Wunderbare Anarchie

1. Juni 2025. Von einer Familie, in der alles möglich ist und dadurch nichts mehr, erzählt Sławomir Mrożeks "Tango". Tom Kühnel hat das Stück jetzt in Kassel inszeniert, mit Spieler*innen von RambaZamba, und überträgt das Recht nach familiärer Aufruhr auch auf die Kunst. 

Von Simon Gottwald 

Sławomir Mrożeks "Tango" von Tom Kühnel am Staatstheater Kassel inszeniert © Katrin Ribbe

1. Juni 2025. Artur hat ein ernsthaftes Problem mit dem Haushalt, in dem er wohnt: Dort gilt die Parole "Alles kann, nichts muss". Was erst einmal nach grenzenloser Freiheit klingt, führt für den Medizinstudenten (beeindruckend ausdrucksstark gespielt von Felix Thewanger) in die Orientierungslosigkeit. Wonach sollte man sich auch richten, wenn es keine verbindlichen Werte mehr gibt?

Dass sein Vater Stomil von seiner Frau Eugenia mit der mysteriösen Hausfreundin Edek betrogen wird, sich als Gehörnter jedoch schnell wieder in den Reigen des postmodernen Relativismus und eines Raves einfindet, ist für Artur unfassbar: Er wünscht sich eine Rückkehr zu den alten Werten, als alles noch klar und ordentlich war.

In einem regelrechten innerfamiliären Staatsstreich reißt Eugen die Macht in der Familie an sich, was durch seine Heirat mit der Cousine Ala (herrlich gekünstelt: Annalena Haering) besiegelt werden soll. Doch dazu kommt es nicht, denn Artur erkennt, dass die alten Werte überkommen sind und durch neue ersetzt werden müssen. Artur wählt die Macht über Leben und Tod. Und als er erfährt, dass Ala ihn mit Edek betrogen hat, stirbt er. Fortan hat Edek das Sagen in dem Haushalt, der in der nächsten wilden Party versinkt.

Neue Werte müssen her

Tom Kühnels Inszenierung ist in Kooperation mit dem inklusiven RambaZamba Theater aus Berlin entstanden, und glücklicher hätte diese Entscheidung kaum sein können. Durch die Zusammenarbeit kommt eine ganz eigene Lebendigkeit auf die Bühne, die aber nicht um ihrer selbst willen oder gar als Nummernrevue präsentiert wird, sondern integraler Bestandteil des Theaterabends ist. Eva Fuchs als Edek begeistert mit dem Song "Drei Fotzen mit ’nem Bombenarsch", der das Stück eröffnet.

Wer nach diesem Beginn aber plumpe Provokation erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt, denn die Inszenierung setzt sich überraschend differenziert mit der Rolle von Kunst nicht nur in der gegenwärtigen Gesellschaft auseinander.

tango 539 KatrinRibbeFamilie, die eigene Handlungsmacht, die Rolle der Kunst: "Tango" mit Spielerinnen von RambaZamba von Tom Kühnel am Staatstheater Kassel inszeniert © Katrin Ribbe

In einer Szene verschwindet die gesamte Truppe in einem Katafalk, um sich eine experimentelle Theateraufführung von Vater Stomil anzuschauen. Das Publikum sieht nur den großen schwarzen Würfel des Katafalks und sonst minutenlang – nichts. Schnell entsteht Unruhe, es kommt zu Zwischenrufen. Dass der Spielapparat da vorne auf einmal nicht mehr spielt, das verunsichert. Sind unsere Gehirne inzwischen so sehr von Social Media zersetzt, dass wir einige Minuten Stille auf einer Bühne nicht mehr aushalten? Bedeutet das Vorhandensein einer Bühne nicht auch, dass sie bespielt werden sollte?

Tango versus Techno 

Nicht nur um Kunst geht es, sondern auch um die Handlungsmacht, vulgo Agency, von Menschen mit Behinderung. In Gesprächen über Menschen mit Behinderung schwingt sie häufig irgendwie mit, und sei es nur als Unterton. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach, wie Musiker Arno Knauf im Rahmen eines mitreißenden Schlagzeugsolos und des Songs Arbeitsallergie feststellt: Menschen mit Behinderung können eigenständig denken und sollten doch bitte so behandelt werden wie alle anderen auch.

Dem Tango des Titels, der von Tänzern des Rot-Weiss-Klubs Kassel e. V. in zwei Intermezzi gezeigt wird, stellt sich das dionysische Chaos des Techno entgegen, und am Ende stehen Tänzer und Schauspieler gemeinsam auf der Bühne und lassen die Sau raus. Wie Edek sagt: "Mein Name ist Edek und ich hab euch alle gefickt." Das Ensemble spielt mitreißend: Hagen Oechel ist ein überzeugend rückgratloser Onkel, Helge Ahrens als zweiter Edek zeigt ein paar beeindruckende Tanzmoves, und Annett Kruschke als Eugenia lässt für kurze Zeit sogar vergessen, dass da eine Rolle gespielt wird. 

Große Energie

Das Stück ist manchmal chaotisch, teilweise auch klamaukhaft. An ein, zwei Stellen stößt es vor den Kopf, aber es ist echt, es hat Energie, und vermutlich hat es niemanden in dem nicht ganz vollen Saal kaltgelassen. Die Inszenierung zeigt, was Theater kann, wenn man es lässt: Es kann herausfordernd und gleichzeitig unterhaltsam sein, zugleich komisch und ernst. Es kann sogar ganz ohne Moralkeule und erhobenen Zeigefinger engagiert sein. Dass in dem Stück eine politische Allegorie steckt, die beunruhigend gut auf die Gegenwart passt, ist offensichtlich. Aber an diesem Abend überwiegt der andere, engagierte Aspekt: jener der Inklusion. "Tango" am Staatstheater Kassel sind viele Besucher zu wünschen, insbesondere in deren Interesse.

Tango
von Sławomir Mrożek
Deutsch von Christa Vogel und Ludwig Zimmerer
Regie: Tom Kühnel, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Musik: Stefan Leibold, Dramaturgie: Jacob Höhne, Carlotta Huys, Künstlerische Produktionsleitung: Franziska Niehaus.
Mit: Annett Kruschke, Hagen Oechel, Aljoscha Langel, Felix Thewanger, Nora Quest, Annalena Haering, Eva Fuchs, Helge Ahrens, Arno Knauf.
Premiere am 31. Mai 2025
Dauer 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

Kritikenrundschau

"Die Texte, auch wenn nicht jeder Gedankengang aufgrund der Dichte verfängt, sind ein starkes Zeugnis und ein Aufruf, wachsam zu bleiben", schreibt Kirsten Ammermüller in der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen (2.6.2025). "Kühnel inszeniert ein buntes Spektakel, das gerahmt wird von einem einfachen, aber beeindruckendem Bühnenbild mit bunten Wänden und einem schwarzen beweglichen Kasten (Bettina Meyer). Die Kostüme (Ulrike Gutbrod) unterstreichen die zwei Seiten: die 'alte' Welt in hippen Retro-Kostümen und Artur als Verfechter von Tradition in schlichtem Schwarz mit kurzer Hose und Kniestrümpfen. Ein Bühnenspaß, der nachhallt."

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