Das gestische Repertoire ist beschränkt

von Martin Krumbholz

Duisburg, 16. August. 2014. Die Uraufführung 1913 war ein Skandal. Das Pariser Publikum konnte die rhythmischen Kaskaden und die provokanten Dissonanzen des "Frühlingsopfers" von Igor Strawinsky nicht ertragen, und Nijinskys Choreografie machte es anscheinend nicht besser. Romeo Castellucci – der kein Choreograf ist – erzählt auf dem Programmzettel, wie ihn diese Musik, dargeboten von Männern mit Seitenscheitel und im Frack, als Siebzehnjährigen begeistert habe: erschütternder als eine Punkband und radikaler als der Schrei von Sid Vicious. Mit einer vergleichbaren Reaktion ein Jahrhundert später hat der Performer Castellucci nicht gerechnet; wie denn auch, das Ganze sei eher kontemplativ. Und die Tänzer fehlen.

40 Kübel Knochstaub

An ihre Stelle treten "40 Maschinen", wie es schon im Untertitel des Abends heißt. Die Musik kommt vom Band, eingespielt von "MusicAeterna" unter Leitung von Teodor Currentzis. Wenn das berühmte Fagottsolo am Anfang ertönt, ist es noch dunkel. Dann erglühen einige Neonröhren, und hinter einem Gazevorhang sieht man in der Höhe der Bühne in der Duisburger Gebläsehalle die 40 Trichter, Mischer oder Trommeln, die den Knochenstaub freigeben werden: das szenische Material, das in Castelluccis Interpretation eine neue symbolische Ebene schafft.

Knochenasche, auch Kalziumhydrogenphosphat genannt, wird in der Landwirtschaft verwendet, um den pH-Wert übersäuerter Erde anzuheben und so bessere Ernteerträge zu erzielen. Die Knochen stammen von toten Tieren. Sie werden bei Temperaturen zwischen 1000 und 1300 Grad Celsius zermahlen, dann mit Hilfe von Wasser in jene superfeine Konsistenz versetzt, die dem Düngemittel eignet, wenn es aus Containern über Ackerböden gesprüht wird; bei Ausflügen aufs freie Land kann man das gelegentlich beobachten.
Dass die Tiere – Rinder vor allem – anders als das menschliche Opfer in Strawinskys Ballett ohne jedes Opferritual zur Schlachtbank geführt werden, merkt Castellucci zwar an, nicht ohne allerdings einzuschränken, es gehe ihm nicht um irgendeine ethische Verurteilung. So wenig übrigens wie Strawinsky, der von der archaischen Kraft des heidnischen Rituals eher fasziniert war, als dass es ihm ein humanes Anliegen gewesen wäre, derlei post festum anzuklagen.

sacreduprintemps1 560 wonge bergmann uNicht mehr und nicht weniger: Knochenstaubchoreographie  © Wonge Bergmann

Was ist in der Gebläsehalle nun zu sehen? Zum Rhythmus der Musik beginnen nun die Industrie-Behälter unter der Decke zu "tanzen" und den Knochenstaub freizugeben, 30 Tonnen insgesamt, der sich in feinen Kaskaden auf den Bühnenboden ergießt. Nicht eigentlich der Staub ist es, der tanzt: Die Behälter sind es. Rote Dioden leuchten auf wie Warnlampen auf der Kirmes, und auch die rotierenden oder gegenzyklisch pendelnden Behälter gemahnen entfernt an Schiffsschaukeln oder andere Jahrmarktselemente, in denen Menschen sich durch die Luft wirbeln lassen. Der Staub tut nicht viel: Er rieselt. Sein gestisches Repertoire ist beschränkt.

Rieseln statt jauchzen

Das Vergnügen – es ist, der Dramaturgie der Vorlage folgend, auf Steigerung angelegt – währt nicht lang. Staubfontänen spritzen kurz vor Schluss gegen den Gazevorhang und zerplatzen dort. Dann zieht Castellucci einen zweiten Vorhang vor, auf dem er in einer Schriftprojektion die industriellen Vorgänge genau erklärt, während die Musik sich ihrem rauschhaften Finale nähert. Wenn das Spektakel insgesamt ein wenig enttäuscht, liegt es vielleicht auch daran, dass der Performer sich lichttechnisch nicht groß anstrengt, sich mit eher fahlem Arbeitslicht begnügt. In einem gleißenden, zum Duktus der Komposition passenden "Festlicht" hätte der Staub sich womöglich eher angeschickt, nun ja, zu schweben, zu wirbeln, zu jauchzen, zu tanzen. So aber? Rieselt er.

Wer jemals Pina Bauschs Choreografie des "Frühlingsopfers" gesehen hat – eine noch vergleichsweise konventionelle Arbeit von ihr – weiß, dass auch anwesende Tänzer eine der Musik kongeniale Dynamik entfachen können (Castellucci bestreitet das). Mag sein, dass die Entscheidung des Italieners, den Tanz zur Idee, nicht zum Mittel der Aufführung zu machen, zeitgemäßer und dem Spielort – der ehemaligen Industriehalle – angemessener ist. Das Konzept als solches ist also stimmig. Nimmt man es fürs Ganze, darf man zu dieser 30-Tonnen-Performance zustimmend nicken.


Le Sacre du Printemps
Choreografie für 40 Maschinen mit Musik von Igor Strawinsky
Konzept, Regie: Romeo Castellucci, Sound: Scott Gibbons, Künstlerische Mitarbeit: Silvia Costa, Aufnahme: MusicAeterna, Musikalische Leitung: Teodor Currentzis.
Dauer: 45 Minuten, keine Pause

www.ruhrtriennale.de

Mehr zu Sacre du Printemps: 2012 brachte Laurent Chétouane bei der Ruhrtriennale eine Choreographie mit menschlichen Tänzern heraus.


Kritikenrundschau

"Castellucci, einer der innovativsten und geradlinigsten Theatermacher der Gegenwart, ist auch ein Moralist", so deutet Michael Stallknecht von der Süddeutschen Zeitung (18.8.2014) Castelluccis Übersetzung des Stawinsky-Themas "Fruchtbarkeitskult" in die heutige Düngemittelindustrie, der dabei der kultische Überbau fehle. Die Inszenierung sei "ein Volltreffer", so der Kritiker. "Denn wie Stravinsky bei seinem archaischen Ritual das Orchester in eine gigantische Maschine verwandelt, belebt Castellucci nun einen Maschinenpark, verzaubert ihn zurück in einen fauchenden, keuchenden, kotzenden Drachen, in ein antikes Ungeheuer, das zugleich wir selber sind, wir, die fleischfressenden Massen." Und: "Wie bei Stravinsky reichen sich Archaik und Apokalypse, Fortschrittsemphase und Rückfall in die Barbarei die Hand."

Ein "großer Wurf" ist dieser Abend für Anne Grages in der Westdeutschen Zeitung (18.8.2014). "Die Sacre-Musik allein nimmt den Zuhörer schon mit – fesselt und bedrückt in ihrer hämmernden Intensität, zerschnitten von Klangfetzen und kreischenden Bläser-Passagen. Dazu lässt Castellucci aus 40 beweglichen Behältern an der Decke sechs Tonnen Knochenasche auf die leere Bühne niedergehen, vom Computer punktgenau gesteuert zu Rhythmus und Dynamik der Musik. Der weiße, geruchlose Staub windet sich in dicken Strahlen, wallt wie ein zarter Voile, platscht wie aus Kübeln." Die Infos über die Herkunft des Staubs ließen das Publikum still und betroffen zurück, deutet die Kritikerin die Reaktionen.

"Romeo Castellucci erinnert an einen Spitzenkoch, der einen mit tollen Vorspeisen heißmacht und dann das Hauptgericht verweigert. Vom Dessert mal ganz zu schweigen." So berichtet Stefan Keim in der Welt (18.8.2014). Denn die "eindrucksvolle Show" des Knochenmehl-Regens werde bald durch Erklärtexte, "die eigentlich ins Programmheft gehören", unterbrochen, ehe die Bühnenarbeiter zum Kehraus anrücken. "Nicht nur des Wortspiels wegen drängt sich die Vermutung auf, Castellucci habe seine Ideen zu schnell verpulvert. Vielleicht war am Ende der Inszenierung einfach noch zu viel Musik übrig. Wohlmeinender könnte man ihm unterstellen, er wolle die starke Maschinenshow absichtlich abbrechen, damit die Sache nicht zu kulinarisch-spektakulär wird."

Castellucci habe "zweifellos höchst ungewöhnliche, irritierende Bilder gefunden für Igor Strawinskys wild bewegtes Ballett über ein heidnisches Frühlingsopfer", berichtet Peter Jungblut für die Sendung "Allegro" auf BR-Klassik (18.8.2014). Doch sei sein Ansatz auch "ziemlich oberflächlich". Strawinsky sei es in seinem Ballett "um die ungezähmten, urwüchsigen Naturkräfte im Menschen, um das Triebleben, den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen" gegangen. "Da erscheint es nicht gerade naheliegend, das Thema mit Hilfe eines gigantischen technischen Apparats zu bebildern, mit Neonlicht auszuleuchten, kurz und gut, eine sehr sterile Atmosphäre zu schaffen." Das Mehl reiche als Theatermittel nicht aus. Es bleibe "der Eindruck, Castellucci habe kein 'Maschinenballett' inszeniert, wie eigentlich beabsichtigt, sondern eher ein Mahnmal gegen besinnungslosen Fleischkonsum geschaffen."

Über ein "total aufregendes Maschinenspektakel" berichtet Ulrike Gondorf im Gespräch auf WDR 3 (17.8. 2014, hier im Podcast). Inhaltlich aber meldet sie Zweifel an. Der Inszenierungsgedanke, der das heidnische Opfer als Thema von Strawinsky in die Industriemoderne übersetze, gerate etwas "platt", so die Kritikerin. "Castellucci sagt, er wollte die mächtige Banalität unserer Zeit damit zum Thema machen. Ich fürchte, herausgekommen ist nur eine andere mächtige Banalität."

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