Offenbarung der Feinripp-Unterwäsche

12. Oktober 2025. Shakespeares "Maß für Maß" gilt als Klassiker über Machtmissbrauch. Am Landestheater Linz verpasst ihm Sebastian Schug eine Auffrischung. Beschwingt und unterhaltsam lässt er hier die lüsternen Männer zappeln und die willensstarken Frauen Ansagen machen.

Von Patricia Kornfeld 

Sebastian Schugs Inszenierung von "Maß für Maß" am Landestheater Linz © Petra-Moser

Sebastian Schugs Inszenierung von "Maß für Maß" am Landestheater Linz © Petra Moser

12. Oktober 2025. Es war einmal eine Nonne mit schneeweißen Louboutin-Pumps, die sollte sich vom Stellvertreter des Herzogs vergewaltigen lassen, um das Leben ihres Bruders zu retten. Da greift sie zu einer List und räkelt sich zum Schluss leidenschaftlich mit ihrem Geschwisterteil auf dem Boden.

So könnte man die Handlung der Komödie "Maß für Maß" kurz umreißen. Nicht William Shakespeares Original, sondern das, was Regisseur Sebastian Schug daraus gemacht hat. Bei seinem Debüt in der oberösterreichischen Landeshauptstadt dachte er sich wohl das Gleiche wie die Werbetexter*innen in den 70ern: "In Linz beginnt’s", verlegt die Handlung aber trotzdem nach Wien. Dort hatte der junge Adelige Claudio äußerst schlechtes Timing: Seine Verlobte ist schwanger – vor der Ehe! Neue Gesetze stellen genau das unter Strafe, eisern verteidigt von Angelo, der das Amt des Herzogs Vincentio kommissarisch übernimmt. Claudios Kopf soll rollen.

Herzzerreißend weinen und elegant kotzen

Nun, lustig klingt das ja nicht gerade. Im Landestheater amüsiert man sich dennoch köstlich. Das liegt zum einen an der Sprache: Schug vereinfacht Shakespeares Text, streicht aber nicht jede antiquierte Satzstellung. Stattdessen baut er heutige, nahbare Wendungen ein, was einen schönen Rhythmus ergibt. Seine Wirkung entfaltet der Text insbesondere durch das unaufgeregte und spielfreudige Ensemble. Wie beiläufig relaxen die Darstellenden vor Beginn des Stücks auf den Bühnenmöbeln und schlüpfen nach und nach in ihre Rollen. Christian Taubenheims Herzog wäre wohl lieber Entertainer geworden. Pflichtvergessen offenbart er unter seinem Hermelinmantel die Feinripp-Unterwäsche. Gegenüber dem Publikum stimmt er einen amikalen Plauderton an und verrät seine Pläne: Angelos Treiben zu überprüfen, versteckt unter einem Vorhang.

Das Linzer Ensemble brilliert © Petra Moser

Ein besonders nuanciertes Spiel liefert Cecilia Pérez als Nonne Isabella. Sie wird zum Spielball zweier Männer. Angelo will ihren Bruder nur dann verschonen, wenn sie mit ihm schläft. Und selbst Claudio wünscht sich, dass die Schwester ihren Körper für sein Leben opfert. Was sie auch tut, denn sie kann nur verlieren: Entweder verletzt sie ihre Prinzipien oder wird für Claudios Ermordung verantwortlich gemacht. Gut, dass Schug diese wichtige Protagonistin nicht zur wehrlosen Spielfigur macht, sondern zur willensstarken Frau: "Unsere Keuschheit ist mehr wert als unsere Brüder." Mit sich überschlagender Stimme und wüsten Gestikulationen verliert sie sich in Schimpftiraden, kann aber auch herzzerreißend weinen und elegant auf den Boden kotzen.

"Mach dich auf meine Geilheit gefasst"

Ohne Widersprüche ist sie aber nicht, denn zwischen ihr und Claudio geht es manchmal intimer zu als zwischen Geschwistern üblich. Es sind irritierende und ekelerregende Momente, die Schug dem alten Stoff andichtet. Sie helfen aber auch dabei zu erkennen, dass eine Frau nicht fehlerlos sein muss, um Respekt zu verdienen.

Angelo (Alexander Julian Meile) spielt einen ambitionierten Emporkömmling, das Kinn nach oben gereckt. Dabei offenbart er sein Frauenbild: "Mein sauberer Name, mein enthaltsames Leben, meine Aussage gegen dich (...) wiegen schwerer als deine Vorwürfe. (...) Mach dich auf meine Geilheit gefasst."

Exzessiv gestylte Madame Overdone © Petra Moser

Auch das restliche Ensemble brilliert: Jan Nikolaus Cerha stattet Claudio mit leerem Blick aus. Christian Higer macht Lucio zur zynischen, manchmal bestärkenden Figur, die vom saloppen Wienerischen ins nasal Überzeichnete wechselt. Helmuth Häusler zerrt als Kerkermeister ausdauernd Straffällige durch den Theatersaal. Gunda Schanderer genießt die Rolle der verruchten, exzessiv gestylten Madame Overdone und wird als Mariana (Angelos Ex-Verlobte) zum Vamp.

Beschwingter Abend

Das Bühnenbild ist verspielt: Möbel, eine mit Vorhängen bespannte Halbwand, ein weißer Plüschtiger oder Popcorn-Eimer. Zur unterhaltsamen Spielweise des Ensembles trägt bei, dass die Souffleuse auf der Bühne sitzt und sich mitunter einmischt. Harmonisch ergänzt von Marion Feichters Live-Musik aus technisch angereichertem Gesang (zum Beispiel Billy Joels "Vienna") oder gehauchten Gruselklängen. Ein reingeschobener Drummer trommelt immer wilder, während Seifenblasen durch die Luft fliegen.

Shakespeare hat ein Stück über sexuellen Machtmissbrauch verfasst – lange vor "Me Too". Moralische Reinheit und Gerechtigkeit finden sich selten in den Händen der Mächtigen. Das lässt sich leicht aufs Heute ummünzen – zum Beispiel, wenn Arbeitgeber ihre Autorität nutzen, um Angestellte, die von ihnen abhängig sind, sexuell zu erpressen. Sebastian Schug zeigt das nicht lehrhaft: Er bringt "Maß für Maß" aufgefrischt und beschwingt auf die Bühne.

Maß für Maß
von William Shakespeare
Regie: Sebastian Schug, Bühne & Kostüme: Viktor Reim, Musik: Marion Feichter, Dramaturgie: Andreas Erdmann.
Mit: Cecilia Pérez, Christian Taubenheim, Alexander Julian Meile, Jan Nikolaus Cerha, Christian Higer, Helmuth Häusler, Gunda Schanderer.
Premiere am 11. Oktober 2025
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.landestheater-linz.at

Kritikenrundschau

"Gelungener Versuch, Shakespeares Kosmos der Mächtigen respektvoll mit schräger Comedy zu verbinden!" schreibt Claudia Tröster in der Kronen Zeitung (13.10.2025). "Mit Tempo, das sich nach der Pause sogar noch steigert, treibt Schug die Handlung voran und gibt dabei dem Komischen den Vorzug vor dem Tragischen – ohne die Vielschichtigkeit seiner Figuren zu vernachlässigen."

Regisseur Sebastian Schug schütte das Stück mit "Lächerlichkeit" zu und mache "aus der dunklen Komödie eine derbe, in der auch düstere Szenen konsequent verblödelt werden", findet Thomas Kramar von der Presse (14.10.2025). Der "Klamauk" sei dabei nicht nur überflüssig, sondern störe geradezu "die Substanz des Stücks, man möchte sagen: seinen Eiskern".

 

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