Maß für Maß - Theater im Pfalzbau Ludwigshafen
Angelo mit roten Strümpfen
4. Oktober 2025. Machtkritik pur ist Shakespeares Problemstück. In Ludwigshafen kommt es jetzt mit Nina Petri in der Rolle des Herzoga auf die Bühne. Geschlechtergerecht und feministisch eröffnet Intendant und Regisseur Tilman Gersch damit die diesjährigen Festspiele.
Von Thomas Rothschild
Shakespeares "Maß für Maß" am Theater im Pfalzbau Ludwigshafen inszeniert von Tilman Gersch © Alen Ljubic
4. Oktober 2025. Die Besetzung von Männerrollen mit Frauen und von Frauenrollen mit Männern gehört seit einiger Zeit zum Theateralltag. Sie ist nicht, wie in früheren Epochen, eine gesellschaftliche Konvention, sondern, neben der geschlechtergerechten Verteilung saftiger Rollen, mit einem tieferen, meist feministischen Sinn versehen. Wenn Tilman Gersch in seiner Ludwigshafener Version von "Maß für Maß" den Herzog Vincentio mit einer Frau, nämlich mit Nina Petri besetzt, dann wohl nicht nur, weil er diese Schauspielerin schätzt, sondern weil die Aufklärung und Bestrafung des intendierten sexuellen Missbrauchs in dieser mehr als 400 Jahre alten, Shakespeares Problemstücken zugerechneten Komödie nicht einem Mann – der ist ja Partei –, sondern nur einer Frau zugetraut wird. Der Sieg über das Patriarchat wird so zu einem doppelten: durch das Urteil und durch jene, die es fällt. Rückwärtsgewandte Utopie.
Die Strafe für Angelos Gesetzesbruch besteht darin, dass er, der temporär als Statthalter des Herzogs eingesetzt ist und das Amt missbraucht, seine frühere Verlobte Mariana, die er hat sitzen lassen, heiraten muss. Das ist aus der Sicht unserer Gegenwart, in der jede Versorgungsehe zur Liebesheirat stilisiert wird, nicht frei von Ironie. Als irritierend hingegen erweist sich, dass Mariana – ein Mann – in dieser Inszenierung als Exotin der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Oder will uns Gersch sagen, dass Angelo, bei all seinen Mängeln auch noch Rassist, mit der muslimischen "Migrantin" ein leichtes Spiel hat? Der Antrag, den der Herzog Isabella am Schluss macht, verändert wiederum in Ludwigshafen seine Bedeutung: Er ist ja eine Frau. Aber auch das muss, aus heutiger Sicht, kein Hindernis sein.
Festspiel-Eröffnung mit Bürgerbühne und Machtkritik
Das Theater im multifunktionalen Pfalzbau in Ludwigshafen hat kein eigenes Ensemble. Für die seltenen Eigenproduktionen des Schauspiels, die sich die Räume mit Gastspielen namhafter Bühnen (Schaubühne, Burgtheater, Schauspielhaus Zürich, Thalia Theater, Residenztheater und anderen), mit Tanz, Konzerten, Musik- und Kindertheater teilen, werden einzelne Mitwirkende, meist aus den benachbarten Städten, engagiert, darunter diesmal eben auch Nina Petri.
Vor 400 Jahren geschriebene Figuren, die aktuelle Fragen verhandeln: "Maß für Maß" © Alen Ljubic
Hinzu kommt die Pfalzbau Bürger Bühne, die Tilman Gersch, als Nachfolger von Hansgünther Heyme und wie dieser bereits zehn Jahre Intendant in Ludwigshafen, in seine Inszenierungen einbezieht. Er führt auch, nach Goldonis "Kaffeehaus" im Vorjahr, bei "Maß für Maß" Regie. Mit der Inszenierung (und zusammen mit den unvermeidbaren Politikerreden) wurden die Festspiele Ludwigshafen eröffnet – als wäre nicht gerade dieses Stück eine Anklage von Missbrauch politischer Macht.
Potpourri der Theater- und Musikgeschichte
Die Figuren zelebrieren ihre Dialoge in mehr oder weniger historischen Kostümen unterschiedlicher Herkunft auf einer neonbeleuchteten Varietébühne an der Rampe. Vorne und seitlich sitzen fünf schrill gekleidete Musiker und begleiten das Geschehen, vergnüglicher als bei vielen musikalischen Bühnenanleihen, mit einem Potpourri von Purcells "Cold Song" aus "King Arthur" über Jacques Offenbach und Paul Anka bis zu John Dowland und Tom Waits.
Die Bürgerbühnenamateure drängen sich hinter den Gittern eines Gefängnisses, näher an der freakigen Welt von Jonathan Peachum als der von Shakespeares Kloster. Die Solisten lässt Gersch meist frontal mit den großen Gesten der Commedia dell’arte sprechen. Vorbildlich in seiner grotesken Körpersprache: Fabian Stromberger in der Episodenrolle des Opportunisten Lucio. Die komische und zugleich schreckliche Negativfigur des Angelo spielt Jörg Malchow als Kreuzung von Malvolio (mit roten statt mit gelben Strümpfen) und Kreon, von Bassa Selim und Tartuffe: ein bisschen Eitelkeit und Selbstüberschätzung, ein bisschen Gesetzestreue bis zur Grausamkeit, ein bisschen Liebeserpressung, ein bisschen Scheinheiligkeit.
Zeitlose Fragen
Die Zuordnung von "Maß für Maß" zu den Problemstücken erweist sich bei aller Komik auch in Ludwigshafen als berechtigt. Die Inszenierung findet eine gelungene Balance zwischen Anlässen zum Lachen und der Reflexion über bedeutsame Fragen wie jene nach Heuchelei und Doppelmoral, nach moralischer Integrität, nach den Abgründen von Herrschaft und Verantwortung.
Des Herzogs Volk: die Darsteller*innen der Bürger Bühne Pfalzbau Theater © Alen Ljubic
Solche Fragen gehören auch zum Repertoire der Gegenwartsdramatik, aber es lassen sich nicht viele Exemplare nennen, die dabei so souverän mit theatralen Mitteln umgehen wie Shakespeare – mit Verkleidung und mit Täuschung, mit Sprachwitz und mit Schlagfertigkeit. "Maß für Maß" beantwortet mühelos die Frage, was Shakespeares Werk unsterblich macht.
Auf dem Nachhauseweg grübeln wir pflichtbewusst auf den Spuren von Isabella, was vorzuziehen sei: der Tod oder die Amoralität. Doch dann fällt uns die Antwort leicht. Der Tod bekommt den Zuschlag. Zumal wenn es, wie in "Maß für Maß", der Tod eines anderen und nicht der eigene Tod ist, der zur Debatte steht.
Maß für Maß
von William Shakespeare
Deutsche Übersetzung von Jens Roselt
Regie: Tilman Gersch, Bühne und Kostüme: Petra Straß, Musik: Frank Rosenberger, Dramaturgie: Barbara Wendland.
Mit: Nina Petri, Mohammad Nick Nayeri, Jörg Malchow, Ilona Christina Schulz, Fabian Stromberger, Josephine Thiesen, Spielerinnen und Spieler der Bürger Bühne Pfalzbau Theater, Sängerinnen und Sänger des Beethovenchors Ludwigshafen.Live-Musik: Jakob Boyny (Cello), Ruth Externbrink (Posaune), Martina Kropf (Fagott), Sophie Müller (Violine), Frank Rosenberger (Klavier).
Premiere am 3. Oktober 2025
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause
www.theater-im-pfalzbau.de
Kritikenrundschau
Durch Überzeichnung und Karikierung bringe Gerschs Inszenierung viele komische Elemente in das an Verhüllungen und Enthüllungen reiche Stück ein, schreibt Hans-Ulrich Fechler in der Rheinpfalz (6.10.2025), der einen vergnüglichen Theaterabend erlebt hat. In Zeiten absolutistischer Herrschaft entstanden, habe Shakespeares "dark comedy" um Macht, ihrem Missbrauch und Gerechtigkeit nicht an Brisanz verloren; in der Fassung von Dramaturgin Barbara Wendland sei einmal von "Verhöhnung des Rechtsstaats" die Rede. Dass der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer zur Spielzeiteröffnung "eine Lanze für die Demokratie brach", findet Fechler angesichts bedenklicher Entwicklungen in vielen europäischen Ländern und den USA "sehr am Platze".
Gersch kitzle die Komödie aus Shakespeares ernsten "Gedankenpirouetten" heraus, schreibt Frank Barsch im Mannheimer Morgen (7.10.2025). Die Besetzung sei der Clou des Abends: Das spielfreudige, vom Publikum gefeierte Ensemble (Schauspieler*innen, Bürger Bühne und Beethovenchor) gebe "eine schillernde, derbe, kaum beherrschbare Dienstleistungsgeilde, die wild frisiert aus Sinnlichkeit und rauschhaften Konsum ausgelegt ist". Wie eine dialektische Formel gehe die Inszenierung am Ende auf, so Barsch: Nina Petris selbstverliebter Charakter entwickle sich zu einer wiesen Herrscherin. "Die Fundamentalisten haben ihre Schuldigkeit getan und die Pragmatikerin kann die Zügel wieder etwas lockererer lassen." Frank Rosenberger und sein Quintett unterlegten die Handlung mit "musikalischen Bedeutungen, die die Figuren abrunden, ironisieren, verstärken oder sie um ein seelisches Leitmotiv ergänzen". Nachdenklich, klug rhythmisiert und immer wieder bunt überbordend sei diese Shakespeare-Inszenierung, kurz: sehenswert.
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >