Der große Gatsby - Staatstheater Meiningen
Aus dem Ei gepellt
17. November 2024. Mythenumrankte Partys feiert man in "Der große Gatsby". Und auch Regisseur Dominique Schnizer stellt den Glamour zur Schau in seiner Inszenierung der Fassung von Rebekka Kricheldorf. Ein feines Gewand für die Verkommenheit und respektlosen Lebensweisen. Ein Fest fürs Auge allemal.
Von Marlene Drexler
"Der große Gatsby" am Staatstheater Meiningen von Dominique Schnizer inszeniert © Christina Iberl
17. November 2024. Der Morgen nach einer durchzechten Nacht. Jay Gatsby kommt ins Wohnzimmer und drückt ganz routiniert auf einen Knopf an der Wand. Woraufhin die Discokugeln, die von der Decke hängen, ein kleines Stück nach oben fahren. Das Partyzubehör ganz aus dem Wohnzimmer zu räumen, lohnt sich einfach nicht. Weil auf dem Anwesen des jungen Millionärs gilt: nach der Party ist vor der Party!
F. Scott Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby" (aus dem Rebekka Kricheldorf eine deutsche Bühnenfassung gemacht hat) taucht ein in das Amerika der 1920er Jahre. Eine Zeit der Euphorie: Der Erste Weltkrieg ist vorbei, die Wirtschaft erlebt einen Aufschwung. Und auf Long Island vor der Küste New Yorks feiern sich die Schönen und Reichen selbst. Es eröffnet sich eine Welt voll penetrant zur Schau gestelltem Glamour, im Zentrum aller Sogkraft: Gastgeberlegende Gatsby – der sich seinen Gästen als galant, großzügig und vor allem geheimnisvoll verkauft.
Zur Schau gestellter Glamour
Diesem von Mythen umrankten und scheinbar überlebensgroßen Gatsby steht die Figur Nick Carraway als Antipode gegenüber. Carraway ist ein bodenständiger, im besten Sinne harmloser Typ, der nur zufällig in die wilden Exzesse gerät – und trotz allem bis zum Ende nicht die Bodenhaftung verliert. Der Zufall der Bekanntschaft beider liegt darin, dass Nick das heruntergekommene Haus neben Gatsbys Villa bewohnt. Hinzu kommt: Nicks Cousine Daisy und Jay Gatsby verbindet eine alte Liebesgeschichte, die im Zuge der Handlung neu entfacht wird.
Gemeinsam eine gute Zeit verleben? So einfach ist es nicht, moralische Verkommenheit macht sich breit in "Der große Gatsby" am Staatstheater Meiningen © Christina Iberl
Nun könnte die privilegierte Clique rund um Gatsby, Nick und Daisy einfach gemeinsam eine gute Zeit verleben – fernab existenzieller Sorgen. Doch dauert es nicht lange, bis sich zeigt: Ihre Leben haben Risse. Mehr noch, mit fortschreitender Handlung tun sich innerliche Kraterlandschaften auf. Immer mehr verdichtet sich zudem der Eindruck, dass die schamlos ausgelebten Seitensprünge noch längst nicht das ganze Ausmaß moralischer Verkommenheit zeigen.
Party gegen die Ohnmacht
Gegen die innere Leere anfeiern – das scheint an diesem Abend das übergeordnete Motto zu sein. Regisseur Dominique Schnizer illustriert das mit Momenten, die trotz äußerlich guter Laune bleierne Schwere hinterlassen. Das Partyvolk sitzt dann da, wie aus dem Ei gepellt, die Männer mit tadellos faltenfreien Sakkos, die Damen mit sorgfältig in Locken gelegten Haaren und perfekt aufgetragenen Lippenstift: und alle schweigen sich an. Bis aus Daisy – deren Unglück vor allem von ihrer Ehe mit einem gewalttätigen, cholerischen Rassisten herrührt – die Worte herausbrechen: "Was sollen wir heute bloß tun? Und morgen? Und die nächsten dreißig Jahre?".
Ambivalentes findet sich auch in Christin Treunerts Bühnenbild wieder: ein Spiegelsaal, der allerdings nur in der Nacht edel und verheißungsvoll wirkt. Bei Tageslicht zeigt sich, die Spiegel sind verdreckt; fast wirkt es so, als habe sie schon ein schimmliger Flaum auf der Oberfläche gebildet.
Toxisches Pärchen par excellence: Mia Antonia Dressler als Daisy und Matthis Heinrich als ihr Ehemann © Christina Iberl
Lethargisch und teilnahmslos bleibt die Gruppe übrigens auch, wenn Daisys Mann Tom sich in rassistische Hasstiraden gegen Araber und Schwarze hineinsteigert. Ganz fremd klingt das auch mit Blick auf heutige, aus verschiedenen Richtung stark angespitzte Debatten nicht. Vor dem Hintergrund, dass Fitzgeralds Roman mittlerweile fast 100 Jahre alt ist, kommt einem der Gedanke in den Sinn: erstaunlich wie wenig zivilisatorischen Fortschritt das Jahrhundert gebracht hat.
Ein politischer Moment des Abends, der auch theatral eine besondere Qualität mit sich bringt, entsteht derweil durch die Figur Georg Wilson. Ein ärmlicher Tankstellenwart, der Opfer der rücksichtslosen Lebensweise und Arroganz der Reichen wird. Seine Frau stirbt bei einem Autounfall. Die Unfallverursacher – Gatsby und Daisy – begehen Fahrerflucht. Wilson hat sie zwar erkannt, weiß aber, dass er keine Chance haben wird, sich gegen sie juristisch durchzusetzen. Wie Florian Graf die Ohnmacht des verzweifelten Tankstellenwart mit zittriger Hand am Abzug spielt, ist ergreifend.
Melodramatik und Intrigen
Jan Wenglarz gelingt als Nick Carraway ein sympathischer Antiheld mit einer ganzen Bandbreite an verschiedenen Gesichtern, die immer wieder aufs Neue ausdrücken: Hilfe, ich bin hier fehl am Platz! Mia Antonia Dressler verleiht ihrer Daisy mit affektierten Kunstpausen eine Melodramatik, die die Intrigenhaftigkeit der Figur glaubhaft machen. In Kombination mit Matthis Heinrich als unangenehm selbstgerechten, immer einen wenig zu laut sprechenden und lachenden Ehemann, ergibt sich ein toxisches Pärchen par excellence. Leonard Pfeiffer als Gatsby wirkt in der Gesamtschau dagegen etwas zu glatt, zu durchgehend souverän. Was diesen windigen Selbstdarsteller wirklich antreibt, hätte etwas tiefer ergründet werden müssen.
Insgesamt verzichtet die Meininger Inszenierung von "Der große Gatsby" auf eine plakative Aktualisierung des Stoffs. Und überlässt derweil dem Zuschauer, wie er oder sie die verschiedenen Themen – Dekadenz, Lügen, Macht und Reichtum – auf das Heute bezieht. Eine gute Entscheidung.
Der große Gatsby
Schauspiel von Rebekka Kricheldorf nach F. Scott Fitzgerald
Regie: Dominique Schnizer, Bühne und Kostüme: Christin Treunert, Komposition und Sounddesign: Augustin Zimmer, Dramaturgie: Deborah Ziegler.
Mit: Leonard Pfeiffer, Jan Wenglarz, Mia Antonia Dressler, Matthis Heinrich, Ulrike Knobloch, Florian Graf, Noemi Clerc, David Gerlach.
Premiere 16. November 2024
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause
www.staatstheater-meiningen.de
Kritikenrundschau
Man erlebe in Meiningen ein "große Liebestragödie, die sich in Ambiente und Staffage der Zwanzigerjahre 90 lange Minuten hinschleppt bis zur Pause, ohne das Wesentliches passieren würde", beklagt Peter Lauterbach im Freien Wort (19.11.2024). Das sei vor allem "ein Problem der Textfassung". Mia Antonia Dressler allerdings hole aus ihrer Rolle raus, was sich "herauszaubern" lasse: "Ein hocherotisches Spiel mit zahllosen Augenblicken und engelsgleichen Stimmen-Säuseln." Das sei ein Spiel von "unglaublicher Leichtigkeit".
Dominique Schnizers Inszenierung positioniere sich "irgendwo zwischen all diesen glamourösen Adaptionen und der Schönheit der literarischen Vorlage", so Alexandra Abel in der Thüringer Allgemeinen (19.11.2024). Leider spiele Leonard Pfeiffer den Gatsby "wie ein Statist in seinem eigenen Märchen". Mia Antonia Dressler spiele hingegen "durchaus selbstbewusst, betont manieriert als Inbegriff einer Upperclass-Lady". "In Erinnerung" bleibe auch Jan Wenglarz, "der mit gerunzelter Stirn und großen Kinderaugen als Chronist Nick Carraway verwundert auf die Handlung blickt".
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