Bürgerkriege auf dem Sofa

von Christoph Fellmann

Zürich, 27. August 2014. Er hat minutiös den Schauprozess gegen das rumänische Diktatorenpaar rekonstruiert (Die letzten Tage der Ceausescus). Er hat den coolen Sound des Genzoids in Ruanda abgehorcht (Hate Radio), die Rede eines Attentäters auf die Bühne gebracht (Breiviks Erklärung) und das Gerichtsverfahren gegen Pussy Riot neu inszeniert (Moskauer Prozesse). Und jetzt also "The Civil Wars". Es wäre leicht, das neue Stück von Milo Rau und seines International Institute of Political Murder (IIPM) vor dem Hintergrund dieser letzten Arbeiten als einen Relaunch zu beschreiben: Der dokumentaristische Zugriff aufs Thema, die titelgebenden Bürgerkriege, er ist gebrochen.

civilwars2 560 marcstephanVon der privaten Loge... © Marc Stephan

Denn was wir sehen, das sind eine Schauspielerin und drei Schauspieler, die in fünf Akten (!) ein paar Szenen (!!) aus ihrem Leben erzählen. Ganz recht, das klingt schon in der Kürze dieses einen Satzes nach Bühnenkonvention und Psychologie. Und mehr noch, es gibt hier sogar einen Deus ex machina, der barocke Musik von Bach, Händel und Pergolesi in die Aufführung träufelt, das Bühnenbild ruft die Allegorie einer barocken Theaterloge auf und die Schauspielerin Sara De Bosschere ein paar Dialoge aus dem good ol' "Kirschgarten" von Tschechow. Und doch: Wir sind hier wieder nah dran am Thema, das Milo Rau erklärtermaßen als einziges interessiert. Auch "The Civil Wars", das am Mittwoch am Theater-Spektakel in Zürich uraufgeführt wurde, erzählt von der Brutalisierung der Gesellschaft.

Die abwesenden Väter

Am Anfang dieser neuen Arbeit stand eine lange Recherche über belgische Salafisten, die in Syrien gegen Assad und für Allah kämpfen. Davon übrig ist im fertigen Stück eine kurze Rahmenerzählung über einen Dschihadkämpfer namens Joris, dessen Vater seine kleinbürgerliche Wohnung mit grünem Sofa, Familienfotos und Nippes verlässt, um von Vilvorde in Belgien nach Syrien zu fahren und seinen Sohn, Joris eben, nach Hause zu holen. Ein Nachbau dieser Wohnung bildet nun die Rückseite der erwähnten Theaterloge, und vielleicht ist es ja kein Zufall, dass man in der Schweiz die Wohnung gelegentlich seine Loge nennt: Sie ist der Ort, von dem aus man auf die Welt blickt. Es sei denn, man verlässt sie, um für die Veränderung dieser Welt das zu tun, was man kämpfen nennt.

"Ich werde in einer Welt aufgewachsen sein, in ihr gelebt haben und in ihr sterben, ohne an einer einzigen kollektiven Aktion teilgenommen zu haben, um sie zu verbessern", sagt Sébastien Foucault im Prolog in die Kamera, die die Gesichter überlebensgroß und in Schwarzweiß auf die Leinwand holt. Hier sitzen sie nun also, Milo Raus vier Akteure, im Reich eines besorgten belgischen Vaters, und erzählen in Französisch und Flämisch über ihr Leben. Genauer und vor allem: Über ihre abwesenden, über ihre toten, psychiatrisch versorgten oder aus guten Gründen zurückgewiesenen Väter. Es ist eine interessante Analogie, dass die Schauspieler sie mit vielen Salafisten gemeinsam haben, über die recherchiert wurde.

Politische Psychoanalyse Europas

Trotzdem wird diese Analogie über die zwei Stunden des Abends überstrapaziert, wenn man sie an der Frage misst, die im Prolog als Ausgangspunkt für die "Civil Wars" gestellt wird: "Was treibt Jugendliche, die hier geboren, die unter uns groß geworden sind, dazu, forzugehen und an den Schrecken eines Bürgerkriegs teilzunehmen, der mit ihnen nichts zu tun hat?" Wie Milo Rau in Interviews gesagt hat, fand er in den Biografien seiner Schauspieler die gleichen, oder zumindest die gleich guten Antworten wie in denen der Salafisten, die er ursprünglich auf die Bühne bringen wollte. Das änderte vollkommen den Charakter des Stücks, aber nicht den Impetus. Nämlich, eine politische Psychoanalyse eines alten Kontinents vorzunehmen, der zwar nicht mehr allzu viele Kriege hervorbringt, aber doch immer wieder neue Krieger.

civilwars4 560 marcstephan u... via Leinwand in die Welt: Sara De Bosschere, Karim Bel Kacem, Johan Leysen.
@ Marc Stephan

Und da sind die verkorksten Vatergeschichten nun bloß ein Teil des großen Bildes. Das Geschehen auf der Bühne ist minimal, hier wird ein Familienfoto vor die Digicam geschoben, da in einer hingekribelten Skizze ein Argument verdeutlicht. Ansonsten herrscht das ruhige, erzählerische Parlando vierer ausgezeichneter Schauspieler. Oft gleicht das Stück einer Sitzung, oder einer Séance. Und das ist nun packend und großartig, wie darin die Gespenster umgehen: vage Schemen von Kriegen, in die der Kontinent verwickelt war und ist. Die Brutalität des Kapitalismus, die den Familienbetrieb der Foucaults auslöscht. Die letzten Ausläufer des Migrationsdramas, die sich in den Quartieren und Kinderzimmern der französischen oder belgischen Vorstädte nochmals zur Katastrophe aufbäumen. Die Bewegtheit der Elterngeneration, der Achtundsechziger, die in einem Citroën am Baum zerschellte, die im Sumpf der Depression endete, oder die sich als Scharade herausstellte, schieres Theater von Mitläufern.

Es ist ein verletzliches Arrangement. Es sind dünne, lose Fäden, aus denen Milo Rau seine europäische Seelenschau spinnt. Erst in seinen nächsten Stücken – "Fuck You, Europa" und "Die Geschichte des Maschinengewehrs" – wird sie sich verdichten. "The Civil Wars" ist noch nicht viel mehr als ein Dräuen, und Sara De Bosschere sagt mit Tschechow: "Wir haben noch nichts. Rein gar nichts, nicht einmal ein deutliches Bild unserer Vergangenheit." Doch indem Milo Rau einen ganz kleinen, privaten Ausschnitt dieses Nichts zeigt, versteht man doch etwas und folgt ihm zunehmend atemlos. Auf tut sich das Bild einer westlichen Normalität, die beim nächsten Klingeln an der Tür oder hinter der nächsten Bildfolge aus dem Fernseher in den Wahnsinn, in die Gewalt oder in die Gehirnwäsche fahren kann. Und von Menschen, die sich daran gewöhnt haben, diese Normalität als Kämpfer oder Krieger zu bestehen. Oder als Schauspieler.

 

The Civil Wars
von Milo Rau
Text und Regie: Milo Rau; Recherche und Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy; Ausstattung: Anton Lukas; Video: Marc Stephan; Licht: Abdeltife Mouhssin, Bruno Gilbert; Ton: Jens Baudisch.
Mit: Karim Bel Kacem, Sara De Bosschere, Sébastien Foucault, Johan Leysen.
Dauer: ca. 2 Stunden und 10 Minuten, keine Pause

www.international-institute.de
www.theaterspektakel.ch

 

Kritikenrundschau

"'The Civil Wars' untersucht Bürgerkriege in der guten Stube und findet Menschen in der Misere unserer Zeit", schreibt Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (29.8.2014) und fragt sich: "Bringt das was: die einzelnen Schrecken zu addieren, zu potenzieren, die Storys engzuführen und die Probleme Europas – Neoliberalismus, Armut und Arbeitslosigkeit, Migration, Wurzellosigkeit und Extremismus – dazu im Subtext hochzukochen?" Und antwortet: Es gehe nicht nur, die meiste Zeit glücke es! "Dank der mätzchenfreien Mimen, dank der konsequenten Distanzierung bei gleichzeitiger Dia-Abend-Intimität spielt sich das Wort mitten in unser Herz."

Milo Rau scheitere diesmal an den gnadenlosen Ansprüchen, die er an seine Kunst stellt, befindet Tim Neshitov in der Süddeutschen Zeitung (29.8.2014). Rau stelle zwar eine für Europa brennend aktuelle, womöglich die einzig wirklich relevante Frage: Was hält uns noch zusammen in einer Zeit, da Radikalismen wuchern, von Islamismus bis Nationalismus, während Umwelt und Sozialstaat den Bach runtergehen? Und als großer Künstler lasse er die Frage unbeantwortet. "Aber die Realität, er kann sie hier nicht gestalten, sie zerrinnt ihm zwischen den Fingern." Es fehle die dicke Frontlinie, es gehe um noch unausgetragene, eiternde Konflikte. Trotzdem sieht Neshitov dann noch "großes Theater", das kommt so: Die vier Einzel-Erzählungen seien nicht repräsentativ im soziologischen Sinne, "da müsste Milo Rau 1001 Europäer auftreten lassen". Sie seien aber "repräsentativ im tschechowschen Sinne". "Im 'Kirschgarten' sagt Anja, die siebzehnjährige Gutsbesitzertochter: 'Was haben Sie mit mir angestellt, Petja, warum liebe ich den Kirschgarten nicht mehr wie früher?' In 'The Civil Wars' spielen Leysen und De Bosschere diese Szene nach. So gut, dass der russische Kirschgarten, was eigentlich eine komische Allegorie ist, die postpatriarchalische, brüsselisierte EU symbolisiert."

"In jedem der vier Individuen auf der Bühne öffnen sich Abgründe, und die bravourösen Schauspieler lassen uns tief hineinblicken", schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (29.8.2014). Was es aber mit der Diagnose einer vaterlosen Generation oder gar Gesellschaft auf sich habe, die geradewegs in die Apokalypse rast (Klimakatastrophe, Migration, Bürgerkrieg, Festung Europa): Da verkürze Milo Rau doch einiges. "Der Überbau klappert beträchtlich." Um grosse Worte sei "dieser mit Thesen und Theorien gewappnete Regisseur" beinahe etwas zu wenig verlegen, wenn er im Programmtext seine Figuren interessanter findet, als es Figuren aus einer Tragödie von Euripides sein könnten, weil sie exemplarischer seien. Rau vergleiche da "sehr unterschiedliche Diskurse miteinander" – und der Vergleich wirke "erst noch" schief. "Denn die nacherzählten, in der Narration nach-erlebten Biografien sind keine Exempla, sondern Beispiele unter zahllosen weitern, die bestimmt gleichberechtigt wären." Trotzdem kommt die Rezensentin zu dem Schluss: "Die kleinen Schwestern, deren Vater über dem Reisekoffer in Tränen ausbricht beim Gedanken an das unterprivilegierte Kind, dem er seine Mitbringsel abkaufte; der Knabe, dessen Mutter die Familie durchfüttert, während das arbeitslose Familienoberhaupt nachts durch das Haus schleicht, Unruhe und Beunruhigung weckend – sie zeichnen ein gesellschaftliches Hologramm, in dem auch wir uns plötzlich wiederfinden." Auf diese Weise spiegele Milo Rau die Welt im Detail.

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