Alle meine Männer - Theater Neubrandenburg / Neustrelitz
Scharf wie ein Rettich
23. März 2024. Eine Frau ist mit zwei Männern verheiratet, die nichts voneinander wissen: Das ist in Michael Barfoots Bearbeitung von Roy Cooneys Klassiker "Run for your Wife" der Ausgangspunkt für komödiantisches Chaos. Johanna Schall bereitet ihren Spieler:innen mit dem Text ein Fest.
Von Iven Yorick Fenker
"Alle meine Männer" am Schauspielhaus Neubrandenburg © Franziska Strauss
23. März 2024. "Liebes Publikum, wir befinden uns im Jahr 1979", wird gerade durchgesagt, während das Premierengetuschel langsam leiser wird... "Einer Zeit, in der es keine Handys gab": Ausschalten, klar. Ein paar Lacher gibt es jetzt schon. Es wird ja auch eine Komödie erwartet. "Alle meine Männer" ist ein Text des britischen Erfolgsautors Roy Cooney aus den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts (im Original: "Run for your Wife"). Im Neubrandenburger Schauspielhaus als "Komödien-Klassiker" angekündigt, wird allerdings die Neubearbeitung von Michael Barfoot gespielt, die somit auch eine Uraufführung ist. Neu: Die Hauptfigur ist eine Frau, kein Mann. Heteronormativ gedreht folgt daraus, dass nicht der Londoner Taxifahrer John mit zwei Frauen, sondern Jackie Smith mit zwei Männern jeweils eine Ehe führt – ohne, dass die Ehemänner davon oder voneinander wissen.
Verstrickt im Lügenkonstrukt
Ist das schon lustig? Komischerweise sorgt dieser Umstand im Schauspielhaus Neubrandenburg für Heiterkeit. Aber so funktionieren Komödien nun mal (oft oder hier?). Das schnelle Hin und Her im Dialog, das Machtwissen um die Ehen, die wie Affären behandelt werden, das dem Publikum an die Hand gegeben wird, damit es auf den Schenkel klatschen kann. Aber sind das Lacher aus der oder über die Heterohölle? Dabei ist die Ehe doch ein lohnendes Thema: die staatliche Subventionierung der Keimzelle der Gesellschaft, das Patriachat manifestiert in den Mauern des Eigenheims und so weiter. Und wir sind ja schon viel weiter, sollte man meinen...
London jedenfalls, und da befinden wir uns ja jetzt, war doch damals schon progressiver. Hier gerät allerdings alles ins Wanken. Jackie wurde bei der Arbeit überfallen und verletzt, musste ins Krankenhaus, hat da die eine und bei der Polizei ihre andere Adresse angegeben. Hinzu kommen zwei Inspektoren, als treibende Figuren. Die Ermittlungen bringen Fahrt in die Geschichte und Jackie dazu, sich immer mehr in ihrem Konstrukt zu verstricken, bis sie nicht mehr weiß welcher (Lügen-)Faden zu welcher Wohnung und zu welchem Mann führt. Oberflächlich betrachtet ist der Text technisch makellos.
Die Tapeten der wilden 70er
Die Inszenierung von Johanna Schall holt aus dem Text alles heraus, beziehungsweise ermöglicht sie den großartig aufdrehenden Spieler:innen, alles aus ihm herauszuholen. Die durch eine Stellwandkulisse gerahmte Bühne von Nicolaus-Johannes Heyse zwängt das Ensemble in den engen Raum zweier Wohnungen, mit unterschiedlicher 70er-Jahre-Muster-Tapete, die ineinander übergehen, in der Mitte eine Chippendale-Couch aus rotem Samt – das zwingt zu direktem Spiel.
Männer in wildem 70er-Interieur © Franziska Strauss
Teilweise wird es ein wenig wild, wenn die Spieler:innen auf der Bühne nicht auf-, sondern überdrehen – aber es sind ja die wilden 70er und im Grunde gelingt es den Spieler:innen, die Intensität hochzuhalten, den Raum mit ihrer Präsenz bis ins Letzte zu füllen, die Mimik auszuschöpfen, die Gestik so zu koordinieren, dass keine Hand ins Gesicht der Kolleg:innen klatscht. Das Timing sitzt. Dazu kommen noch die Choreos, die vielen kleinen Einfälle. Der Abend ist große Schauspielkunst. Das ist beeindruckend. Aber der Humor ist Heterocringe.
Diskursaussetzer in der Bearbeitung
Auch in der in den 2020er Jahren bearbeiteten Version sind Ehe-Klischees Grundlage für Witze. Individuen mit konservativen Lebensentwürfen treffen aufeinander und jede Abweichung, jeder Bruch sorgt für Lacher. Das ist vielleicht Geschmackssache. Oder noch besser ein bewusstes Mittel der Zur-Schau-Stellung. Dafür bleiben die Pointen aber zu konsequenzlos einfach Mittel zum nächsten Gag. Dafür ist der Abend auch zu gut gemacht. Das soll schon genau diese Komödie sein. Muss man mögen. Schwierig wird es, wenn sich, aufgrund komödiantisch außer Kontrolle geratener Umstände, Jackie lieber als lesbisch ausgibt als vor der Exekutive die Ehe-Affären zuzugeben. Ihre Nachbarin ist Komplizin und spielt mit.
Zu dritt ist's lustig © Franziska Strauss
Problematisch wird es, als dann Jackie ihren Mann dem anderen gegenüber "Transvestit" nennt, damit der sich nicht noch mehr aufregt. Eine cross-dressende Frau kann er besser verkraften, als, so drucksen sie lange auf der Bühne herum: "die Neigungen" seiner Frau. Weird. Mal abgesehen von Plot und glaubhaft (unter-)komplexen Figuren (I get it – comedy), ist es sehr verwunderlich, dass es solche Diskursaussetzer in die Bearbeitung geschafft haben.
Im Grunde geht es darum, dass eine Frau sich sexuell ausleben will. Dass sie es tut, ist ja schön und gut. Aber besser kommunizieren hätte sie es können. Oder? Könnte man ja dementsprechend bearbeiten, nochmal oder gleich ganz neu schreiben. Und dann bitte, wenn es um Sex geht: ja, die deutsche Sprache ist das jetzt nicht unbedingt zwangsläufig sexy, aber besser als: "Bist du schon ein bisschen scharf?" – "Wie ein Rettich" geht es schon.
Alle meine Männer
Von Roy Cooney / Neue Bearbeitung von Michael Barfoot
Inszenierung: Johanna Schall, Bühnenbild: Nicolaus-Johannes Heyse, Kostümbild: Jenny Schall, Musikalische Einstudierung: Felix Erdmann, Dramaturgie: Stefanie Esser, Regieassistenz: Simone Kaufmann, Inspizienz: Silja Kaufmann, Soufflage: Lothar Missuweit.
Mit: Anika Kleinke, Konstantin Marsch, Robert Will, Lisa Scheibner, Florian Rast, Kit Kanke, Luis Quintana, Felix Erdmann,
Premiere am 22. März 2024
Dauer: 2 Stunden, eine Pause
www.tog.de
Kritikenrundschau
"Mit Schmackes, schnell und grell stellt sich die Inszenierung dem Tempo der Pointen und Verwirrungen", schreibt Suanne Schulz vom Nordkurier (25.3.2024). Johanna Schalls Regie sei rasant und präzise. "Ohne Scheu vor Klischees und Überzeichnung, dafür mit knackigen musikalischen Dreingaben, temporeich, laut und übermütig schafft sich das Stück ein gutgelauntes, aufgekratztes Publikum."
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