Futur4 - Staatstheater Wiesbaden
Der Chat-Bot, dein Freund und Helfer
4. Mai 2025. Was bleibt von einem Leben mit seinen vielen Erlebnissen zwischen Siebenbürgen und Neckermann-Land? Nur das, was eine Künstliche Intelligenz davon abspeichert? Rimini Protokoll initiieren in "Futur4" einen Dialog mit einem denkwütigen Chat-Bot, Gespräche mit dem neuesten und vielleicht letzten Freund des Menschen.
Von Viola Bolduan
"Futur4" von Rimini Protokoll in Wiesbaden © Maximilian Borchardt
4. Mai 2025. Das rollende "R" des Siebenbürgischen Idioms kann der Chat-Bot perfekt, wenn er mit der Person spricht, deren Erinnerungen hier für die Zukunft – die "Futur4" – aufgehoben werden sollen! Er hat es abgelauscht, abgespeichert und nunmehr allzeit abrufbar
Die Expert*innen für dokumentarisch-biografisches Theater, Rimini Protokoll (dieses Mal in Person von Helgard Haug und Daniel Wetzel) sind bei den Wiesbadener Maifestspielen zu Gast und unternehmen in ihrem neuen Stück "Futur4" den Versuch, persönliche Lebensgeschichte durch Künstliche Intelligenz aufzubereiten. Eine Protagonistin, Ursula Gärtner, tritt dem Chat-Bot gegenüber, der aus ihren Erinnerungen gespeist ist und jetzt Versionen ihres Selbst und ihres künftigen Handelns entwerfen soll. Vielleicht, so legen die Theaterleute nahe, wäre die Technik für solche Aufgaben besser eingesetzt als in Kriegsvorbereitungen.
"Der Prompt muss halt gut sein!"
Die 68-jährige Ursula Gärtner erzählt von ihrer Herkunft als Deutsche aus dem rumänischen Siebenbürgen, dem Ausreisewunsch der Familie, dem Freikauf der Rumäniendeutschen durch die Bundesrepublik in den Jahren 1967 bis 1989 und den nicht zu erfüllenden Erwartungen an den Westen.
Gärtner steht in Jeans und bunter Bluse auf der Bühne und schildert ihre Lebensgeschichte – nicht nur vor Theaterpublikum. Sie hat in Xenia Klinge eine professionelle Computerlinguistin in sterilem Kostüm als Partnerin, die mit Ursulas Berichten ihren Chatbot füttert. Wird KI die hoffnungsfrohen, wie auch schmerzlichen Erfahrungen einer Person aus zwei Kulturen adäquat aufnehmen können und speichern, sodass auch die gerade auf die Welt gekommene Enkelin adäquat von ihrem großmütterlichen Hintergrund erfahren kann? Xenia: "Der Prompt muss halt gut sein". Ursula: "Das sagt mein Sohn auch immer".
Ein solch schlagfertiges Pingpong spielen die beiden Personen auf der Bühne nicht immer. Und: So aktuell eine Zusammenarbeit mit Künstlicher Intelligenz für Gedächtnisbewahrung auch ist – ein autonom tänzelndes und funkelndes Gestell ist nicht genug, um Tempo zu erzielen und inszenatorisch geschmeidig in den Bann zu ziehen. Der Ablauf bleibt trocken – da mag die Lichtregie (Joscha Eckert) noch so bunt blinken, Klänge im Hintergrund (Peter Breitenbach) noch so ablenkungsbereit manche Überbrückungshilfe leisten.
Im siebten Himmel
Die Wiedergabe des Erlebten wird vorgeführt auf mehrstufigem Podest, gesäumt von variablen Leinwänden, auf denen Fotos und Videos aus der Familiengeschichte der Protagonistin zu sehen sind. Eine Computersystemleiste in oberer Lichtschiene gibt Internet-Koordinaten, Daten, Zeiten und Zahlen an – wobei die 7 mit der Nummer der Stück-Stationen auch den Ehrgeiz ausweist, als siebter Sinn oder siebter Himmel oder auch einfach als Erleuchtung gedeutet zu werden. Das Symbol bleibt subkutan. Um es aufnehmen zu können, muss die KI noch durch so manche Klaviatur kultureller Hintergründe bis etwa zu Schiller.
Ursula Gärtner im technikfreudigen Erinnerungsspiel samt Schiller-Büste © Maximilian Borchardt
Immerhin versucht Ursula zu hinterlassen, was ihr Gedächtnis aus der Kinderzeit in Siebenbürgen mit Bildern aus alten Fotoalben bewahrt, beschwert mit dem Trauma des frühen Tods des Vaters und den Enttäuschungen im bunten Neckermann-Land.
Wenn das Publikum mitspielt
Auch was Ursula aus der Lebenszeit der Großeltern über die Hitler-Zeit und den Einmarsch der Russen weiß, soll für Nachkommen gespeichert werden, dazu die Herkunftsgeschichten seitens ihres kongolesischen Mannes – wenn eine entsprechend gefütterte KI lernfähig genug wäre ...
Ursula will weiterhin lieber ein Buch für einen Bot nehmen. Und zeigt, quasi allegorisch, eine halbierte Kopie der Schiller-Büste, wie sie vor dem Wiesbadener Theater steht, die der 3D-Drucker ausgespuckt hat.
Dann fordert sie das Publikum zur Teilnahme am Prozess der Selbstvergewisserung über den "Ursula_Bot" auf. Und die Wiesbadener ließen sich darauf ein, weshalb die Premiere auch länger als geplant bis zu zwei Stunden währte. Und wie schön: Man amüsierte sich über die sehr steifen, formell richtigen (bis auf die Hymnen auf "coole" deutsche Männer) Aussagen von Chat GPT und schien erleichtert, dass Ursula so gar keine Eile hatte, sich als Person vor ihrem Chatbot aufzugeben. Dafür reichlich Applaus.
Futur4
von Rimini Protokoll (Helgard Haug & Daniel Wetzel)
Konzept, Text & Regie: Helgard Haug/Daniel Wetzel, Szenografie: Dominik Steinmann, Technische Leitung, Licht Design und Show System Design: Joscha Eckert, Video Design: Juan Pablo Gaviria Bedoya, Kostüm: Christine Ruynat, Sound Design: Peter Breitenbach, Dramaturgie: Christiane Kühl/Cosma Corona Hahne.
Mit: Ursula Gärtner, Xenia Klinge und Ursula_Bot.
Uraufführung am 3. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.staatsthater-wiesbaden.de
www.rimini-protokoll.de
Kritikenrundschau
Als Selbstbestätigungsabend für von KI verunsicherte menschliche Intelligenz funktioniere "Futur 4" ganz gut. (...) "Eine ältere Dame, die aus ihrem Leben erzählt, eine jüngere, die das Ganze live mittippt und promptet, zwei Robotertischchen auf Rädern und viel Lichtgeblinke machen allerdings noch kein gelungenes Theater", schreibt Eva-Maria Magel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (online am 4.5.2025). Das selbst gesetzte Ziel erreichten Rimini Protokoll nicht: "Neben der Frage danach, wie man sich jetzt und dereinst der Zukünfte erinnert, die man vor sich liegen sah, mithilfe der Computerwissenschaft eine Fiktion auf der Bühne zu erzeugen." "Hoffentlich ist die Enkelin Gärtners später nicht auf derlei 'Erinnerungen' des Bots angewiesen", resümiert Magel. "Und hoffentlich bleibt das Theater eines aus Fleisch und Blut."
Rimini Protokoll zeigten, "wie humorvoll, therapeutisch, aber auch gespenstisch es sein kann, sich mit seinem eigenen digitalen Chatbot über die Vergangenheit zu unterhalten", schreibt Bettina Boyens in der Frankfurter Neuen Presse (5.5.2025).
Als "lehrreiche Spielerei" beschreibt Sylvia Staude den Abend in der Frankfurter Rundschau (5.5.2025).
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