Der Dämon unterm Tisch

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 11. Januar 2014. "So eine Scheiße, ja, so eine Scheiße…" Wohl ein halbes Dutzend Mal wiederholen sie das, dann ist erst mal Pause. Hübsch provokant. Worin besteht denn die Scheiße? Darin, dass die Erbtante in Roulettenburg (Baden-Baden) an einem Nachmittag anscheinend ihr halbes Vermögen verspielt hat. Ein Teil des Publikums bezog den derben Kommentar offenbar auf das bisher Gesehene, denn es blieb nach der Pause fort. Dabei ist der folgende zweite Teil der Düsseldorfer Dostojewskij-Adaption entschieden der bessere. Nein, man muss diesen schrägen, selbstreferenziellen, heillos unökonomischen Dreieinhalbstunden-Abend nicht lieben – und doch ist er vielleicht interessanter und produktiver, als es auf den ersten Blick aussieht. Nach der Pause nimmt das Ganze merklich Fahrt auf; selbst die Gerresheimer Blaskapelle mit ihren dämlichen Iwan-Mützen bläst plötzlich keine bloße Russen-Folklore mehr, sondern von der Hinterbühne her einen dissonanten Sound, der dem entsetzten Publikum gewissermaßen den kalten Atem der Geschichte ins Gesicht wehen lässt.

derspieler3 560 sebastianhoppe xIn der Roulettetrommel des Lebens © Sebastian Hoppe

"Der Spieler", nach dem "Totenhaus", aber vor den berühmteren Romanen 1866 vom Spieler Dostojewskij in wenigen Wochen niedergeschrieben, übrigens eines seiner schönsten, packendsten Bücher, erzählt einerseits eine Parabel auf die Lebensuntüchtigkeit der russischen Aristokratie, die auf Spekulationsgewinne hofft (eigentlich ganz ähnlich den heutigen Börsenfreaks); andererseits aber einfach die ewige Geschichte von Stolz und Eigensinn, deren Variation auch in den späteren Büchern auftaucht. Der Ich-Erzähler Alexej Iwanowitsch, Hauslehrer bei einem bankrotten General, liebt dessen Stieftochter Polina, beginnt ihretwegen zu spielen, gewinnt, verliert, gewinnt, aber in der entscheidenden Nacht läuft Polina aus Stolz zu einem anderen Mann über. Ein junger Mann begehrt eine Frau, wird frustriert, vergeudet seine Intelligenz in einer Spielhölle – das ist alles.

Spielen aus Übermut

Es ist am Ende fast rührend zu sehen, wie der Regisseur Martin Laberenz (Jahrgang 1982) doch noch die komplette Story mit allen Windungen nachzuerzählen versucht; Konzentration aufs Wesentliche ist hier nicht angesagt. Gleichzeitig aber bekommen die Figuren nach und nach Format – wenn auch nicht immer aus den richtigen Gründen. Da wäre zum Beispiel die exzentrische Großtante, im Buch eine zum Brüllen komische Figur, die im Rollstuhl aus Moskau angerauscht kommt, mit ihren irrwitzigen Einsätzen fast die Bank sprengt, ihre Sippschaft rüde brüskiert, am Ende alles verspielt: Karin Pfammatter muss buchstäblich ihr letztes Hemd ausziehen, während der Croupier ungerührt ihre Geldscheine zerreißt – ein starkes Bild zwar, aber die Tante spielt nicht aus Verzweiflung, wie es hier scheint, sondern aus purem Übermut. Aus Misstrauen gegen die Psychologie des Romans (ein Misstrauen übrigens, das die meisten Klassikeradaptionen auszeichnet) wird hier Entscheidendes übersehen.

Dabei stehen Martin Laberenz ausgezeichnete Schauspieler zur Verfügung. Edgar Eckert, ein wunderbar nervöser, impulsiver, geradezu explosiver Spieler, ist eine fabelhafte Besetzung für Alexej, für eine Figur also, die im wesentlichen aus Temperamentsausbrüchen besteht. Auch Sebastian Grünewald in der Rolle des Rivalen, des Engländers Astley (eine der für Dostojewskij so typischen prekären Männerfreundschaften wird hier verhandelt), Anna Blomeier und Sarah Hostettler als junge Frauen, Florian Jahr als blasierter Marquis, Michael Abendroth als General sowieso – also die ganze Riege ist jederzeit sehenswert.

Investition: Leidenschaft

Die Bühne von Volker Hintermeier zeigt eine bühnenhohe, mal stillstehende, mal rotierende Roulettetrommel; die ständig wechselnden Kostüme von Adriana Braga Peretzki sind üppig bis verschwenderisch – sollten die fehlenden 5,4 Millionen aus dem Schauspielhaus-Etat am Ende im Kostümfundus stecken? Im Ernst: Angesichts des enormen und meistens auch klugen Einsatzes, der an diesem Abend aufs Spiel gesetzt wird, hätte der Ertrag noch höher ausfallen können. Eine straffere Dramaturgie, einige beherzte Striche hätten gutgetan. Aber vielleicht hat das Theater mit dem Roulette ja mehr zu tun, als man meint. Man investiert viel, nicht zuletzt an Leidenschaft, und weiß doch nie so genau, wie der unterm Tisch bzw. unter der Bühne hockende Dämon das Ganze verdaut.

 

Der Spieler
von Fjodor Dostojewskij
Deutsch von Swetlana Geier, in einer Bearbeitung von Martin Laberenz und Katrin Michaels
Regie: Martin Laberenz, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Friederike Bernhardt, Licht: Jean-Mario Bessière, Dramaturgie: Katrin Michaels.
Mit: Edgar Eckert, Michael Abendroth, Anna Blomeier, Karin Pfammatter, Sebastian Grünewald, Sarah Hostettler, Florian Jahr, Friederike Bernhardt.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Mehr zu Dostojewskis Der Spieler auf der Bühne? Im letzten Jahr vermischte in Leipzig Frank Heuel Motive des Romans mit Godard-Sequenzen, Frank Castorf revitalisierte sich mit seiner 5-Stunden-Version 2011 zu alter Größe. Martin Laberenz übrigens hat bereits Dostojewski-Erfahrung: 2012 inszenierte er in Leipzig Schuld und Sühne.

Kritikenrundschau

Annette Bosetti schreibt in der Rheinischen Post (13.1.2013): Wenn Michael Abendroth vor der Pause ein Extemporé mit aktuellem Einschlag halte, sei aus dem "ernsten Stoff" längst ein Lustspiel geworden, die Anspielungen auf die aktuelle Krise des Düsseldorfer Hauses verstünden eh nur Eingeweihte, das Ganze drohe zur "Spielshow" zu verkommen. Erst sehr spät am Abend  werde die Inszenierung "eindringlich, grundsätzlich, erzählerisch, gut". Jetzt dringe Dostojewski "durch". All die "schiefen Ebenen und dunklen Winkel", die das Bühnenbild böte, würden von der Inszenierung geschickt genutzt. Aber offenbar sei das Erzählen unwichtig, Laberenz lege den großartigen Schauspielern "das Stück vor wie ein Hundetrainer dem Tier den Köder". Er lasse ihnen "Freiheiten und Raum zum Improvisieren". Das gerate mitunter befremdlich wie bei Karin Pfammatters großer Szene. Am Ende bedauere man den Besuch dennoch nicht.

In der Westdeutschen Zeitung (13.1.2013) schreibt Max Kirschner mit Kurzweil habe Martin Laberenz wenig im Sinn. Er sei Dostojewski "erlegen. Sonst hätte er die Handlung stärker "konzentriert". Trotz "bravouröser, sich verausgabender Schauspieler", trotz "eindrucksvoller Bilder" von Volker Hintermeier, die sich "in das Gedächtnis einstanzen" und trotz der "zauberhaft fantastischen Kostüme von Adrian Braga Peretzki": Der "feinnervige Literatur-Besessene" Laberenz überfordere das Publikum. Er lasse die Handlung "zerfransen", den Schauspielern "allzu freien Raum für Übertreibungen und Kabinettstückchen". Erst ganz zum Schluss, in der Paris-Szene, hebe der Abend ab, zeige den Spieler "in seiner Seelenpein".

Ein Anonymus schreibt in Welt kompakt (13.1.2013), Karin Pfammatter spiele, sich nackt in Geldscheinen wälzend, sich in die Herzen der Zuschauer. Die Premierengäste hätten "spontan applaudiert". Laberenz Bearbeitung erzähle "den großen Bogen des Romans" nach, weiche aber immer wieder von der Handlung ab, um den Schauspielern "Freiraum für Improvisationen" zu schaffen. Das gesamte Ensemble spiele glänzend. Am Ende entferne sich die Bearbeitung weit vom Roman, Dialoge zögen sich hin, das Stück verliere an Dynamik.

 

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