Delhi, ein Tanz - Theater Freiburg
Die Kunst als Kitt
29. März 2025. Ein Tanz fasst das Elend der Welt zusammen in Iwan Wyrypajews Stück "Delhi, ein Tanz". Am Sterbebett ihrer Mutter verzaubert die Tänzerin alle Anwesenden, aber sie stiftet auch weiteres Unheil. Kamilė Gudmonaitė gibt den Schauspieler:innen in ihrer Inszenierung am Theater Freiburg Raum zum Glänzen.
Von Jürgen Reuß
"Delhi, ein Tanz" am Theater Freiburg © Britt Schilling
29. März 2025. Von Publikumsseite kommen die Schauspieler_innen einzeln herunter, streichen am Vorhang entlang, verschwinden dahinter. Die letzte zerrt ihn auf, gibt den Blick frei auf eine Wartezimmerkulissenwand mit beige-deprimierend gepolsterten Stühlen. Sie hetzt im Altenheimbesucherlook, in den vier der fünf Spielenden gekleidet sein werden, auf die inzwischen auf einem der Stühle platzierte Ekaterina zu, deren Mutter gerade gestorben ist.
Experimenteller Reigen
Die litauische Regisseurin Kamilė Gudmonaitė eröffnet ihre Inszenierung von Iwan Wyrypajews Stück "Delhi, ein Tanz" am Kleinen Haus des Theater Freiburg mit einem doppelten Statement: Das Was ist groß, ein sich entziehendes Metaobjekt, der Tod. Das Wie ist Theater, ein experimenteller Reigen, bei dem der Tod in sieben eigenständige Akte segmentiert jeweils auf einer anderen Position erscheint im Mikrouniversum von fünf Personen, betreut von einer Krankenschwester (Charlotte Will).
Das Wie und das Was: Marieke Kregel, Laura Palacios © Britt Schilling
Da ist also zunächst die Tänzerin Ekaterina (Laura Palacios), die aus ihrem mitfühlenden Schmerz im Elend der Slums von Delhi ihre unwiderstehliche Tanzkunst destilliert hat. Eine Offenbarung für die, die Augen dafür haben. So wie Andrej (Nicola Fritzen), dessen Augen die Kunst allerdings so mit der Person verschmelzen, dass es ihn über der Frage zerreißt, ob er seine Frau Olga und die Kinder verlassen soll. Aber auch die berühmte Tanzkritikerin und Freundin von Alina Pawlowna, der Mutter von Ekaterina, ist hin und weg von ihrem Tanz. Die krebskranke Mutter (Anja Schweitzer) schließlich ist die erste Tote des Siebenakters.
Spielarten der Zerrissenheit
In jeder der sieben Runden enthüllt sich mehr über die Personenkonstellation. Ekaterina ist seit ihrem Tanzerweckungserlebnis im Grunde nicht mehr von dieser Welt. Die Mutter neidet's ihr, lässt sich aber trotzdem auch einmal in den Schoß der Beseelten fallen. Andrej darf diverse Spielarten der Zerrissenheit von komischer Unbeholfenheit bis zur Raserei durchdeklinieren.
Marieke Kregel, Charlotte Will © Britt Schilling
Die Tanzkritikerin (Marieke Kregel) wirbelt als aufgedrehter Sparringspartner durch die Konstellationen, bis sie auf einer Bank mit der Krankenschwester auch mal die Beine hochlegen darf. Als nervendes, bürokratisches Nummerngirl, das von allen für Infos abkassiert, taktet die Krankenschwester (Charlotte Will) die Aktabfolge, bis sie beim angedeuteten Schlussapplaus auch sterben darf. Davor hat es alle anderen getroffen, nur eine, Olga (Doppelrolle Marieke Kregel), hat ihren Selbstmord überlebt.
Vorgeführte Kunstreligion
Dieses Umkreisen des Umgangs mit dem Tod, der Möglichkeit von Mitgefühl und der quasireligiösen Macht der Kunst, bei dem Dialogsequenzen in gewitzter Sprachchoreographie zwischen den Rollen wandern, gibt den Schauspieler_innen viel Raum zu glänzen, den sie auch mit einer guten Ensembleleistung zu nutzen wissen. Dem schaut man gerne zu.
Marieke Kregel, Laura Palacios © Britt Schilling
Warum bleibt am Ende trotzdem ein gewisses Unbehagen? Es hat viel damit zu tun, dass die Regisseurin dem Tanz von Ekaterina das Geheimnis nimmt und ihn als stilisierten Volkstanzreigen bis zum Umfallen vorführen lässt. Wollte Gudmonaitė nicht allein auf die Kunst der wunderbaren Reigenmaschinerie vertrauen und auf das, was die Zuschauenden daraus machen? Dass der Tod auch unser Ende ist, spürt man eher weniger, wenn auf der Bühne alle tot umfallen.
Delhi, ein Tanz
Von Iwan Wyrypajew
Aus dem Russischen von Stefan Schmidtke
Regie: Kamile Gudmonaite, Choreografie: Mantas Stabacinskas, Bühne & Kostüme: Barbora Sulniute, Musik: Dominykas Digimas, Licht: Yannick Hauser.
Mit: Laura Palacios (Ekaterina), Anja Schweitzer (Alina Pawlowna), Marieke Kregel (Frau / Olga), Nicola Fritzen (Andrej), Charlotte Will (Krankenschwester).
Premiere am 28. März 2025
Dauer 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.theater.freiburg.de
Kritikenrundschau
"Das ganz und gar Erstaunliche an Kamilie Gudmonaites von dezenter Kammermusik (Ton: Julien Guiffes) begleiteter Inszenierung ist, dass all diese schweren philosophischen Themen von Schuld und Sühne, Leben und Tod, Sterblichkeit und Vergehen, Kunst und Leid im so präzisen wie mitreißenden Spiel des Ensembles – besonders hervorzuheben sind Marieke Kriegel und Nicola Fritzen – schlackenlos aufgehen. Man folgt den die Chronologie außer Kraft setzenden Episoden, die auch komische Momente haben, mit nicht nachlassender Spannung", schreibt Bettina Schulte von der Badischen Zeitung (31.3.2025).
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