Das deutsche Haus - Deutsches Theater Göttingen
Schönes neues Wohnen
26. Januar 2025. Warum bestehen völkische und männerbündische Ideen auch in einer aufgeklärten Welt? Philipp Löhle widmet sich der Frage in "Das deutsche Haus" in Göttingen. Gewalt, sehr viel Bier und geschickte Diskursverschiebungen werden mit Horrorfilm-Ästhetik zu einer bemerkenswerten Groteske kombiniert.
Von Simon Gottwald
Philipp Löhles "Das deutsche Haus" am Deutschen Theater Göttingen © Thomas Müller
26. Januar 2025. Nachdem das Staatstheater Kassel vor kurzen die DDR in Form von Zonenzombies wiederauferstehen ließ, sind nun am Deutschen Theater Göttingen völkische Zombies zu sehen. Was in "Das deutsche Haus" wie ein weiteres zeitgeschichtliches Theaterstück beginnt, nimmt eine unerwartete Wendung und begibt sich in die Gefilde der Weird Fiction und des Horrorfilms.
Lukas, ein sympathischer Student der Rechtswissenschaften an der Universität Göttingen (wunderbar in der Doppelgesichtigkeit der Figur: Christoph Türkay), sucht nach einer bezahlbaren Unterkunft. So eine in einer Universitätsstadt zu finden, war schon immer schwierig, ist heute aber beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Da ist es ein Glücksfall, dass er sich in ein Gebäude verirrt, in dem Zimmer für schlappe 150 Euro im Monat zu haben sind – Haushälterin und Glasfaseranschluss inklusive.
Horror unklarer Regeln
Nachdem Lukas seine deutsche Herkunft bejaht, seine Trinkfestigkeit bewiesen und seine Bekanntschaft mit dem Katholizismus zumindest nicht völlig abgestritten hat, darf er das Zimmer in dem Haus beziehen, in dem nicht zusammengewohnt, sondern zusammengelebt wird.
Willkommen in der neuen WG: Lukas, in der Mitte Christoph Türkay, muss erst einmal seine Trinkfestigkeit beweisen, eckt aber schnell an in "Das deutsche Haus" © Thomas Müller
Schnell eckt Lukas, der Boxershorts mit Comicdruck trägt und am liebsten mit seiner Freundin telefonieren würde, in dem Männerbund an. Der nämlich setzt Disziplin und das Einhalten niemals klar definierter Regeln an oberste Stelle. Aber ebenso schnell lernt er, der tatkräftigen und demütigenden Unterstützung seiner Mitbewohner sei Dank (Gabriel von Berlepsch als stets überzeugender "Schädel" des WG-Körpers, Andrea Strube und Judith Strößenreuter als nicht wirklich männliche Männer und Daniel Mühe als zuerst überforderter, dann plötzlich sehr grober "Jungritter"), sich in die Gemeinschaft zu integrieren.
Alte Ideologien in neue Körper
So weit, so bekannt. Dass das Verbindungswesen in Deutschland scheel beäugt wird (und nicht immer zu Unrecht), ist keine Neuigkeit. Auf dem Radikalisierungsprozess eines Einzelnen durch Bierrituale und Fechtkämpfe ein ganzes Stück aufzubauen, wäre zwar möglich gewesen, aber nicht besonders innovativ.
Zum Glück schlägt Autor und Regisseur Philipp Löhle eine Volte, die dem Stück eine ganz neue Dimension gibt: Völkisches Gedankengut, Hitlergrüße und Hakenkreuze leben in der Verbindung mit dem Wahlspruch "Omnia pro nobis" ("Alles für uns"). Und wer dieses "uns" ist, beantwortet Lukas' Freundin Pauline: Gemeint ist natürlich Deutschland, nicht bloß weiter, weil die Ideen weitergereicht werden, sondern – weil auch die Gehirne der mit geradezu grotesker Ehrerbietung bewunderten "alten Herren" weitergegeben werden, und zwar an die Körper der Verbindungsneulinge.
Verbindungs-Party mit alten Herren? Achtung, hier werden bald Gehirne verpflanzt: Philipp Löhles "Das deutsche Haus" © Thomas Müller
Alter Rassismus in neuem Gewand, beziehungsweise, in diesem Fall, in neuer Haut. Hier mag der Horror-Aficionado an H. P. Lovecrafts "The Thing on the Doorstep" oder an "Jordan Peeles Get Out" denken, in denen ebenfalls Körper zu sinistren Zwecken gestohlen werden. Vielleicht denkt der eine oder andere auch an Arno Schmidts Gelehrtenrepublik, in der Gehirne auch über Geschlechtergrenzen hinweg verpflanzt werden. Denn zwei der Verbindungsbrüder sind ziemlich eindeutig -schwestern, deren eine zudem Alice heißt.
Gehirn-verpflanzende Todesmaschine
Für den Eingriff wird nicht nur der Kopf des Körperspenders rasiert (Lukas stellt irgendwann fest, sich unter "Glatzen" zu befinden). Es wird auch eine riesige, spinnenartige Maschine benötigt, die eine spektakuläre Leistung des Bühnenbilds ist: Wie von einem eigenen Willen gelenkt, streckt die technoide Todesmaschine ihre Arme aus, um den Nazigeist in einen jungen Körper zu übertragen. Das Bühnenbild in dem Stück ist überhaupt sehr beeindruckend: Wie eine Fortsetzung des Zuschauerraums wirkt das Verbindungshaus mit seinem roten Samt und den goldenen Säulen und Arabesken, und schon zu Beginn wird auf diesem Wege klargemacht: Theater, das ist etwas für deutsche Bildungsbürger.
Umso erfreulicher ist es, dass die "alten Herren" von Frauen gespielt werden (Tara Helena Weiß in einer Mehrfachrolle und Tilla Jeßing, die es selbst unter Gummimasken schaffen, ihren Figuren Farbe zu geben), wird hier doch der elitäre Habitus der Verbindungsmenschen ironisch unterlaufen.
Demonstration rechter Diskurstechniken
Nachdem Lukas Opfer einer Gehirntransplantation wurde, weil er alle Warnungen ignoriert hat, kommt es zum Schwertkampf mit seiner Freundin. Lukas stirbt, aber die Verbindung schlägt daraus noch Profit: Er wurde ein Opfer linker Attentäter, die ihn angriffen, gerade weil die Verbindung ihm alle Freiheiten gab, "zur besten Version seiner selbst" zu werden. Der Aufforderung, für Lukas zu applaudieren, kommen zunächst noch einige Zuschauer nach, bis inmitten immer aggressiverer Aufrufe zum Klatschen klar wird, was gerade passiert. Götz Drescher (Gabriel von Berlepsch) sagt dann auch ganz klar: Klatschen muss das Publikum, also kann es das auch jetzt tun. Spätestens, als dem in die Stille gesprochene "Nein" eines Zuschauers der Applaus der Menge für die Aufführung folgt, ist klar: Überlässt man völkischen Stimmen die Diskurshoheit, wird alles so umgedeutet, dass es einen Sieg für sie bedeutet.
Ein bitterer Nachgeschmack bleibt, aber nicht wegen der Qualität der herausragenden Inszenierung, sondern wegen der Demonstration rechter Diskurstechniken, die auf der Bühne leider genauso gut funktionieren wie im echten Leben.
Das deutsche Haus
von Philipp Löhle
Regie: Philipp Löhle, Bühne und Kostüme: Thomas Rump unter Mitarbeit von Nathalie Noël, Musik: Michael Frei, Philipp Löhle, Kampfchoreographie: Christian Ewald, Dramaturgie: Sonja Bachmann, Regieassistenz: Sarah Maroulis, Florian Elias Ott.
Mit: Gabriel von Berlepsch, Judith Strößenreuter, Andrea Strube, Daniel Mühe, Christoph Türkay, Tara Helena Weiß, Tilla Jeßing.
Premiere am 25. Januar 2025
Dauer 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.dt-goettingen.de
Kritikenrundschau
Philipp Löhle stelle die Mechanismen auf den Prüfstand, mit denen die "träge Mitte der Gesellschaft sich rechtspopulistischen Narrativen anpasst. Sie in Kauf nimmt. Verharmlost. Ein bisschen mitmacht", so Bettina Fraschke in der HNA (27.1.2024). Auf Subtilität setze Löhle also nicht, auch kippe die Schlussszene zu sehr ins Didaktische. Aber "mit welchem Aberwitz sich das Stück steigert, überzeugt". In der Ästhetik wie aus dem Horrorfilm lässt er lässt Zombies aufmarschieren und zelebriere dann eine wirklich gruselige Gehirnmanipulations-Aktion. Ein großes Wow gebühre auch den Schauspielern "für ihre differenzierte und beeindruckende Arbeit".
Diese Verbindungsstudenten geben sich in der Inszenierung so, wie wir uns das vorstellen: hierarchiegläubig, machtbewusst, ekelig elitär und außerordentlich trinkfreudig, schreibt Peter Krüger-Lenz im Göttinger Tageblatt (27.1.2025). "Löhle reitet seine Geschichte ganz nah am Klischee." Fazit: Eine Produktion mit völlig überraschenden Bühnenbild, starkem Ensemble und großem Unterhaltungswert. "Ein wuchtiges Spektakel, das hoffentlich hilft."
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