Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war - Feinde der Dramaturgie Vol. 6
"Das ist so dumm! So dumm!"
3. Juni 2025. Da haben wir den Salat. Jetzt hat der Dramaturg im Schweiße seines Angesichts Sinn und Ordnung in einen Abend gebracht, im Progammheft das Kunstwollen auch noch mundgerecht dargeboten – und dann das: Die Kritik schreibt, was sie will! Folge 6 der Serie über Feinde der Dramaturgie widmet sich heute der Theaterkritik.
Von Wolfgang Behrens
3. Juni 2025. Nicht alle Feinde des Dramaturgen (ich setze weiter auf das Mittel des autobiographischen Maskulinums, man:frau verzeihe mir!) sitzen im Theater. Manche agieren auch von außerhalb, und unter ihnen gibt es eine wichtige Gruppe, mit der ich mich im Rahmen dieser Kolumne schon relativ ausführlich beschäftigt habe: die Kritiker:innen.
Regelhafte Reaktionen
Nun ist die natürliche Feindschaft von Dramaturg:innen und Kritiker:innen vielleicht nicht auf den ersten Blick verständlich, denn
1.) soll es sogar Dramaturg:innen geben, die früher selbst Kritiker:innen waren (allerdings waren die schärfsten Kritiker der Elche – wie wir seit F.W. Bernstein wissen – früher selber welche)
2.) übernimmt der Dramaturg ja innerhalb einer Produktion idealerweise die Rolle der Kritik, macht also vor der Premiere genau das, was die Kritik nach der Premiere tut, nämlich kritisieren
und 3.) schreibt der Dramaturg sein Programmheft vor allem für die Kritiker:innen, denen er zu erklären versucht, was sie auf der Bühne zu sehen bekommen, auf dass die Kritiker:innen wiederum ihrer Leserschaft erklären, was sie im Theater erleben könnte resp. erlebt hat.
Der Pressespiegel ist hochgeladen!
Dramaturgie und Kritik könnten also beste Freunde sein, aber die Realität ist leider komplexer – was nicht zuletzt daran liegt, dass die Kritiker:innen nicht immer das schreiben, was der Dramaturg von ihnen erwartet. Es gibt – das sollte man als Kritiker:in wissen – gewisse regelhafte Reaktionen der Theaterleute auf Kritiken: Regisseur:innen behaupten, sie nicht zu lesen; Intendant:innen und Marketingmenschen lesen die Kritik binär auf die Verwertbarkeit oder Nicht-Verwertbarkeit für den Ruf des Hauses hin; Verwaltungsdirektor:innen lesen die Kritik vielleicht in der stillen Hoffnung, der Intendanz werde eins übergebraten; Schauspieler:innen wiederum lesen die Kritik gar nicht, sondern suchen nur nach einer etwaigen Nennung ihres Namens – wird er erwähnt, ist die Kritik relevant (wird er positiv erwähnt, ist die Kritik gut, im andern Falle ist sie schlecht).
Nur die Dramaturg:innen lesen die Kritik wirklich. Wer sich von ihren Reaktionen ein Bild machen möchte, muss sich nur am Montagvormittag nach einem Premierenwochenende auf den Gang der Dramaturgie schleichen, günstigstenfalls in dem Moment, da die Mail eintrifft: "Der Pressespiegel ist hochgeladen." Aus den Büros erhebt sich dann ein Klagegesang, der mitunter auch in Wutgeheul umschlagen kann. "Das gibt's doch nicht." "Wie dumm ist das denn?" "Die hat ja wirklich gar nichts gecheckt!" "Das ist so dumm! So dumm!" "Der kann ja nicht einmal einen richtigen Text schreiben." "Geht es noch dümmer?" "Welchen Abend hat die denn gesehen?" "Einfach nur dumm."
Der eigentliche Witz
Nach außen wird sich der Dramaturg, dem eigentlich nur das Wort "dumm" im Kopf herumkreist, später abgeklärt geben. Er wird sagen: "Mir ist es gar nicht wichtig, ob es eine positive oder negative Kritik ist. Mir ist vor allem wichtig, dass die Kritik gut geschrieben, gut beobachtet und gut argumentiert ist. Mit einer negativen Kritik kann ich leben, mit einer schlecht geschriebenen nicht." Doch innerlich kocht es in ihm, denn einige der Kritiker:innen haben die Todsünde begangen, die Lesart, die er im Programmheft vorgeschlagen hat, nicht in ihre Rezension zu übernehmen. Sie haben die wohlgemeinte Hilfestellung aus der Hand geschlagen – wie anders als dumm kann der Dramaturg das nennen?
Im schlimmsten Fall hackt die Kritik sogar auf den Punkten herum, die der Dramaturg vor der Premiere noch ausgeräumt zu haben glaubte. Er hat etwa aus der Fassung, die ohnehin nur noch 60 Prozent des Ursprungstextes enthielt, in letzter Sekunde noch einmal 20 Prozent herausgenommen. Nun steht in der Kritik: "Dem Abend hätten Kürzungen gutgetan." Der Dramaturg beißt in die Tischkante. "Wenn du wüsstest …", denkt er und fühlt sich in seiner Berufsehre gekränkt. Und den eigentlichen Witz der Inszenierung – dass nämlich in das Stück von Molière ungemein schlau Texte von Agamben, Žižek, Walter Benjamin ("Der Engel der Geschichte") und natürlich Heiner Müller eingelegt wurden – hat auch wieder keine:r begriffen, obwohl er sie im Programmheft noch eigens abgedruckt hat. Im Grunde – wir ahnen es längst – ist der Dramaturg sauer darüber, dass er die Kritik nicht selbst schreiben durfte, denn wer hätte das besser als er gekonnt?
Das letzte Wort
Und hier sind wir schon ganz nah am Kern der natürlichen Feindschaft von Dramaturgie und Kritik, der eigentlich aus nichts als Neid geformt ist. Während es die Kritiker:innen den Dramaturg:innen neiden, dass sie auf einer festen, manchmal sogar gut bezahlten Stelle genau an jenem Ort sitzen und Strippen ziehen können, um den das Denken der Kritiker:innen tagaus, tagein kreist (und manchmal gerieren sich Kritiker:innen ja auch wirklich als Fortsetzung der Dramaturgie und verbünden sich weiterdenkend mit der Ausrichtung eines bestimmten Theaters), neiden es umgekehrt die Dramaturg:innen den Kritiker:innen, dass sie sich ihre Unabhängigkeit bewahrt haben und im Zweifelsfall das letzte Wort behalten dürfen.
Wahrscheinlich sind Kritiker:innen und Dramaturg:innen einfach aus demselben Holz geschnitzt. Wen wundert's da noch, dass sie sich hassen?
Was bisher geschah: Hier geht's zu den ersten Folgen der Serie, Folge 1: Im Würgegriff des Marketings | Folge 2: Die natürliche Feindschaft zu Grafikagenturen | Folge 3: Der Dramaturg vs. The Actor | Folge 4: The Saftladen: das KBB | Folge 5: Stirb langsam, Regie!

Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war
Wolfgang Behrens
Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik an der FU Berlin. Von 2017 bis 2024 war er am Staatstheater Wiesbaden tätig, erst als Dramaturg, dann als Schauspieldirektor. Zuvor war er zehn Jahre lang Kritiker und Redakteur bei nachtkritik.de. Für seine Kolumne wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz.
mehr Kolumnen
meldungen >
- 20. April 2026 Kleist-Preis an Thomas Melle
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
neueste kommentare >
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Hingehen
-
Moskitos, Karlsruhe Kritiker gesucht
-
Süßer Vogel Jugend, Frankfurt Schauspielarrangement
-
Nach dem Leben, Nürnberg Ein Highlight
-
Deutsche Märchen, Leipzig Erfolgssträhne
-
Hermann Nitsch Danke
-
Deutsche Märchen, Leipzig Doppelerfolg
-
Thyra Uhde Tiefstes Mitgefühl
-
Wokey Wokey, München Virtiosität schlägt Inhalt
-
Frauenliebe und - sterben, Hamburg Leichte Irritation



Vor sehr vielen Jahren (Ende der 80er) hat die Dramaturgie des Bochumer Schauspielhaus nach der Premiere von Bechers selten gespielter "Winterschlacht" eine Blütenlese der Kritiken zusammengestellt und hervorgehoben, welche Fehler in den Texten zu finden waren - also eine Kritik der Kritik. Kam bei der kritisierten Kritik irgendwie nicht so gut an.