Die Welt ist eine Scheibe

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 8. Oktober 2013. Die Welt ist eine Scheibe. Eine Scheibe von Meat Loaf. DIE Scheibe von Meat Loaf, die den Schmachtrocker Ende der 70er Jahre zum Weltstar machte: "Bat Out of Hell". Sie ist vergrößert und in der Mitte im 90 Grad Winkel hochgeklappt, so dass sich eine schwarze, halbrunde Bühne mit halbrunder Hinterwand ergibt für die vier She She Pop Performer Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou und Sebastian Bark.

Es ist dunkel, und die vier stimmen den ersten Meat Loaf-Ohrwurm an. Lisa Lucassens kräftige Stimme, durch die ein bisschen Zigarettenrauch weht, gibt den Ton an, die anderen machen schubi-du. Schön ist das, macht effektiv, wenn auch billig Lust auf die "Schöpfungsgeschichte", als die "Ende" angekündigt ist. Schöpfung und Ende, damit ist ein sehr großer Rahmen gesteckt für diesen Abend in der kleinsten Spielstätte des HAU.

Ordnung schaffen

Sieben Tage hat Gott gebraucht, um die Welt zu erschaffen, sieben Lieder hat Meat Loafs "Bat Out of Hell" – ob das Zufall ist oder nicht, ob Gott von Meat Loaf oder Meat Loaf von Gott abgekupfert hat, das ist eine Glaubensfrage, die nicht erörtert wird. Man könnte sich aber durchaus vorstellen, dass einer der Performer sie aufwirft. Denn "Ende" ist ein sehr freier, kippliger Abend, der sich länger anfühlt als die anderthalb Stunden, die er dauert.

ende 560 benjaminkrieg uSchöpfung à la She She Pop: "Ende" © Benjamin Krieg

Mieke Matzke stellt sich anfangs als Gott vor und ihre Mitspieler als Eva (llia Papatheodorou), Adam (Sebastian Bark) und Die himmlischen Heerscharen (Lisa Lucassen). Gottes Aufgabe ist es, die Bühne aufzuräumen, auf der zu Beginn alles mögliche Zeug durcheinanderliegt, was im Laufe der Proben herangeschleppt wurde. Gotts Ende ist also die Ordnung. Evas Ende ist die Zerstörung der Frauen-Klischees, die ihren Mitspielern zahlreich einfallen. Adam schränkt seine körperliche Bewegungs- und Äußerungsfreiheit sukzessive so weit ein, dass er am Ende quasi "locked-in" nur noch, melodisch in das in seinen Mund gepfropfte Mikrophon hauchend, Die himmlischen Heerscharen bei ihrem Meat Loaf-Exorzismus begleiten kann. So bezeichnet Lisa Lucassen ihre Abarbeitung des Albums durch mindestens Ansingen sämtlicher Songs – ein Exorzismus muss deshalb betrieben werden, weil sie sich allzu sehr von dieser Musik, die in ihrer ersten Erinnerung auf dem Plattenspieler ihres Bruders lief, geprägt fühlt.

Fortschrittliche Geschlechterfragen

Und damit wäre man auch beim She She Pop-Charme dieses Abends: dem fliegenden Wechsel der vier zwischen Privat- und Performerpersönlichkeit, zwischen Egotrip und Gesellschaftsspiel. Der erzeugt auch hier einige gute Momente, wenn etwa Ilia Papatheodorou das Klischee der perfekten, reservierten Gastgeberin abruft, die es allen recht machen will – und rüde von Sebastian Bark unterbrochen wird, der über die Fortschritte seiner Selbstbeschränkung berichtet ("Jetzt kann ich mich nicht mehr hinsetzen, und in die Knie gehen kann ich auch nicht mehr"). Und am Ende feststellt, dass er bei all den Hindernissen, die er sich in den Weg gelegt hat, immer noch wunderbar in der Lage ist, die Dominanz seines Geschlechts zu behaupten – und auszustellen. Womit er sich wiederum ja doch untergeordnet hat; und zwar dem Diskurs, den Ilia Papatheodorou vorher eröffnet hatte.

Es bleiben aber zu wenige dieser Momente, der Grundton bleibt zu leise. Zum Schluss bricht Lisa Lucassen, die die ganze Zeit sehr schön gesungen hat, aus und grölt den letzten Song schief und heiser. Endzeitstimmung kann das aber nicht mehr erzeugen. Dafür haben es sich She She Pop zu gemütlich gemacht auf ihrer Welt.

Ende
Konzept: She She Pop, Bühne und Kostüme: Sandra Fox und SSP, Choreographische Beratung: Minako Seki, Musikalische Beratung: Max Knoth.
Von und mit: Sebastian Bark, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause.

www.hebbel-am-ufer.de

 

Einen großen Erfolg feierte She She Pop mit ihrer "König Lear"-Adaption Testament (Premiere Februar 2010), für die die Performer drei ihrer realen Väter auf die Bühne holten, zum Theatertreffen eingeladen und vielfach preisgekrönt wurden.

Kritikenrundschau

"In den typisch She-She-Pop-haften, sehr sympathischen, dezenten und witzigen Performancestil schleichen sich zunehmend bittere Töne und düstere Bilder", findet Elisabeth Nehring auf dradio Fazit Kultur vom Tage (8.10.2013). "Bei der Premiere hatte die hintersinnige Mischung aus Alltag und existenziellen Momenten, Biographischem und Grundsätzlichem, Ernst und Witz, Komik und Pessimismus noch ziemliche Längen und nicht jede Szene entwickelte die nötige Dynamik - Probleme, die die großartigen Performancekünstlerinnen und -künstler zweifellos schnell beheben werden."

"Vor einem Anfang sollte also zuerst auch die Möglichkeit des Endes mitgedacht sein, was in unserer Gegenwart der Haltbarkeit allerdings schwerste Arbeit ist. Von dieser Arbeit handelt der Abend, ein schöner Ansatz", findet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (10.10.2013). Durch Einübungen in Strategien des Beendens wollen die vier Performer dem Konservieren ein "Ende" setzten. "Momentweise gelingt das auch listig lakonisch nach dem Prinzip subversiven Bestätigens. Auf die Länge von eineinhalb Stunden aber geht dem Konzept der Spielwitz aus." 

Alles witzig, solange man sich Orangen(haut)bäckchen anklebt und mit finsterer Miene die perfekte Gastgeberin spielt, "danach tut's weh", schreibt Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (10.10.2013). "Indem Matzke die Bühnenrequisiten ordnet, zeigt sie, wie willkürlich Definitionen mitunter sind – kann man schließlich auch ganz anders sehen. Am Ende bleibt eine kleine Schachtel mit Dingen übrig, die nirgendwohin passen. So wie auch an diesem Abend nicht alle Fäden verknüpft werden. Zum Glück!"

Dass Meat Loafs Album sieben Songs habe und Gott sieben Tage für die Weltenschaffung brauchte, sei "wahrscheinlich schon die gesamte gedankliche Klammer des Abends", schreibt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (11.10.2013). Wie so oft bei She She Pop schwanke man als Zuschauer "zwischen Fremdscham und Faszination. Der Seelen-Striptease ist natürlich inszeniert und auf keiner Authentizitäts-Skala zu messen", unangenehm sei er einem mitunter trotzdem. Es gebe "ziemlich viele frauenfeindliche Witze", und "die Idee, dass mit der Ordnung der Welt auch eine Geschlechterordnung entstand, ist ja gendertechnisch ganz interessant. Aber dass sie so platt, didaktisch und unterkomplex daherkommt, ist kaum zu ertragen".

Es sei "sehr vieles an diesem Abend brüllkomisch in seiner Albernheit, aber auch in seiner Absurdität", findet hingegen Andrea Heinz in der Zeit (17.10.2013): Nicht der Akt der Schöpfung werde gefeiert, die vermeintlich genuine und positive Aufgabe des
Menschen. "Hier geht es um den Moment, der danach kommt. Was passiert, wenn etwas in die Welt gebracht wurde – aber aus ihr nicht mehr verschwindet? Man kann an die Geburt des Geldes denken oder die Erfindung von Plastik. Schöpfungen, die womöglich niemals ein Ende finden. Etwas zu schaffen, sagen She She Pop, ist nicht nur eine Leistung. Es ist auch eine Verantwortung. Ein Gedanke, den man öfter einmal denken sollte. Nicht nur in der Kunst."

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