Vom Original zum Mythos

von Willibald Spatz

München, 14. Mai 2013. Der originale Mensch Roberto Succo hat den Schriftsteller Bernard-Marie Koltès irgendwie gepackt, als er ein Fahndungsplakat von ihm gesehen hat. Er hat die Geschichte recherchiert, hat Zeitungsartikel gesammelt, bis er genug Material hatte, um ein Stück über ihn zu schreiben. Vielleicht hat er versucht zu verstehen, was einen bewegt, der anscheinend grundlos seine Eltern umbringt, vergewaltigt und beliebig Fremde ermordet; sein ursprüngliches Anliegen mag es gewesen sein, nachzuvollziehen, wie jemand von sich sagt: "Ich bin ein Mörder, ich töte beruflich Menschen." Das klingt beinahe unschuldig.

Im fertigen Stück "Roberto Zucco" existiert diese reale Person allerdings nicht mehr, sie ist als theatrale Figur noch viel ungreifbarer geworden, eine reine Projektionsfläche, wenn man so will, die als Text weiterexistiert seit etwas mehr als zwei Jahrzehnten. Koltès erklärt nichts, er macht auch nichts plausibel, er leistet einen Beitrag zur Schaffung eines Mythos.

Einer von vielen

Auf einer Bühne bekommt ein Roberto Zucco dann zwangsläufig wieder ein Gesicht: in diesem Fall das von Leon Pfannenmüller. Auch er soll zunächst im Vagen bleiben, am besten gar nicht ins Geschehen eingreifen. Nackt umkreist er ein Baugerüst, das die Bühne einnimmt. Die anderen, die darauf oder drumherum spielen, nehmen ihn gar nicht wahr. In der zweiten Szene, in der er nach einem Gefängnisausbruch seine Mutter aufsucht, ist sein Text ganz gestrichen. Ursula Burkhart spricht monologisch die Sätze der Mutter, überspringt einfach die Teile, die der Sohn sagen soll. Der packt sie irgendwann, erst zärtlich, schnell aber würgend. RobertoZucco2 560 ArnoDeclair uBilder bauen: "Roberto Zucco" © Arno Declair

Miloš Lolić inszeniert die Gewalt im Stück sehr vorsichtig und präzise. Er wählt seine Ausdrucksmittel sparsam und bewusst aus, um eine möglichst große Wirkung zu erzielen. Er erzeugt auf diese Weise subtil einen Sog, der einen nah an Zucco hinzieht, der einen die Welt aus seinen Augen sehen lässt: Nicht er, sondern die anderen sind die Bösen: "Es sind Mörder. Ich habe noch nie so viele Mörder auf einem Haufen gesehen. Beim geringsten Signal in ihrem Kopf würden sie anfangen, sich gegenseitig umzubringen."

Spielarten der Gewalt

Einmal wird es laut auf dem Baugerüst. Bei einem brutalen Stroboskop- und Bassgewitter wird Zucco selbst zum Opfer, er wird am Rande einer Party solange zusammengeprügelt, bis man buchstäblich selbst Schmerz verspürt. Und als ob das noch nicht genügt, wird ihm Kunstblut ins Gesicht gekippt aus einer Flasche, dessen Rest sein Peiniger auch noch austrinkt.

Spätestens jetzt ist nicht mehr der Mörder der Schlimme, sondern die anderen. Da ist der Bruder des Mädchens, das Zucco vergewaltigt hat. Oliver Möller verkauft seine Schwester im Spiel wunderbar diabolisch an einen Zuhälter, weil er ja jetzt nicht mehr auf ihre Unschuld aufpassen muss. Dieses Mädchen dagegen ist in Wirklichkeit die einzig Unschuldige, die einzige, die in der Lage ist, ein echtes Gefühl zu entwickeln – sie verliebt sich in ihren Vergewaltiger oder in die Liebe als solche, die sie in seine Gestalt hineinprojiziert. Constanze Wächter singt und juchzt auf, wenn von Roberto gesprochen wird.

Schicksals-Mosaik

Alle Schauspieler bringen bei ihrem Auftritt eine dreieckige Spanplatte mit auf die Bühne, auf dem der Ausschnitt eines Bilds gedruckt ist. Nach und nach werden sie alle an das Gerüst geheftet. Es entsteht ein neues Bild, ein riesiges, die komplette Bühnenfront einnehmendes Dreieck, zusammengesetzt auf Versatzstücken. Davor steht das ganze Ensemble außer Roberto Zucco mit bunt bemalten Gesichtern und Blumengewändern am Körper. Sie summen vor sich hin. Sie alle haben einen Mosaikstein zu diesem Mythos beigetragen. Ganz oben steht Zucco mit einem letzten Baustein, einem goldenen Dreieck, bizarr und gottgleich. Doch anstatt das Bild zu vollenden, wird es plötzlich und eilig in einem Gemeinschaftswerk wieder auseinander genommen und in Einzelteilen an der Rückwand gelagert. Und wieder steht Zucco allein da. Ihm bleibt nichts übrig, als abzustürzen und seine Geschichte selbst zu beenden.

Damit ist elegant demonstriert, wie die Menschen aus dem Schicksal eines einzelnen ein Symbol für ihre Zeit und Gesellschaft zu bauen, im nächsten Moment aber, in dem ein neuer Fall in die öffentlich Aufmerksamkeit gespült wird, völlig das Interesse an ihm verlieren. Dadurch bekommt sogar eine Figur wie Roberto Zucco etwas Tragisches. Und Miloš Lolić demonstriert nach seiner Münchner "Bluthochzeit" einmal mehr, wie er in einem konstant durchgehaltenen Crescendo aus einem kleinem Anfang eine große Wucht erzeugen kann.

Roberto Zucco
von Bernard-Marie Koltès
Regie und Bühne: Miloš Lolić, Kostüme: Yvonne Kalles, Licht: Günther E. Weiß, Dramaturgie: Ivona Šijaković, Kilian Engels. Mit: Jean-Luc Bubert, Ursula Maria Burkhart, Johannes Meier, Justin Mühlenhardt, Oliver Möller, Leon Pfannenmüller, Pascal Riedel, Barbara Romaner, Lenja Schultze, Helmut Stange, Xenia Tiling, Mara Widmann, Constanze Wächter.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Mehr zum Regisseur Miloš Lolić: Beim Festival radikal jung 2011 war er mit seiner Belgrader Inszenierung von Falk Richters Gott ist ein DJ vertreten.

 
Kritikenrundschau

Lolics Inszenierung setze einen Akzent, spektakele aber nicht unnötig herum, lobt Simone Dattenberger auf merkur-online.de (15.5.2013). Es gelinge  Regie und Hauptdarsteller dann aber nur bedingt, den Mörder nicht als Opfer zu psychologisieren. "Dafür ist der Schauspieler zu sympathisch, zu harmlos und kann zu wenig die stählerne Spannung dieses Gewalttäters aufbauen." Und die Regie sei in sich zerrissen. "Sie möchte einerseits die Koltès'sche Welthaltigkeit bedienen, andererseits doch zeigen, warum Zucco so wurde, wie er ist." Das Geheimnis des Stücks solle gewahrt und gleichzeitig gelüftet werden. "Da das unmöglich ist, verstolpert sich die Regie und wurstelt sich – durchaus auch mit schönen Episoden und sehenswerten Einfällen – dem Ende (…) zu."

Egbert Tholl schreibt in der Süddeutschen Zeitung (16.5.2013): "Das erste, was man vom Mörder hört, ist sein explodierender Schrei, wenn er die Mutter erwürgt. Das ist toll, und danach fangen die Probleme an." Milos Lolic bediene die "verschiedenen Facetten des Stücks offensiv". Es gebe ein "wenig Slapstick", eine "bollernde Disco-Szene", ein "bisschen Gekreische". "Knapper, pointierter", wäre besser gewesen, findet Tholl. Constanze Wächter als das Mädchen etwa sei "enorm präsent in der präzis gefassten Sprache". Kaum "heult sie", werde die Figur uninteressant. Immer wenn Lolic sich "auf die Reduktion verlasse" sei der Abend "böse, schillernd und klug" und habe viele "tolle Momente". Aber: "Mit zu vielen Ideen, einem unpassend wirkenden Aktionismus" verhunze Lolic sein an sich tolles Ende. Ein Abend, der "bei allem irritierenden Eigensinn oft Respekt abverlangt".

Kommentar schreiben