Interviews mit Bäumen - Staatstheater Darmstadt
Durchgeknallt im Frankenwald
21. Dezember 2024. Hollywood trifft tiefste deutsche Provinz – das kann nur zu Schutt und Scherben führen. "Interviews mit Bäumen" heißt das neue Stück von Michael Decar über ein eitles ökologisches Filmprojekt. Der Autor bringt es gleich selbst zur Uraufführung – als beinharten Boulevard mit Bratpfanne und Hornissenstichen.
Von Michael Laages
"Interviews mit Bäumen" von Michel Decar in Eigenregie in Darmstadt © Nils Heck
21. Dezember 2024. Ob der Dramatiker Michel Decar wohl mal richtig schlechte Erfahrungen gemacht hat in Hof, und dort speziell mit der regionalen Zeitung "Frankenpost"? Und ob er die scheppernde Groteske unter dem herausfordernden Titel "Interviews mit Bäumen" deshalb irgendwo im Wald zwischen Kulmbach und Bayreuth, Suhl im alten Osten und eben Hof im Westen angesiedelt hat? Die Story hat es zwar in sich, ist zugleich aber ständig außer sich – und ist vor allem eine irreführende Kulissenschieberei.
US-Filmer im Frankenwald
Denn worum es zu gehen scheint, darum geht es letztlich gerade nicht. Um Bäume zum Beispiel, deren Schutz und deren Überleben. Sie sind nur struppige Staffage für lauter Höllen aus Eitelkeit. "Eine, die aussieht wie die amerikanische Schauspielerin Celeste Cipollini" sowie "Einer, der aussieht wie der amerikanische Schauspieler Bradley Everett" (so distanziert benennt Decar zwei der zentralen Figuren im Stück) haben sich den Frankenwald und die oberpfälzische Provinz ausgesucht, um einen Film für den heimischen US-Markt zu drehen, der beitragen soll zur Rettung bedrohter Baumarten in indigenen US-Regionen, genauer: des "heiligen Waldes der Lakota Sioux". Darum hat sich Cipollini (italienisch hieße sie "Zwiebelchen") vorgenommen, eine "Colorado-Tanne" zu spielen, und Partner Everett soll eine einfache "Douglasie“ darstellen. Schräg.
Schwierige Interviews mit den US-Diven: Laura Eichten und Valentin Erb © Nils Heck
Tatsächlich aber trifft das (angebliche) Filmteam im Frankenwald vor allem ganz banale europäische Fichten an, Amerikanisches ist hier nicht zu haben – darum muss heimisches Blatt- und Nadelwerk halt "umgefärbt" werden. Das ist jedoch nicht ohne Risiko, und gegen Ende erfahren wir, dass das komplette Filmset irgendwann abgefackelt ist – die frische Farbe für alte Frankenwald-Bäume war leider höchst brennbar.
Aber ohnehin geht alles zu Bruch. Schon in den ersten beiden von vier Szenen: "Einer, der sich Leif Marquardt nennt" trifft für die "Frankenpost" zum Interview die Schauspielerin Cipollini. Fragen lässt die überkandidelte Möchtegern-Diva ihn aber gar nichts; stattdessen will sie ihn einspannen für den Streit mit dem bayerischen Landesumweltamt: Dies sei nämlich noch schlimmer als die Umweltschützer daheim in den USA und behindere die Dreharbeiten ununterbrochen; weil etwa Hornissenschwärme zu schützen sind im Frankenwald. Der, der wie Bradley Everett aussieht, ist schon ganz zerstochen und trägt darum im zweiten Interview einen Kopfverband.
Everett wird befragt durch "Eine, die Linda Püschel gerufen wird" und ebenfalls für die "Frankenpost" arbeitet. Sie hat Herrn Marquardt ersetzt, weil der der schrillen Sirene Cipollini irgendwann die Bionade ins aufwändig geschminkte Gesicht geschüttet hat. Frau Püschel ihrerseits wird den ähnlich schwachmatisch überdrehten Everett irgendwann mit (eher zarten) Ohrfeigen traktieren, um ihn aus seinem kleinkindhaften Weltschmerz-Gejammer zu erwecken – und dafür verliert natürlich auch sie den Job bei der "Frankenpost".
Nur die Bratwurst überlebt
Im dritten Bild treffen die beiden Geschassten einander beim Imbiss auf dem Parkplatz vom OBI-Markt; und geraten mit einiger Vorhersehbarkeit in wüstes Konkurrenz-Gezeter. Zutiefst verlogen sind auch sie, genau wie die Film-Fatzkes; und gemeinsam zerlegen sie schließlich den Imbisswagen … nur eine per Video-Kamera beobachtete Bratwurst in der Pfanne überlebt.
Keine Entspannung am Imbiss beim Obi-Markt: Laura Eichten, Valentin Erb und Niklas Herzberg © Nils Heck
Im Finale schließlich sitzen (ebenfalls per Kamera gefilmt) "Colorado-Tanne" und "Douglasie" nebeneinander im Flugzeug zurück nach USA; Cipollini links und Everett rechts zuppeln mit Puppenspiel-Drähten an ihnen herum, damit sie sich ein bisschen bewegen, während sie sich darüber verständigen, dass sie vom Wesen des Menschen an sich weder etwas wissen noch irgendetwas wissen wollen. Tatsächlich sitzen im Bild aber nur zwei wackelnde Weihnachtsbaum-Imitate.
Denunziation überall
Das mag sich nun alles ganz lustig lesen, und das Publikum in Darmstadt amüsiert sich auch ordentlich. Der eine oder die andere könnte allerdings auch den Eindruck gewinnen, dass es sich bei diesem "Schauspiel" (so nennt das jedenfalls die Darmstädter Theaterleitung) vor allem um haltlosen Blödsinn handelt.
Dass Decar nichts wirklich ernst nimmt, vor allem nicht das aufgeplusterte Gutmenschentum amerikanischer Wald- und Baumschützer, mag ja ganz nett sein; auch, dass der Autor nicht nur die farcenhaften Film-Figuren als Abziehbilder der Eitelkeit denunziert, sondern auch Journalist und Journalistin als höchst armselige Bande. Aber womöglich ungewollt denunziert der Text das Ensemble gleich mit: Laura Eichten und Niklas Herzberg als Journaille, Valentin Erb und Gabriele Drechsel als Film-Chargen. Ab und zu schimmert die Ahnung auf, dass dieses Text-Gewurschtel nur dann erträglich wäre, wenn sich ihm eine Gruppe mit radikalster Selbstverleugnung nähern würde …
Aber eben nicht bei der Uraufführung durch den Autor selbst, durchgeknallt im Frankenwald und im Bäume-Breitwand-Bühnenbild von Jana Wassong, eingebettet zudem in die Sound-Sammlung von Bastian Gascho. Und ja – auch Alexandra hat gesungen, der Star aus den 1960er Jahren: Mein Freund, der Baum, ist tot. Ob er an diesem Abend je geatmet hat? Es sah nicht so aus.
Interviews mit Bäumen
von Michel Decar
Regie: Michel Decar, Bühne und Kostüm: Jana Wassong, Video und Sound: Bastian Gascho, Dramaturgie: Laura Kohlmaier.
Mit: Gabriele Drechsel, Laura Eichten, Valentin Erb, Niklas Herzberg.
Uraufführung am 20. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-darmstadt.de
Kritikenrundschau
"Die Frage ist, ob es nicht die dazugehörigen Diskurse mit ins Lächerliche zieht, etwa wenn Repräsentationsfragen anhand der Überlegung gestellt werden, ob ein Mensch einen Baum spielen oder für ihn sprechen darf," schreibt Shirin Sojitrawalla in der FAZ (23.12.2024). "Der Abend müsste komischer sein und seine Spannungslöcher besser umtänzeln, um derartige Überlegungen wegzuwischen. Andererseits ist ein Theaterstück womöglich nur so lustig wie sein Publikum. Ein Wort wie Klimagerechtigkeit taugt in Darmstadt schon zur Pointe." Dem "überspannten Text" hätte aus Sicht der Kritikerin "ein unterspannteres Spiel" gutgetan. "So aber knallt das Ensemble dem Publikum alles im Vollerregungsmodus vor die Füße."
"Was schräg klingt, ist es auch,"schreibt Katja Sturm in der Frankfurter Neuen Presse (23. 12.2024). Zumal das Stück aus ihrer Sicht nicht hält, "was es vom Titel und der Ausgangslage her verspricht. Dass der Wald hier nur aus ein paar trockenen, traurigen Überbleibseln besteht, dass die großen Steine nur Staffage sind und sich der Hintergrund der von Jana Wassong ausgestatteten Bühne schnell als Fototapete mit Tür herauskristallisiert, mag als Symbol für den katastrophalen Zustand von Flora und Fauna hierzulande herhalten. Doch die Handlung entwickelt sich bald weg vom Thema, hin zu einer Slapstick-Komödie, in der es darum geht, aufzuzeigen, dass niemand es ehrlich meint."
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