Mit beiden Beinen fest im Gestern

27. August 2025. Er war King der Investigativkunst, lange bevor sie so genannt wurde: Günter Wallraff, der in Verkleidung hinter die Kulissen der Bild-Zeitung oder in die Klos bei McDonald's schaute. Mehmet Ergen und  Sabri Tuluğ Tırpan widmen ihm jetzt die Doku-Oper "Ganz unten". Die groß touren wird.

Von Michael Laages

Die Günter-Wallraff-Oper "Ganz unten" beim Kunstfest Weimar © Thomas Müller

27. August 2025. Ohne die die Maske sei er "ein Niemand" gewesen, mit ihr wurde er zum kollektiven Ankläger. Eigentlich tut es ja gerade in diesen Zeiten recht gut, sich zu erinnern an den Aufruhr, den Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts die Reportagen des investigativen Journalisten und Schriftstellers Günter Wallraff verursachten: Umgeschminkt zum türkischen Arbeiter "Ali", stieg er sehr tief hinab in die Arbeitswelt jener Jahre; so wie er sich knapp zehn Jahre zuvor unter dem Namen "Hans Esser" erfolgreich eingeschmuggelt hatte in die hannoversche Regional-Redaktion der "Bild"-Zeitung.

Wallraffs Zeitzeugenschaft war enorm wichtig – mit authentischem Material aus den Innenwelten von Medienmacht und Arbeitsalltag munitionierte er all jene, die sich kämpferisch engagierten gegen unerträgliche soziale Zustände jener Jahre. Und allemal könnte es sehr reizvoll sein, aus der Distanz von gut vier Jahrzehnten zu erkunden, wo die Gesellschaft im Wohlstandsland damals stand und wo sie heute steht – womöglich ganz woanders? Oder immer noch an all den fürchterlichen Abgründen des Rassismus, wie sie Wallraff damals kenntlich werden ließ?

Museumsstück

Genau diese Frage aber stellt der Librettist und Regisseur Mehmet Ergen leider überhaupt nicht. Die knappe "Doku-Oper", die er mit dem Komponisten Sabri Tuluğ Tırpan erarbeitet und beim "Kunstfest" in Weimar uraufgeführt hat, taugt leider nur zum Museumsstück.

Die Methode ist sehr schlicht – die Uhr der Geschichte wird einfach zurück gedreht. Journalist Günter und der fiktive Ali sitzen einander zu Beginn gegenüber; ganz so, als sei zwischen ihnen ein Spiegel. Sie üben Posen, Haltungen, Bewegungen ein – das ist ein einfaches, aber schlüssiges Bild der Verwandlung. Es wirkt auch wie ein Kommentar auf die Vorwürfe, die Wallraff damals gemacht wurden – immerhin hatte er sich eine sozial und kulturell sehr fremde Geschichte "angeeignet" (so würde das heute heißen).

Ganzunten6 1200 ThomasMuellerOper goes Arbeitswelt: in der Inszenierung von Mehmet Ergen und Sabri Tuluğ Tırpan © Thomas Müller

Die Opernbehauptung hilft jetzt durchaus mit, Wallraffs Spiel mit den Identitäten auf ein anderes Niveau zu heben. Schließlich muss der "falsche" Ali hier ja "richtig" singen. Und der türkische Bass-Bariton Burak Bilgili prägt und trägt als "Ali" die knapp 70 Minuten Oper – seit gut zwanzig Jahren ist er gefragt weit über die engere Heimat hinaus, ist ständig unterwegs zwischen Europa und den USA und singt an führenden Opernhäusern. Derweil begleitet der Schauspieler Ryan Wichert die Ali-Figur im Stück, indem er sparsam die Stationen von Alis Passion kommentiert.

Bequeme Vorstellungen

Wer das Wallraff-Buch von damals noch halbwegs in Erinnerung hat, folgt dem Opern-Ali jetzt an vertraute Orte – in die Betriebstoiletten, die Ali reinigt (und sich dafür per Kopftuch zur Frau verwandeln muss), in die industrielle Produktion, wo Ali immer die dreckigsten und gefährlichsten Jobs übernehmen muss und obendrein von deutschen Kollegen mit allerfinstersten Juden- und Türkenwitzen malträtiert wird. Die rassistischen Beleidigungen lassen immer noch das Echo des niemals wirklich überwundenen deutschen Faschismus spüren – wie viel Potenzial hätte hier gelegen für künstlerische Zeit-Sprünge herüber in die Gegenwart! Aber nichts da – eins zu eins filtert Mehmet Ergen die schlimmen Geschichten von damals hervor; und plötzlich wirken sie wie verstaubte Klischees von vorvorgestern.

Selten hat historische Erinnerung die gegenwärtigen Konflikte so haarscharf verpasst.

Ein gewisser Herr Adler aus dem Wallraff-Buch ist immer noch ein Menschenhändler, ein Sklavenhalter mit halbwegs guten Manieren; er beschäftigt Ali als Fahrer und behandelt ihn als Diener. Auch diese Geschichte schreit nach Gegenwart; Ergens Bilder aber kleben fest im Gestern. Ali bemüht sich, der katholischen Kirche beizutreten; natürlich vergeblich – wie und wo würde Ali heute heimisch zu werden versuchen; in welcher Community … all das bleibt außen vor. Wer der bequemen Vorstellung anhängt, dass sich in vier Jahrzehnten überhaupt nichts geändert habe, kommt an diesem Abend auf seine Kosten. Sonst aber niemand.

Wirklich ärgerlich

Bleibt die Musik – Sabri Tuluğ Tırpan sitzt am Klavier, Bora Gökay begleitet ihn auf der Violine, Burak Ayranci am Cello. Moderne Spielweisen hat der Komponist mit traditionellen Harmonien und Rhythmen türkischer Musik geschickt verzahnt. Im Grunde dies könnte durchaus auch ein feiner kammermusikalischer Konzertabend sein mit durchweg eindrucksvoll gesungenen Liedern nach Motiven aus Wallraffs Ali-Geschichten. Aber es musste halt unbedingt eine "Doku-Oper" werden – damit hat Ergen sich mächtig übernommen und im Grunde niemandem einen Gefallen getan.

Vor allem aber hat er Wallraffs angriffslustige Methoden musealisiert – und das ist wirklich ärgerlich.

Ganz unten
"Doku-Oper" von Mehmet Ergen und Sabri Tuluğ Tırpan nach Günter Wallraff
Regie: Mehmet Ergen, Komposition und musikalische Leitung: Sabri Tuluğ Tırpan, Bühnenbild und Kostümdesign: Defne Özdoğan, Bewegungsregie: Ayse Beyhan Murphy, Licht-Design: Richard Williamson, Video Design: Ela Kazdal, Produktion: Yeni Opera, Dramaturgie: Simon Reade, Übersetzung: Zeynep Anacan.
Mit: Burak Bilgili, Omer Cem Cultu, Güvenc Dagüstün, Talha Kaya, Lou Strenger, Ryan Wichert, Poyraz Baltacıgil, Murat Erginol.
Uraufführung am 26. August 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Koproduktion des Kunstfest Weimar mit dem Grimeborn Opera Festival London und der Istanbul Music Association

www.kunstfest-weimar.de

Kritikenrundschau

Als "gnadenlos heutig" empfindet Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (28.8.2025) diese Doku-Oper. Mehmet Ergen "baut sorgfältig die Stationen" von Wallraffs Undercover-Recherche nach, "einige davon hätte man gern ausführlicher, aber alle treffen“, schreibt Tholl. „Das alles ist böse, scharf, die Musik von Sabri Tuluğ Tırpan für ein Trio aus Klavier, Cello, Geige trauert dunkel, singt Sehnsüchte und lacht immer wieder fies."

"Wie ein großes Lamento hat Regisseur und Librettist Mehmet Ergen die gut einstündige Oper organisiert. Sie bleibt recht eindimensional in der Anklage stecken, ohne die historischen Folgen – etwa die mangelhafte Integration von Migranten selbst in zweiter oder dritter Generation – zu thematisieren", schreibt Wolfgang Hirsch in der Thüringer Allgemeinen (28.8.2025).

"Bei Festivals mit internationalen Gastspielen fällt immer auf, dass Stücke mit klaren politischen Anliegen eine inhaltlich und ästhetisch klare Sprache nutzen. Das trifft auf Mehmet Ergens Regie zu. Diese ist für sechs Darstellende in den vielen Rollen übersichtlich strukturiert, deutlich und leise. Die Theatermittel schließen kabarettgemäße Tanznummern ein", berichtet Roland H. Dippel für die Neue Musikzeitung (27.8.2025).

"In der Uraufführung der Doku-Oper 'Ganz unten' nach dem Buch von Günter Wallraff treffen sich hoher Opernton und harter Sozialrealismus. Trotz der Überlegungen zur Maskierung (des Selbst) und Demaskierung (der Gesellschaft) wird daraus zwar kein Abend, der es mit Brecht und Eisler aufnehmen könnte, jedoch ein ehrenwerter Versuch", urteilt Jakob Hayner in der Welt (28.8.2025).

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