Die Ratten - Staatsschauspiel Dresden
Geburt auf dem Dachboden
2. Februar 2025. Auf eine schiefe Bühnen-Ebene verlegt Daniela Löffner ihre Inszenierung von "Die Ratten" und versucht eine Neukontextualisierung von Gerhart Hauptmanns Sozialdrama. Unten nimmt das Elend seinen Lauf, oben diskutiert die Intelligenzija und findet Verdrängtes statt.
Von Jorinde Minna Markert
Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" von Daniela Löffner inszeniert am Staatsschauspiel Dresden © Sebastian Hoppe
1. Februar 2025. Zuerst offenbart sich eine riesige Schieflage. Die Art von Bühnenkonstruktion, die Rezensent*innen eine Weile beschäftigt hält: Wie soll man das denn jetzt beschreiben, das Teil? Dieses große, sich neigende, je nach Perspektive eine gigantische Aufwärts-Startrampe oder eine Abwärtsrutsche darstellende Ding, das im Laufe der Zeit immer nasser wird. Denn beharrlich prasselt der Bühnenregen in Daniela Löffners Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden darauf. Und umso mehr zeigt sich das Metaphernhafte der Konstruktion: Während die einen auf der Schräge catwalken und fröhlich herumkullern, sind die anderen ständig damit beschäftigt, nicht abzurutschen, müssen mühsam immer wieder den Fuß der Rampe erklettern, um überhaupt ins Sichtfeld zu gelangen (Bühne: Claudia Kalinski).
Das könnte man etwas offensichtlich finden für eine Klassismus-Story. Andererseits hat auch die Berliner Mietskaserne zur Jahrhundertwende, in der sich die gesamte Handlung von Gerhart Hauptmanns Milieustudie "Die Ratten" abspielt, diese Sinnbildhaftigkeit: Das Prekariat wird in Kellergeschoss und Hinterhaus abgedrängt, während der Mittelstand gut sichtbar im zweiten Stock des Vorderhauses residiert.
Menschliche Schieflagen
Und über all diesen Widersprüchen thront ein Theaterfundus, der dort im Dachgeschoss untergebracht ist und wie das Unbewusste des Hauses wirkt. Dort spielt sich alles ab, was nicht sein darf, was verdrängt werden muss. Dort gebärt das junge Dienstmädchen Pauline (Nihan Kirmanoğlu) ein uneheliches und ungewolltes Kind. Und dort nötigt die kinderlose Frau John (Fanny Staffa) sie, ihr das Baby gegen Geld zu überlassen. Womit sich unaufhaltsam etwas in Gang setzt, was hier in Hauptmanns Realismus nicht mehr Schicksal heißt, sondern Zwänge, Umstände – aber nichtsdestoweniger ins Verderben führt.
Abrutschen oder doch Catwalken und Smalltalken? Die Schräge von Bühnenbildnerin Claudia Kalinski in Daniela Löffners Inszenierung in Dresden © Sebastian Hoppe
Während dieses seinen Lauf nimmt, streitet sich die Intelligenzija auf dem Dachboden ganz unironisch darüber, ob das Verderben einen Platz auf der Bühne haben sollte. "Wir sind der Sanitäter, der den schlaffen Humor wiederbeleben muss, der Chiropraktiker, der dem Theater das Genick wieder einrenkt und sein Rückgrat trainiert, oder auch einfach: Ihm in den Arsch tritt." So oder so ähnlich plädiert Schauspieldirektor und Fundusbetreiber Hassenreuter (Hans-Werner Leupelt) für eine ideale Kunst, die eine Welt zeigt, die besser ist, als die echte und einen diese echte, schlechte vergessen lässt.
Die schlechte oder die ideale Welt
Sein neu für das Theater entbrannter Schauspielschüler Erich (Jonas Holupirek) ist anderer Meinung – den Dreck, den Schmutz, das Ungeziefer, die Unterminierung, die undichten Stellen, das Kaputte, das müsste man zeigen. Needless to say – die Mietskaserne, auf deren Dachboden dieses abstrakte Gespräch geführt wird, vereint all das: Dreck, Schmutz, undichte Stellen.
Kurz ist man hier versucht zu glauben, dass es vielleicht genau diese Unentschlossenheit zwischen zwei verschiedenen Theaterprämissen sein könnte, an der auch Löffners Inszenierung ein wenig schwächelt, die theoretisch ja alles richtig macht, aber bei aller Verausgabung des Ensembles und aller Ausschöpfung des Bühnenbildes die Distanz nicht ganz überwinden kann. Die einzelnen Momente sind alle toll: Fanny Staffa als vollkommen manische Kidnapperin. Jonas Holupirek als gemarterter Schauspielschüler, der immer wieder den Molière-Satz "Haltet ihr mich für blöd" üben muss. Oliver Simon mit organischer Berliner Schnauze. Sarah Schmidt, die die anspruchsvolle Nebenrolle der Selma Knobbe empathisch, klug und mutig spielt. Aber es fügt sich nicht zusammen. Es fehlt die Schnur, um das Schöne, Glänzende aufzufädeln.
Realismus gegen Idealismus
Auf welcher Seite der Debatte um ein realistisches oder idealistisches Theater Hauptmann sich mit seinem Stück positioniert hat, dürfte sich von selbst beantworten. Es sind keine schillerschen Konflikte, keine Idealfiguren, die die Berliner Mietskaserne besiedeln. Und es ist kein Versmaß, sondern der schroffe, gewiefte und phantasievolle Altberliner Dialekt, der den Text rhythmisiert und so Schätze birgt wie Besuchsbesen (Blumenstrauß) oder Fußhupe (kleiner Dackel).
Nicht das Schicksal, sondern das Elend nimmt seinen Lauf: die kinderlose Frau John (Fanny Staffa) und das Dienstmädchen Pauline (Nihan Kirmanoğlu) © Sebastian Hoppe
Die Sprachlichkeit des Originaltexts übernimmt Löffner zu großen Teilen, verkürzt aber hier und da um so phonetische Unzumutbarkeiten wie "desselbijenjleichen". Vor allem die nicht dialektalen Passagen des gehobenen Rollenpersonals sind zu großen Teilen überschrieben und mit Heutigkeit durchsetzt. So schaffen es zum Beispiel auch Trump, Milchpumpen und nachtkritik in den Referenzkosmos von Löffners Fassung. Und als sich Hans-Werner Leupelt in seiner Leibrolle des ewig Rollkragentragenden, antiwoken Theatertypen dann mal wieder in einem Rant darüber ergeht, dass man dem Publikum was Besseres bieten müsse als diese Realitätsscheiße und dabei unweigerlich auch die aktuellen Etatkürzungen streift – da macht es dann klick, woher die Distanz zu der Inszenierung rührt.
Das Problem ist nicht, dass sie sich nicht ausreichend zwischen Realitätsscheiße und Fun entscheidet, sondern dass sie sich in dem Versuch, Gegenwartsbezug herzustellen, auf bloße Referenzialität verlässt. Trump, Milchpumpen und nachtkritik schaffen keine Neukontextualisierung der Überlebenskämpfe, die den Motor dieses Stücks ausmachen. Es sind zu viele gegenwärtige Einsprengsel, zu viele Unterbrechungen von Hauptmanns Sprache, die in diesem Stück ja auch eine Materialisierung von Klasse darstellt, als dass die Inszenierung die Ebene der Vergangenheit noch ernst genug nehmen könnte. Gleichzeitig sind diese Einsprengsel zu zufällig, als dass das Stück zur Gegenwart mehr als Andeutung-Bedeutung herstellen könnte.
Und dann sitzt man da und kann sich plötzlich doch ganz gut mit dem Unsympathen Hassenreuter identifizieren, der einfach mal ein schönes Kostümdrama in lustigem Dialekt gucken will. Anspruch und Wirklichkeit – eine einzige Schieflage.
Die Ratten
von Gerhart Hauptmann
Regie: Daniela Löffner, Bühne: Claudia Kalinski, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Matthias Erhard, Dramaturgie: Sophie Scherer.
Mit: Fanny Staffa, Oliver Simon, Nihan Kirmanoğlu, Jannik Hinsch, Hans-Werner Leupelt, Leonie Hämer, Jonas Holupirek, Sarah Schmidt, Franziska Annekonstans Winkler, Lukas Vogelsang.
Premiere am 1. Februar 2025
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause
www.staatsschauspiel-dresden.de
Kritikenrundschau
Das Publikum sei einem ständigen Wechselbad von reinster Klamotte und existentiellem Drama ausgesetzt, so Beate Baum von den Dresdner Neuesten Nachrichten (3.02.2025) "Aber: Auch wer, wie die Rezensentin, anfangs wenig mit den Schenkelklatsch-Passagen anfangen kann, realisiert irgendwann, dass diese angesichts der dargestellten Probleme eine willkommene Pause zum Atemholen bieten. Und es ist in der Tat atemberaubend, wie der gesamte Tonfall des Spiels sich mitunter innerhalb einer Szene ändert." Das Experiment, die beiden im Stück verhandelten Spielweisen, in der Inszenierung einzusetzen, sei insofern geglückt. Aber: "Die Aktualisierung, die die Handlung in das heutige Dresden versetzt, ist überflüssig und wirkt billig."
Manche Szenen schrammten hart am Elendsporno vobei, "wozu der grelle Witz des Komödien-Strangs nicht immer passen will", bemerkt Heiko Nemitz in der Dresdner Morgenpost (25.2.2025). "Viel Applaus für einen eindrucksvoll gespielten Brocken."
"Generell lebt diese Inszenierung von einem exzellenten Ensemble. Hans-Werner Leupelt sticht da besonders hervor, weil er ironisch die selbstgefällige und verlogene Figur des Intendanten Hassenreuter spielt", schreibt Sebastian Thiele von der Sächsischen Zeitung (3.2.2025). "Letztlich sind 'Die Ratten' ein langer, nicht in jeder Hinsicht fulminanter Abend. Aber durch ambitionierte Lesart und spielerische Sahnehäubchen sehenswert."
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Ich bin für die drei Stunden Inszenierung dankbar, weil man nicht nur ankommen konnte, sondern auch in die Handlung hineingezogen wurde. Alleine die Eröffnungsszene mit dem „Schwangerwerden“ von Pauline, die sich in aller Ruhe den künstlichen Babybauch anguckt und dann allmählich umschnallt, war super. Diese Szene führte zwar eine Reihe hinter mir schon zum ersten Kommentar: „kein Wunder, dass das drei Stunden dauert, wenn die sich so lange Zeit lässt“. Aber es braucht halt Zeit, um eine Stimmung zu erzeugen und Empathie beim Zuschauer/-in entwickeln zu lassen.
ORT
Ich fand das Bühnenbild nicht unterkomplex, sondern passte für eine Realismus-Inszenierung, irgendwie abstrakt und konkret zugleich. Der anhaltende Regen, Nebel und Gewitterblitze setzten zwar eine Grundstimmung, aber es herrschte keine Dauerdepression, war der Regen doch auch mal augenzwinkernd eine Dusche oder der Nebel eine Dampfbügelstation.
Die große Bühne in Dresden zu füllen, ist und bleibt eine Herausforderung, das ist hier gut gelungen.
ENSEMBLE
Die Ensemble-Leistung war sehr gut, doch ist das Spiel von Nihan Kirmanoğlu als Pauline und vor allem Sarah Schmidt als Selma hervorzuheben. Die von Schmidt gespielte Hilflosigkeit, kindliche Orientierungslosigkeit zwischen Verantwortung und Überforderung, welche bspw. erzeugt wurde durch fehlende Bodenhaftung auf der schrägen Bühne, das Abrutschen beim Aufsteigen, dieses Kaffeekochen im Orchestergraben oder das hungrige Trinken aus der Babyflasche, ist emotional sehr beeindruckend gewesen.
ÜBERSCHREIBUNG
Die Absicht von Daniela Löffner hat sich mir nicht umfänglich erschlossen. Im Nebel geblieben ist, wo, wann und warum die Handlung stattfindet -- ein paar Klammern wären hilfreich gewesen.
THEATERNABELSCHAU
Zwar gehört zum Theater die selbstironische Nabelschau, doch bringen die ständigen Thematisierungen der Haushaltskürzungen in Berliner, Münchner und Dresdner Inszenierungen nichts. Das wird in den kommenden Jahren (leider) nicht besser werden. Anstatt den Untergang des Abendlandes zu beschwören, braucht es Antworten auf strukturelle, gegenwartsbezogene Fragen an das Theater.
Der sprichwörtliche Elefant im Raum ist die Textfassung. Was bei LULU noch als modernes, zeitloses Theater gefeiert werden konnte, gerät hier zu einer seltsam trögen und unscharfen Bearbeitung, der es an einem klaren Konzept mangelt. Die versuchte Modernisierung kracht regelrecht in Hauptmanns Originaltext hinein, ohne sich wirklich mit ihm zu verbinden. Besonders das Spiel mit Lokalität – etwa durch die Verweise auf Orte wie die Carolabrücke – wirkt aufgesetzt, ja fast grob hineingemeißelt. Der Spagat zwischen sächsischer Mundart und der kunstvollen Berliner Sprache Hauptmanns gelingt nicht; stattdessen entsteht ein sprachliches Kuddelmuddel, das die Szenen eher hemmt als belebt.
Auch das Bühnenbild verliert schnell an Reiz. So beeindruckend die technische Umsetzung zunächst erscheinen mag, nutzt sich der Effekt rasch ab – visuell wie atmosphärisch bleibt wenig hängen.
Darstellerisch lässt sich kein klarer Fokus erkennen, was angesichts der fragmentarischen Textgrundlage nur folgerichtig ist. Dabei sind die Spieler:innen durchweg stark – ihr Können blitzt immer wieder auf, auch wenn es sich gegen das Textgewitter mühsam behaupten muss.
Schade. Denn mit LULU und DIE JAGD hatte Löffner zuletzt zwei atemberaubende Regiearbeiten vorgelegt. Die Ratten aber spielt eindeutig nicht in dieser Liga. Dass Hauptmann sehr wohl in die Gegenwart überführt werden kann und dabei großes Theater entsteht, hat die – leider längst abgespielte – Inszenierung von Vor Sonnenaufgang eindrucksvoll bewiesen.