Schamparadies - Staatstheater Kassel
Furien in da Mietshouse
29. November 2025. Wo verläuft die Grenze zwischen Intimität und sexuellem Missbrauch? Sina Ahlers' für den Heidelberger Stückemarkt 2020 ausgewählter Text dreht sich um vererbte Traumata und ihre Überwindung – unter tätiger Beihilfe zweier Furien, die in Olivia Müller Elmaus Uraufführung nicht von ungefähr an Pussy Riot erinnern.
Von Simon Gottwald
Sina Ahlers' "Schamparadies", von Olivia Müller-Elmau in Kassel uraufgeführt © Isabel Machado Rios
29. November 2025. Licht fällt auf der dunklen Bühne aus einem großen, hellen Kasten. Hinter einem dünnen Vorhang windet sich eine Person wie unter Schmerzen – oder als hätte sie einen schlechten Traum. Der Kasten entpuppt sich als die Wohnung von Vera und ihrer Mutter, ein kleinbürgerlicher Albtraum in Weiß und Beige, gelegen über einer 24-Stunden-Kneipe und an einem Fluss, der den Abfall der Stadt mit sich trägt. Die Mutter ist gelähmt von schrecklichen Erfahrungen, die nicht die ihrigen sind, Vera hingegen versucht, einen Ausweg aus dem Stillstand zu finden.
Mehr als Raufaser-Tristesse
In Sina Ahlers' "Schamparadies", 2020 beim pandemiebedingt abgesagten Heidelberger Stückemarkt mit einem Autor:innenpreis bedacht und jetzt erst uraufgeführt, überquert Vera den Fluss und begegnet den Furien Tine und Mascha (herrlich gespielt zwischen Überdrehtheit und Körperbetontheit von Katharina Brehl und Emma Bahlmann). Die Furien bringen Vera eine neue Sprache bei und lehren sie, ihren eigenen Körper zu entdecken. Brehl und Bahlmann treten mit verzierten Sturmhauben auf und rufen damit Erinnerungen an Pussy Riot wach, die mit ganz ähnlicher Kopfbedeckung gegen die russische Regierung demonstrierten.
Befreiender Ausbruch: Emma Bahlmann und Katharina Brehl als Furien in "Schamparadies" © Isabel Machado Rios
Während Vera lernt, dass das Leben sehr viel mehr zu bieten hat als Raufaser-Tristesse, bandelt ihre Mutter mit dem Wirt Matthias (Justin Hibbeler sehr überzeugend als am Leben Gescheiterter) aus der Kneipe "Zum Schlage" an – der aber sehr viel mehr Interesse an ihrer Tochter zeigt. Und dann geschieht, während einer anfänglich harmlosen Begegnung, ein Übergriff, den Mascha und Tine verhindern – sie reißen Matthias weg und weiden ihn aus. Warum die Brutalität? Als Heilungsversuch. Die Furien erklären Mutter und Tochter, dass die Vergewaltigung der Urgroßmutter in ihnen weiterwirkt, und dadurch können diese sich wohl endlich von ihren Verletzungen lösen.
Symbole alter Verletzungen
Diese grobe Zusammenfassung spiegelt die beziehungs- und anspielungsreiche Inszenierung kaum angemessen wider. Suggestive Bilder in Bühne und Sprache (Veras sexuelles Erwachen auf einem kleinen Hügel etwa) treten neben klamaukige Szenen, die überraschenderweise nicht albern wirken, sondern die grotesken Elemente der Inszenierung unterstreichen und verstärken.
Eine schauspielerische Höchstleistung ist es, als die beiden Furien den Leichnam von Matthias ausgraben und ihn, eine an Hüfte und Beinen, die andere an Armen und Mund, so zu lenken versuchen, dass Veras Mutter glaubt, ihr Zukünftiger lebe noch. Das Weiterleben der Traumata früherer Generationen taucht symbolisch auf, wenn Vera glaubt, die Hände der Urgroßmutter geerbt zu haben, und in einem weißen Haar am Kinn, das sich nicht entfernen lässt.
Scham muss die Seite wechseln
Dazu kommen gelungene Einfälle: Ein ferngesteuerter schwarzer Schwan auf Rädern taucht an entscheidenden Stellen auf, das Bühnenbild aus hängenden blauen Streifen erlaubt eine zunächst schöne Szene, die ins Schreckliche umschlägt, und die Musikauswahl könnte kaum treffender sein, um den Kontrast zwischen der ewig gestrigen Welt der Mutter und jener zukunftsträchtig Ermächtigenden der Furien zu betonen.
Raufaser-Tristesse: Katharina Brehl (Furie), Justin Hibbeler (Matthias), Christina Weiser (Mutter), Emma Bahlmann (Furie) und Zazie Cayla (Vera)
© Isabel Machado Rios
Im Programmheft wird der Schamdiskurs mit dem Prozess um Gisèle Pelicot in Verbindung gebracht, die den Satz, die Scham müsse die Seite wechseln, berühmt machte. So wird dieser Abend nicht nur eine Auseinandersetzung mit transgenerationalen Traumata und mit Klassenunterschieden, sondern auch mit patriarchalen Strukturen, die sexuelle Gewalt noch immer viel zu oft und viel zu schnell verharmlosen und Verhaltensweisen normalisieren, die alles andere als normal sind – oder es zumindest sein sollten. Olivia Müller-Elmaus Uraufführung hallt nach.
Schamparadies
von Sina Ahlers
Regie: Olivia Müller-Elmau, Bühne und Kostüme: Julius E. Böhm, Sounddesign: Jens Kilz, Dramaturgie: Laura Kohlmaier.
Mit: Christina Weiser, Katharina Brehl, Justin Hibbeler, Zazie Cayla, Emma Bahlmann.
Uraufführung am 28. November 2025
Dauer 1 Stunde, 45 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-kassel.de
Mehr zu Sina Ahlers' "Schamparadies": Porträt auf der nachtkritik-Seite zum Heidelberger Stückemarkt 2020
Kritikenrundschau
Von einer "vielschichtigen Collage aus Schauspiel, Bühnenbild, Performance und Sound" schreibt Kirsten Ammermüller in der Hessischen-Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) (1. 12. 2025). Sie hat nur Lob für alle Beteiligten. In einem "großartigen Finale" greife das Stück auch Gisèle Pelicots bekannt gewordenen Worte auf: "Die Scham muss die Seite wechseln." "Das hallt nach, muss sich erst einmal setzen. Begeisterter Applaus im ausverkauften Tif."
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