblendete Telefonnummern anrufen, und sich ihre Geschichte erzählen lassen. Da ist Gerda, die langsam aber sicher zu alt für den Job wird. Da ist Sveta, die ihren Kindern versprochen hat, immer für sie zu sorgen, und in ihrem Wohnwagen arbeitet. Da ist Barbara, die resolute Bayerin. Und so weiter, eine Nummernrevue – in doppeltem Sinn – von insgesamt neun Prostituierten, gespielt von sechs Schauspielerinnen, die sich im Laufe des Abends immer weiter auflöst, immer wieder zu Gesprächen über Themen wie Gleitgel führt oder über die Frage: Mit oder ohne Kondom?

Tragik, Gags und großer Spaß

Das alles ist kein Problem. Die Prostituierten sind als differenzierte und spannende Persönlichkeiten dargestellt, die man den Schauspielerinnen auch abnimmt. Der Text ist auf Pointe und Witz konzipiert, mit dem ein oder anderen dramatischen Element, und funktioniert auch sehr gut – wenn Barbara davon erzählt, dass Prostituierte die perfekten Frauen zu sein hätten, ohne Periode und Migräne, ist das ein Lacher. Wenn Sveta davon erzählt, dass ihre Kinder nichts zu Essen hatten, und sie deshalb in den Bordellen der Gegend nach Arbeit gefragt hat, ist das eine starke, tragische Geschichte. Dass die Figuren einzeln aus dem Publikum angerufen werden können, sorgt für zusätzlichen Spaß im Zuschauerraum. Die Musikerinnen spielen dazu getragene, langsame Stücke, das erwähnte James-Brown-Cover, ein schnelles, ohrwurmiges Ruf-Mich-an-Thema, und haben sichtlich einen irrsinnigen Spaß dabei. Das alles ist so durchinszeniert, dass es nicht langweilig wird.

Systemimmanentes Problem

Nein, das Problem ist ein anderes, ein systemimmanentes. Es hat mit der Frage zu tun, was genau dieses dokumentarische Theater eigentlich dokumentiert, die Frage nach der Echtheit, danach, wie repräsentativ das Erzählte eigentlich ist.

Das liegt zum einen am Text, der so sehr auf Pointe und auf Dramaturgie gebügelt ist, dass er unecht wirkt, stellenweise sogar – das Stichwort "Migräne", das im Laufe des Abends mehrmals auftaucht – in die Stand-up-Comedy abrutscht. Nichts dagegen, ein ernstes Thema lustig aufzuziehen, wenn Prostitution denn überhaupt ein ernstes Thema ist, und nicht viel eher ein wichtiges – aber auch an den weniger lustigen Stellen, selbst wenn es tragisch wird, wirkt der Text künstlich, und die Musik verstärkt diesen Eindruck zusätzlich.

Zum anderen sind fast alle Prostituierten, die in "Rotlicht" zu Wort kommen, Frauen, die mit sich, ihrem Körper und ihrer Sexualität sehr selbstbewusst und selbstbestimmt umgehen. Das ist natürlich ganz wunderbar – aber ob es auch repräsentativ ist oder nur das eine Klischee von Zwangsprostitution und Menschenhandel mit einem anderen, viel kuscheligeren überschreibt, steht auf einem anderen Blatt.

Zwar gibt es am Ende noch die Geschichte von zweien, die gar nichts selbst bestimmen können, die tatsächlich in dem Zwang leben, so viele Freier wie möglich bedienen zu müssen – es fällt die Zahl 32 in einer Nacht. Alles in allem wird aber eher das Bild gezeichnet, dass Prostitution ein wunderbarer Job für die selbstbewusste Frau von heute sei, vorausgesetzt, sie verfügt über genügend Gleitgel, sehr schwarzen Humor und kommt nicht gerade zufällig aus Bulgarien oder Rumänien.

Sollbruchstelle

Denn hier, in der Auswahl der Interviewten, liegt die Sollbruchstelle im Konzept des Stückes – viele Prostituierte sprechen nicht besonders gut deutsch, und diejenigen, die es trotz der Sprachbarriere versuchen würden, haben vielleicht gute Gründe, sich nicht interviewen zu lassen. Was "Rotlicht" unter diesen Voraussetzungen zu Tage fördert, kann dann eben nichts werden als eine handzahme Variante dessen, was zu Tage gefördert werden könnte.

Dennoch muss man dem Stück hoch anrechnen, dass es überhaupt erst einmal über Prostitution abseits von klischeebehafteten Gruselbildern spricht, und damit die Vorstellungen und Meinungen vielleicht ein Stück weit afklärt. Was ein Schritt in die richtige Richtung ist – und noch dazu ein unterhaltender.

 

Rotlicht  (UA)
von werkgruppe2
Inszenierung: Julia Roesler, Ausstattung: Julia Schiller, Musikalische Leitung: Insa Rudolph, Dramaturgie Anna Gerhards, Henrik Kuhlmann, Recherche und Stückfassung Anna Gerhards, Silke Merzhäuser, Julia Roesler. 
Mit: Imme Beccard, Stefany Dreyer, Angelika Fornell, Denia Nironen, Nadine Nollau, Franziska Roloff.
Musikerinnen: Insa Rudolph, Isabel Meisel, Lisa Stepf. 
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause 

www.dt-goettingen.de

 

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Mehr zu unserem Niedersachsen-Schwerpunkt finden Sie im nachtkritik.de-Lexikon unter dem Stichwort Niedersachsen-Schwerpunkt. Zum Auftakt schrieb André Mumot den Überblicksartikel Punktsiege auf dem platten Land.

 

Kritikenrundschau

Auf HNA.de, der Website der Hessische / Niedersächsische Allgemeinen (7.4.2013) schreibt ein_e ungenannte_r AutorIn: Die Interviews mit Sexarbeiterinnen aus ganz Deutschland gäben Einblicke in das Gewerbe Prostitution. Keine der neun Frauen, deren Lebensgeschichten vorgestellt werden, schäme sich ihres Berufes, den fast alle "des schnellen Geldes wegen" gewählt hätten. Der "analytische Kern des Stücks": Die "Doppelmoral einer sich aufgeklärt gebenden Gesellschaft, in der Prostitution zwar rege in Anspruch genommen, gleichzeitig aber geflissentlich tabuisiert wird". Mit meist schrägem Humor würden dem Publikum die Berührungsängste genommen. Nie würden die "allesamt großartig dargestellten Charaktere" der Lächerlichkeit preisgegeben, vielmehr verleihe die feinfühlige Inszenierung ihnen eine Stimme. Bei Prostitution gehe es selten um "bloßen Sex". Vielmehr stünde das "oft therapeutische Eingehen der Frauen auf männliche Bedürfnisse" im Vordergrund, das Entstehen von Machtstrukturen und Geschäftsbeziehungen.

Diese Inszenierung beschönige nichts, so Angela Brünjes im Göttinger Tageblatt (7.4.2013). "Sie setzt die Prostituierten weitgehend selbstbewusst und nicht herablassend in meist knapper, roter Arbeitsgarderobe und mit deutlichem Jargon in Szene." Am Ende werde klar, dass bei jeder die selbstbewusste Rechtfertigung für den Verdienst im Vordergrund stehe und keine wirklich von ihrer Arbeit überzeugt sei. "Das ist eine Stärke der Inszenierung, die subtil die heutigen Varianten weiblicher Abhängigkeit im ältesten Gewerbe der Welt darstellt. Umso überflüssiger ist deshalb die Szene mit dem potenten Kaninchen, das eine Dame nach der anderen mit Geld und Nachfrage beglückt."

"'Rotlicht' ist ein herausragend gutes Theaterstück!", jubelt Jürgen Jenauer auf NDR Kultur (7.4.2013). Regisseurin Julia Roesler beweise "ein sicheres Händchen für die Balance aus guten Gags und emotional tief anrührenden Momenten in denen es still wird im Saal". Auf der Homepage der Deutschen Welle (8.4.2013) konkretisiert er: Herausgekommen sei eine äußerst authentische Milieustudie, "es gibt keine Tabus an diesem Abend im Deutschen Theater. Dazu werden die Zuschauer aufgefordert, die Damen, die sich im Schaufenster auf der Bühne räkeln, anzurufen. So entsteht eine direkte Kommunikation, die Distanz zwischen Bühne und Saal wird beinahe komplett aufgehoben."

 

 
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