Wir sind bloß eine Phase

9. Juni 2024. Die Welt steht am Abgrund, aber das wird schon wieder: In (Kiki) Miru Miroslava Svolikovas Stück rätseln drei Göttinnen, was uns bloß so ruiniert hat. Regisseurin Bettina Bruinier hat die Katastrophe in Innsbruck mit Humor genommen. 

Von Martin Jost

"Gi3F (Gott ist drei Frauen)" am Tiroler Landestheater Innsbruck © Birgit Gufler

9. Juni 2024. "das böse kommt auf die bühne […] in form von glitzer oder schleim oder ganz anders", heißt es in einer der raren Regieanweisungen in (Kiki) Miru Miroslava Svolikovas Text. Auf der Kammerspielbühne des Tiroler Landestheaters ist das Böse aufgeblasene schwarze Müllsäcke, die sich unangenehm dem Aufgeräumtwerden widersetzen. Ulrike Lasta fegt das Böse schließlich aus der Saaltür hinaus (im Text: ganz weit hinten ins All). Nach der Aufräumaktion sind die drei Göttinnen (neben Lasta auch Sara Nunius und Petra Alexandra Pippan) erstmal erleichtert. Aber dann wird es dunkel und sie merken, dass sich in der Schöpfung rein gar nichts mehr tut. Was ist denn jetzt wieder kaputt? 

Prinzip: Versuch und Irrtum

Die ganze Schöpfungsarbeit und Weltverwaltung erledigen die drei Göttinnen nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. Ganz zu Anfang überlegen sie, was es jetzt war, das die Erde ins Grab gebracht hat. Jede sieht bei sich die Schuld an der Apokalypse. Oder waren es drei Apokalypsen in drei Welten? Womöglich hat jede Göttin ein eigenes Schöpfungsprojekt in den Sand gesetzt. So oder so war es nicht die erste Welt und wird auch nicht die letzte gewesen sein: „wir sollten jetzt einmal herausfinden […] warum immer alles schief gehen muss, jedes mal.“

Noch weniger Durchblick hat die Erde selber. Sie erinnert sich, wie ihr nach dem Abkühlen eine feste Haut gewachsen ist, auf der irgendwann Leben anfing, sie zu kitzeln. Marion Reiser belebt eine riesige Erdkugel, ihr blauer Kopf ragt mitten aus dem Pazifik (Bühne und Kostüme: Mareile Krettek). Sie erzählt, wie sie sich einmal so schnell gedreht hat, dass ein paar Menschen abgefallen sind. Aufs Stichwort kommt ein Astronaut in einem Raumanzug aus dem Himmel geschwebt und die Erde erinnert sich, wie sie sich da zum ersten Mal angestarrt haben, sie und das Leben, das sonst auf ihrer Kruste herumkrabbelt. (Zufällig kommt am Premierentag die Nachricht vom Tod von William Anders, der 1968 das wirkmächtige Foto vom Aufgang der Erde über dem Mond geschossen hat.)

Das Mensch namens Jens

Die dritte Perspektive bietet das Mensch. Das Mensch taucht erst ungefähr nach der Hälfte des Abends auf und hat dann noch eine ganze Weile nichts zu sagen. Es heißt laut Programmheft Jens und die Dreifachbesetzung mit Pasquale di Filippo, Florian Ranzner und Philipp Rudig unterstreicht, dass es eine Vielzahl Jens-Mensche gibt, die alle irgendwie gleich sind. Dem Mensch begegnen wir nackt (angedeutet durch hautfarbene Spandex-Einteiler). Es zieht nicht nur eine Nabelschnur hinter sich her, sondern ist durch sie auch an die anderen Jense gefesselt.

Auftritt der Jense: Philipp Rudig, Florian Granzner, Pasquale di Filippo © Birgit Gufler

Zunächst lässt "das Mensch" die ganze Geschichte vom Höhlenmenschen mit Keule bis zum Krieger mit Kalaschnikow Revue passieren. Die slapstickhaften Vignetten spielen sich in einem kreisrunden Guckloch ab. Die Bühne besteht aus fünf schwarzen Kulissen mit gestuften, nach hinten kleiner werdenden Augen. Durch das wechselnde Licht sind sie abwechselnd unsichtbar oder erzeugen einen Eindruck eines tiefen Tunnels. Die Göttinnen tummeln sich frei in allen Ebenen, das Mensch bewegt sich aus dem tiefsten Guckloch bis zur Vorderbühne. Und die Erde, die besorgniserregend an Luft verliert und immer kleiner wird, dreht sich auf ihrer stets gleichen Umlaufbahn in der ersten Gasse.

Ohne das Böse geht es nicht

Was Textflächenstücke angeht, ist "Gi3F" ein besonders zugängliches. Bettina Bruinier hat klare Rollen vergeben, die Figuren sind echte Typen und auch wenn Ort und Zeit der Handlung naturgemäß metaphysisch bleiben, sind wir stets über die Situation der Sprechenden orientiert.

Das Ensemble hat Spaß an der absurden Mischung aus Sprachwitz, schnodderiger Poesie und überkandidelter Dramaturgie. Das Spiel ist schrill, komisch, naiv, mit Anlehnungen aus dem Kasperletheater. Die Katastrophe wird mit Humor genommen. Diese Haltung funktioniert, wenn man das Mensch nicht so wichtig nimmt. Das Leben ist aus Sicht der Erde bloß eine Phase, die sie im nächsten Zyklus von Neuem durchlaufen kann. Passenderweise sind Ulrike Lasta blaue Hände aus dem Rücken gewachsen – Hindu-Göttin mit Latexhandschuhen.

Gott ist drei Frauen 3 CBirgitGufler uGöttinnen schauen hinunter: Sara Nunius, Ulrike Lasta © Birgit Gufler

Die Erde schleift ihren schlaffen Gummiballon und eine Luftpumpe in Industriegröße in die Umlaufbahn. Zu Riz Ortolanis "Oh My Love" ("from nature we should learn/ That all can start again") bläht sich langsam die blaue Murmel wieder auf. Was hatte den Göttinnen noch gefehlt um die Schöpfung wiederzubeleben? Das Böse! Es lässt sich nicht hinten im All verstecken, denn es ist ein unerlässlicher Baustein von allem. Die Welt wird wieder rund und das Mensch erwacht. Und wie es enden wird, wissen wir auch schon. Jens (Philipp Rudig): "wir sind lernfähig, aber wozu."

Gi3F (Gott ist drei Frauen)
von (Kiki) Miru Miroslava Svolikova 
Regie: Bettina Bruinier, Bühne & Kostüme: Mareile Krettek, Komposition: Kenneth Winkler, Choreografie: Marcel Leemann, Dramaturgie: Diana Merkel.
Mit: Ulrike Lasta, Sara Nunius, Petra Alexandra Pippan, Marion Reiser, Pasquale di Filippo, Florian Granzner, Philipp Rudig.
Premiere am 8. Juni 2024
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
landestheater.at

Kritikenrundschau

"'Gi3F' ist vor dem Hintergrund von Krisen, Klimakatastrophe und Kriegen radikal zeitgenössisch, feministisch und poetisch. Und auch in der Struktur zeitgemäß. Das Stück ist schwer zu fassen, schlichtweg überwältigend. Im positiven Sinne, wenn man es zulässt", schreibt Barbara Unterthurner von der Tiroler Tageszeitung (9.6.2024).