Minna von Barnhelm - Schauspielhaus Graz
Männeralarm im Frauenzimmer
9. November 2024. Ist Lessing der heimliche Erfinder der Screwball Comedy? Auf die Idee könnte man kommen im Grazer Schauspielhaus, wo Ulrike Arnold "Minna von Barnhelm" als eine rasante Tür-auf-Tür-zu-Komödie schnurren lässt und mit fulminantem Slapstick aufheizt.
Von Reinhard Kriechbaum
"Minna von Barnhelm" von Gotthold Ephraim Lessing am Schauspiel Graz, Regie: Ulrike Arnold © Lex Karelly
9. November 2024. Dreieinhalb, vielleicht knapp vier Meter. So schmal kann eine Bühne sein, eng eben wie die Zimmer in einer Absteige, die es nur auf wenige Sterne bringen würde. Zimmer und Nebenräume wechseln ständig, denn Ulrike Arnold und ihre Bühnenbildnerin Franziska Bornkamm haben es drauf angelegt, jede Szene, wirklich jede Szene, in einem eigenen Raum spielen zu lassen.
Paradekomödie der Aufklärung
Diese Szenen, wie Lessing sie nummeriert, sind ja oft nur ein paar Sätze lang. So fahren die karg eingerichteten pastellfarbenen Guckkästen beständig an uns vorbei und wir können uns gut hineindenken in dieses Etablissement und in die Befindlichkeiten seiner Bewohner. Der in standesdünkelndem Trüb- und Starrsinn gefangene Major Tellheim gedenkt es demnächst zu verlassen, dafür durchwirbeln es Minna und ihre "Bediente" Franziska mit umso frischerer, fast bedrohlicher Energie.
Als eines ihrer Anliegen hat die Grazer Intendantin Andrea Vilter im Vorjahr bei Amtsantritt genannt, den klassischen Kanon zu überprüfen. "Minna von Barnhelm" ist derzeit nicht gerade Liebkind auf den Bühnen, wiewohl neben Beaumarchais' Figaro-Stücken die Paradekomödie der Aufklärung. Aber Beaumarchais ist ja vor allem ob der Musik-Veredelung durch Mozart und Rossini präsent. Also die Frage: Geht "Minna von Barnhelm" überhaupt noch?
Gleich geht's ans Eingemachte!
Ja, und wie! Ein "weißer Mann" mit ultrakonservativem Denken trifft auf eine ihm intellektuell weit überlegene, handlungsaktive, denkoffene Frau. Aber auch sie muss zuletzt Abstriche machen wenn's ans Eingemachte geht, an die Option für ein Leben zu zweit. Dieses ist Aushandlungssache, im günstigen Fall vor der Hochzeit. So ein Stoff verjährt nicht, gehört nur aufgepeppt. Und das gelingt hier geradezu fulminant, mit Intellekt, Stil und ungebremster Mitteilungsfreude.
Gleich ein Eyecatcher zur Eröffnung. Der Wirt ist zu einer Wirtin geworden, der Diener Just macht sich über sie her. Der Raufhandel ist zu einer bizarren, mehrmals wiederholten Bettszene mit ungewissem Ausgang geworden. Das gibt schon mal einen Rahmen vor: Hier werden in den nächsten zwei Stunden Emotionen ausgereizt, Gefühle ausgehebelt und Grenzen ertastet. Jeder Dialog wird zugespitzt, eingeseift mit unerwartetem Slapstick. So wird manch papierene Formulierung aus der Sprache des 18. Jahrhunderts ultra-geschmeidig, mit Raffung, aber wenig Eingriffen in den Text.
Huch, ist das glatt hier: Sarah Sophia Meyer als Franziska und Simon Kirsch als Haudegen Paul Werner © Lex Karelly
Da steht also Tellheim (Sebastian Schindegger), bärtig, trübsinnigen Blickes, Hand in der Schlinge. Die verkörperte Welt von gestern. Die Kompanen Just (Thomas Kramer) und Paul Werner (Simon Kirsch) sind Haudegen, ebenfalls aus der Mode gekommen. Aber immerhin handlungswillig und -bereit. Gerade der Wachtmeister Werner wird mit seinem "Frauenzimmerchen" Franziska wohl die Kurve in eine neue Zeit kratzen. Auch wenn sie (wenigstens gemeinsam) ausrutschen auf dem frisch gewischten Boden. Was für ein anschauliches Bild für eine neue, noch ungewisse Ära. Präzise Charaktere sind da angelegt, die irgendwie undogmatisch reagieren – genau das macht sie liebenswert.
Pfiff und Stil
Anke Stedingk ist Minna. Ein nur scheinbar doofes Dummerchen, das jungmädchenhaft für den Mann schwärmt, den sie ja eigentlich kaum kennt. Mit Vollgas wird sie ihm immer wieder klar zu machen versuchen, dass das Leben anders spielt, als es soldatische Konventionen vorsehen. Ihre Bemühungen gehen freilich oft rührend ins Leere, was Franziska, mehr selbstbewusste Freundin und Lebensbegleiterin als "Bediente", oft mit ungläubigen Blicken kommentiert. Sarah Sophia Meyer wirkt in dieser Rolle oft wie der Nukleus der Aufführung. So starke mimische Kommentare, ohne wirklich das Gesicht zu verziehen...
Die Personnage ist auf sechs Leute reduziert. Die Minna-Darstellerin schlüpft auch in die Rolle der Witwe Marloff und Major Tellheim spielt auch den Spieler Riccaut, der einen umwerfend derb-komischen Auftritt im Zimmer der Frauen hinlegt. Derartige Bizarrerien geben der Inszenierung Pfiff und Stil. So wie originelle Orte wie dampfende Bügelkammer, Fitnessraum oder Gang mit Lifttür.
Gibt's noch ein Happy End? Simon Kirsch, Sarah Sophia Meyer und Anke Stedingk (als Minna von Barnhelm) © Lex Karelly
Für burleske Einlagen sorgt die Wirtin (Annette Holzmann), und sei's auch nur, wenn sie mit dem Staubsauger durch die Szene geistert. Einmal verwandelt sie sich ins personifizierte Ehrgefühl des Majors von Tellheim. Er und Minna diskutieren vor dem Doppelbett ihre Beziehung – und im Bett liegt dieser allegorische Kerl mit Dreispitz ...
Herz beiseite
Immer wieder ist es verblüffend, wie die Regisseurin mit scheinbar banalsten Ideen Wirkung macht und die Sache doch nicht platt wirkt. Die finalen Auseinandersetzungen, Missverständnisse und Irrtümer: Da rasen die Räume schier vorbei, die Protagonisten müssen sehen, wie sie von einem Guckkasten in den nächsten kommen. Aus der Wirtin ist jetzt ein großes Plüsch-Herz auf Beinen geworden, mit Aufschrift "Happy End". Aber dieses Herz wird immer wieder auf die Seite geschubst.
So schnell geht's ja dann doch nicht mit der Versöhnung, die bekanntermaßen erst nach beidseitiger Läuterung gelingt. Einmal durchatmen. Franziska bekommt nicht nur ihren Wachmann, sondern auch nette, unprätentiöse Schlussworte, die Lessing nicht vorgesehen hat.
Minna von Barnhelm oder die Kosten des Glücks
Lustspiel von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Ulrike Arnold, Bühne: Franziska Bornkamm, Kostüme: Anna Lechner, Musik: Florian Rynkowski, Dramaturgie: Anna-Sophia Güther.
Mit: Anke Stedingk, Sebastian Schindegger, Annette Holzmann, Sarah Sophia Meyer, Thomas Kramer, Simon Kirsch.
Premiere am 8. November 2024
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause
www.schauspielhaus-graz.com
Kritikenrundschau
"Klug und vor allem unterhaltsam lotet diese 'Minna' das Verhältnis zwischen monetärem Besitz und Selbstwert sowie zwischen Freiheit und Liebesfähigkeit aus", schreibt Christoph Hartner in der Kronen Zeitung (11.11.2024) und lobt die Spieler*innen: "Anke Stedingk schwankt in der Titelrolle famos zwischen blinder Verleibtheit und kühler Berechnung. Sebastian Schindegger suhlt sich als Tellheim wunderbar in seinem eigenen Mitleid. Sarah Sophia Meyer (Franziska) und Simon Kirsch (Paul Werner) vollführen einen herrlichen Slapstick-Tango der Leidenschaft. Und Annette Holzmann (Wirtin) und Thomas Kramer (Just) vervollständigen das tolle Ensemble"
"Eine rasante, raffinierte Posse" sah Norbert Mayer und schreibt in Die Presse (11.11.2024). "Ein fein abgestimmtes Ensemble bringt Lessings Appell an die reine Vernunft in pausenlosen 135 Minuten immer wieder auf den Punkt."
Die Inszenierung von Ulrike Arnold will keine Studie von Kriegstraumata sein, erklärt Christian Ude in der Kleinen Zeitung (10.11.2024, €). Vielmehr werde "das Ausloten von Kosten und Wert der eigenen Autonomie (…) auf die Spitze getrieben", wofür die Regisseurin "amüsante Bilder" fände. Sie beweise zudem "ein gutes Gespür für Momente zum Durchatmen" und besteche "Richtung Finale mit der Idee, dass sich das Happy-End als Figur immer wieder einzuschleichen versucht, aber vorerst noch verdrängt wird". Bei alledem könne Arnold "auf ein exquisites Ensemble vertrauen".
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