Mit Lämmchen zur Schlachtbank?

17. Januar 2026. Vom sozialen Abstieg und den Mühlen des Weltwirtschaftskrisen-Alltags erzählt Hans Fallada. Und spart dabei die Brutalität der späten 1920er Jahre nicht aus. Annette Pullen bringt die Geschichte mit einem anderen Schwerpunkt auf die Bühne.

Von Erik Zielke

"Kleiner Mann – was nun?" am Hans Otto Theater Potsdam © Thomas M. Jauk

17. Januar 2026. Da steht Hans Falladas trauriger Held Pinneberg schon vor dem eisernen Vorhang. Halb vorfreudig, halb von Nervosität geplagt. Er hüpft von einem Bein auf das andere, kann kaum ruhig stehen und hält begierig Ausschau. Aber da ist sie ja: sein Lämmchen. Gemeinsam begeben sie sich in die Arztpraxis, zahlen, obwohl fast mittellos, als Privatpatienten, erbitten ein Verhütungsmittel – und erfahren unverhofft, dass sie ein Kind erwarten.

Paul Wilms und Charlott Lehmann geben das literarische Paar aus Falladas berühmtestem Werk "Kleiner Mann – was nun?". Er spielt ihn als zutiefst verunsicherten, aber doch willensstarken Mann; sie ist als freche, aber einnehmende Frau angelegt. Beide wissen die Rollen facettenreich zu füllen in Annette Pullens Adaption für das Potsdamer Hans-Otto-Theater.

Im Zeitraffer durch den Weltwirtschaftskrisen-Roman

Die acht weiteren Spielerinnen und Spieler übernehmen zusammen das restliche Figurenarsenal des Romans und treten auch als Erzähler auf, was etwas aufdringlich Didaktisches hat und den szenischen Fluss eher stört, als dass es ihn vorantreiben würde. Kontrastiert wird die psychologische Spielweise der Hauptfiguren mit einer überspitzten bis karikaturhaften Figurenzeichnung beim verbleibenden Personal. Der Tiefe des Stoffs wird das nicht immer gerecht.

Kleiner Mann 3 CThomas M Jauk uEin Job für Pinneberg, um ihn zu verlieren: Paul Wilms mit Kristin Muthwill, Arne Lenk, Chenoa North-Harder und Joachim Berger (v. l.) © Thomas M. Jauk

Im Zeitraffer durchlaufen wir an dem zweieinhalbstündigen Abend (bei einer Pause) die Stationen des Weltwirtschaftskrisen-Romans. Von Lämmchens Elternhaus, wo Pinneberg als Angestellter verspottet wird, geht es bald nach Ducherow, wo er sich als Buchhalter bei einem Düngemittelhändler verdingen muss. Hier wird er Opfer einer Intrige, verliert erneut seine Arbeit, woraufhin Lämmchen, von der dörflichen Enge strapaziert, an die Schwiegermutter in Berlin um Hilfe schreibt.

Das große Handlungspanorama lädt zu schnellen, durchweg spielfreudigen Szenenwechseln auf der zunächst nackten Bühne (Iris Kraft) ein, die sich im Laufe des Abends immer weiter füllt. Historisierende Kostüme (Katharina Weissenborn) werden angezogen und wieder abgelegt. Dazu kommt Jörg Follerts Klangteppich, der ganz und gar auf Atmosphäre setzt.

Demütigungen am laufenden Band

In Berlin wartet nicht das Glück auf Lämmchen und Pinneberg. Die Mutter arbeitet als Hure und ihr neuer Freund Jachmann entpuppt sich als ihr Zuhälter, was in der Inszenierung etwas verschämt auf ein szenisches Minimum zusammengestrichen ist. Pinnebergs neue Anstellung im Warenhaus Mandel stellt sich als harter Konkurrenzkampf heraus. Es dauert nicht lange, dann ist er auch diese Anstellung los. Aus der mütterlichen Wohnung flieht das Paar in eine illegale Behausung in einem Hinterhof. Das Kind lässt nicht lange auf sich warten. Ganz ohne Einkommen verschlägt es sie in eine Gartenlaube außerhalb der Stadt, aber auch hier reißen die Demütigungen nicht ab.

Kleiner Mann 4 CThomas M Jauk uEin Held, der bald am Boden liegt: Henning Strübbe, Paul Wilms und Charlott Lehmann © Thomas M. Jauk

Der Schriftzug "Gewinne", der bald – jeder Buchstabe menschengroß – die Szene dominiert, ist der stetige Hinweis darauf, worum es in dieser Gesellschaft geht, was Pinneberg von sich selbst verlangt und nicht einlösen kann. Aber hätte es dieses offensichtlichen Hinweises überhaupt bedurft? Der Bühnenabend erzählt nach und illustriert. Das passiert nicht ohne Gespür für den Raum und in einigen bewegenden Szenen. Aber Zeichen, die nicht nur Verdopplung wären, sendet er nicht.

Harmlose Gewaltdarstellung

Die Inszenierung krankt an der Überdeutlichkeit, in der die große Geschichte erzählt wird, aber auch daran, dass er die falschen Akzente setzt. Überdeutlich wird die sentimentale Note, die in der literarischen Vorlage bereits enthalten ist. Das geht allerdings auf Kosten der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die Fallada meisterhaft herausgearbeitet hat.

Der Versuch, die Wirtschaftskrise von der politischen Gemengelage jener Jahre zu trennen, muss scheitern. Die Figur des prügelnden SA-Manns, der in Ducherow mit Pinneberg arbeitet, ist zur Unkenntlichkeit zusammengekürzt; die Gewalt der Schutzpolizei, die das Fass zum Überlaufen bringt, gerät merkwürdig harmlos; die politischen Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten werden etwas pflichtschuldig abgehandelt.

Dazu kommt, dass der märchenhafte Schluss, bei dem das Familienglück alles – Hunger, Kälte und deprimierendste Perspektivlosigkeit – wettmachen kann, inszenatorisch nicht aufgefangen wird. Auch dadurch wirkt diese Aneignung eines Romans, der vom Vorabend der Machtübernahme durch die Faschisten erzählt, erstaunlich naiv.

Kleiner Mann – was nun? 

nach Hans Fallada, Fassung: Annette Pullen 

Regie: Annette Pullen, Bühne: Iris Kraft, Kostüme: Katharina Weissenborn, Musik: Jörg Follert, Dramaturgie: Jan Pfannenstiel.
Mit: Paul Wilms, Charlott Lehmann, Katja Zinsmeister, Philipp Mauritz, Jan Hallmann, Henning Strübbe, Arne Lenk, Kristin Muthwill, Joachim Berger, Chenoa North-Harder.

Premiere am 16. Januar 2026

Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.hansottotheater.de

 

Kritikenrundschau

"Die Regisseurin Annette Pullen bleibt, wie immer, nah an der Romanvorlage. Sämtliche Abstiegsstationen sind beibehalten und in der historischen Zeit der 1930er Jahre belassen", so Barbara Behrendt im rbb Inforadio (17.1.2026). "Paul Wilms und Charlott Lehmann geben das gutherzige Paar, wie es im Buche steht." Er, ein großer, trauriger, naiver Junge. Sie, eine kesse, patente Göre in Männerhosen. Die Inszenierung rufte zu mehr Liebe auf, mehr Gemeinschaft, mehr Utopie. Das sei schön, gerade in Zeiten wie unseren, "das ist rührselig. Und auch ein wenig harmlos". 

"Die Bestandsaufnahme auf der Bühne fällt eher karg aus, visuell gibt es nicht viel zu sehen, das Elend wird nicht mal möbliert", schreibt Lars Grote in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (19.1.2026). Weil der Roman nicht gedacht war für die Bühne, "bleibt der Abend szenisch manchmal etwas steif, dialogisch mangelt es an Zugespitztem und rein körperlich an der Bewegung, aus dem Theater seinen Funken schlägt." Im Wechsel werden immer wieder Sätze aus dem Buch gesprochen, "um Anschluss herzustellen und die Handlung elegant zu ölen". 

"Ständige Bewegung von Szene zu Szene, die Figuren sind Getriebene", so Hans Dieter Heimendahl in der Berliner Morgenpost (19.1.2025). Annette Pullen stelle das Geschehen auf die Botschaft der Mitmenschlichkeit ab und rücke die beschworene Solidarität in den Vordergrund. "Dadurch verschiebt sie die Gewichte zwischen den Hauptfiguren." Immer wieder werde vom Bühnenrand das Geschehen erzählt. "Das ist eine Kapitulation des Theaters vor dem Roman! Das hätten wir gern gesehen, nicht vorgetragen gehört! Oder hätte man den Roman gleich gar nicht auf die Bühne nötigen sollen?

"Der große Kommentar zur Lage der Nation, zur Frage, warum heute wie zu Falladas Zeiten extreme Parteien in die erste Reihe gespült werden, ist dieser Abend nicht", schreibt Lena Schneider in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (€, 20.1.2026). Und kritisiert die "ziemlich neunmalkluge Erzählerstimme", die sich immer wieder zwischen die Dialoge schieben würde: "Vielleicht ein Grund dafür, warum einem dieses Paar nicht richtig nahekommt, ihre Geschichte einen gewissen Sicherheitsabstand wahrt, angesichts der gesellschaftlichen Brisanz letztlich erstaunlich ungefährlich bleibt."

 
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