Die Nacht, als Laurier erwachte - Deutsches Theater Göttingen
Mutters schöne Leiche
15. Dezember 2024. Eine zerrissene Familie trifft sich anlässlich des Tods der Mutter: Michael Lemathe inszeniert "Die Nacht, als Laurier erwachte" des kanadischen Autors Michel Marc Bouchard. Das Stück wurde bereits als Mini-Thriller-Serie verfilmt und könnte eigentlich große Wucht entfalten.
Von Jan Fischer
Michael Lemathe zeigt Michel Marc Bouchards "Die Nacht als Laurier erwachte" in Göttingen © Anton Säckl
15. Dezember 2024. Eine dysfunktionale Familie – eine Schwester, drei Brüder, einer davon mit seiner Frau – alle verbindet ein Geheimnis in ihrer Vergangenheit, trifft sich in einem Leichenschauhaus, um die Mutter auf ihren letzten Weg zu schicken. Das ist die Grundkonstellation in "Die Nacht, als Laurier erwachte", dessen deutschsprachige Erstaufführung Michael Letmathe am Deutschen Theater in Göttingen verantwortet. Eine vielversprechende Konstellation, mit einer Geschichte, die sich auf Mireille Larouche – genannt Mimi – fokussiert, die, als Einbalsamiererin der toten Stars zehn Jahre nicht in ihrem Heimatort war, nun aber ihre verstorbene Mutter herrichtet.
Mimi liebte es in ihrer Jugend, in die Häuser der Nachbarn zu schleichen und sie beim Schlafen zu beobachten – so lange, bis Laurier, der Junge, für den sie schwärmt, währenddessen plötzlich aufwacht. Was dann passiert, bestimmt das Leben der Familie ab diesem Zeitpunkt. Aber was genau das ist, wird in der Inszenierung erst Stück für Stück klar, während der drogenabhängige Elliot, der geschiedene Denis und der ebenfalls suchtkranke, aber schon lange trockene Julien ihre Mutter unter Mimis Ägide präsentabel machen.
Morbider Hintergrund
Das Stück des Autors Michel Marc Bouchard ist auf kanadischen und französischen Bühnen viel gespielt worden, 2022 wurde es als Miniserie verfilmt. In Göttingen wird "Die Nacht als Laurier erwachte" zu einem Kammerspiel im Leichenschauhaus, in dessen Verlauf die Geschwister immer tiefer in das Familiengeheimnis eingesogen werden: Warum hat ihre Mutter Laurier ihr gesamtes Vermögen vermacht? Warum hat Mimi ihre Mutter kurz vor ihrem Tod noch angerufen? Was geschah tatsächlich in der Nacht, als Laurier erwachte?
Vier Geschwister bei der Mutter im Leichenschauhaus: Roman Majewski, Inge Mathes, Nathalie Thiede, Yana Robin La Baume, Lou von Gündell in "Die Nacht als Laurier erwachte" © Anton Säckl
Vieles wird also auf der mit Kettenvorhängen und Bahnhofsklokacheln dekorierten Bühne erzählt, Mimi rückt in Rückblenden stückchenweise damit heraus, dass Laurier sie nicht, wie alle angenommen hatten, in dieser Nacht vergewaltigt hat. Vielmehr hat ihr Bruder Julien die Geschichte erfunden, weil sie einfacher zur erzählen war als das, was Mimi in der Nacht tatsächlich beobachtete: Nämlich, dass ihr Bruder und Laurier – die beiden beliebtesten Sportler der Schule – miteinander schliefen. Lauriers Leben, sein Ruf sind zerstört, und an der Familie geht die Lüge auch nicht spurlos vorbei – vor allem nicht an Mimi, die, als ihr Vater Lauriers Hund überfährt, diesen ausstopft: Der Beginn ihrer Karriere als gefeierte Bestatterin.
Panorama einer Kleinstadt-Gesellschaft
Ein Well-made-Kammerspiel-Psychodrama also, in dem eine Familie vor morbidem Hintergrund analysiert, woran sie kaputtgegangen ist: So weit, so interessant. Und tatsächlich hat "Die Nacht als Laurier erwachte" seine Momente: Moritz Schulze als fein durchgeknallter Eliot mit Rosenkranz in den nervösen Händen, Yana Robin La Baume als weltabgewandte Bestatterin Mimi, Inge Mathes als über anderthalb Stunden bewundernswert tote Leiche, überhaupt: Die Grundkonstellation, das Versprechen der Geschichte.
Therapie im Leichenschauhaus: Yana Robin La Baume, Lou von Gündell und Nathalie Thiede in "Die Nacht als Laurier erwachte" © Anton Säckl
Aber leider zerbröselt all das nach und nach. Es mag an der Sprache des Stücks liegen, oder an der Übersetzung, die oft etwas gekünstelt und holprig wirkt. Es mögen die Figuren sein, deren Psychologie nicht immer ganz konsistent scheint – Mimi, die nicht immer motiviert zwischen emotionaler Eiseskälte und Weinkrämpfen schwant, Denis, dessen Aggression nicht immer ganz nachvollziehbar ist. Es mag der Zufall sein, dass ausgerechnet Julien und Laurier zusammen sind und von Mimi beobachtet werden, der dann doch etwas weit hergeholt scheint. Es mag aber auch nur die Zähigkeit sein, mit der sich die große Enthüllung entfaltet, die vielleicht auch etwas schneller vonstattengehen könnte.
Langsamer Fade-Out
Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass das Stück sich als Kammerspiel stark darauf verlässt, dass die entscheidenden Szenen aus der Vergangenheit nacherzählt werden müssen und sich damit die Möglichkeit nimmt, diese auch zu zeigen. Möglicherweise ist "Die Nacht, als Laurier erwachte" eher als Vorlage für eine Serie geeignet als für eine Inszenierung. Die Wucht dessen, was das Stück verspricht, bleibt aus. Es ist eher ein langsames Tröpfeln, das sich mit einem Auftritt Lauriers in verspiegeltem Motorradhelm in einem langsamen Fade-Out verläuft.
Es gibt viele kleine, lustige oder spannende Momente, ein motiviertes Ensemble, eine Geschichte, die am Ende doch eine Enthüllung bietet, die ein bitteres Bild der Kleinstadtgesellschaft zeichnet, in der es nötig ist, über Homosexualität zu lügen. Der Abend ist aber auch nicht, was er sein könnte, dafür fehlt ein letztes Quäntchen Energie, ein letztes Quäntchen Feinschliff an der Figurenpsychologie, eine echte Entscheidung, ob hier eine schwarze Komödie oder ein ernsthaftes Geselleschaftsdrama gegeben wird, eine letzte Drehung am Regler, um die Wucht, die der Text haben könnte komplett frei zu lassen.
Die Nacht, als Laurier erwachte
von Michel Marc Bourchard
Deutsch von Frank Heibert
Regie: Michael Lemathe, Bühne und Kostüm: Florence Schreiber, Musik: Fabien Kuss, Dramaturgie: Theresa Leopold.
Mit: Yana Robin La Baume, Lou von Gündell, Roman Majewski, Inge Mathes, Moritz Schulze, Nathalie Tiede, Paul Trempnau.
Premiere am 14. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.dt-goettingen.de
Kritikenrundschau
"Sehr dicht entspinnt sich dieses Familiendrama. Dazu trägt die Regie von Letmathe bei, aber auch das Spiel des Ensembles, eine beeindruckende Teamleistung", berichtet Peter Krüger-Lenz im Göttinger Tageblatt (16.12.2024). "Das Publikum würdigte diese ganz kraftvolle Inszenierung mit lautstarkem und ausdauerndem Beifall, besonders laut für 'die Leiche' Mathes."
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