Die kleinen Meerjungraun - Bühnen Bern
Delfinsexy durch die Nacht
28. September 2025. Mit meereswogenden Sehnsüchten, aber ohne "F" im Titel: Kim de l'Horizon erzählt in "Die kleinen Meerjungraun" über das Leben unter Wasser und den Anpassungsdruck an Land. Die Uraufführung des sprachsprudelnden Textes besorgt das Regie-Team ACE um Alia Luque.
Von Sabine Leucht
Kim de l'Horizons "Die kleinen Meerjungraun" in Bern uraufgeführt © Fabian Stransky
28. September 2025. Hans Christian Andersens Märchen "Die kleine Meerjungfrau" ist ein beliebtes Sprungbrett für queere Feste und Erzählungen. Erst Anfang des Jahres hat Bastian Kraft am Schauspielhaus Zürich davon zu einer "Fluid Fairy Fantasy" abgehoben. Echte und von Schauspieler*innen herbeigespielte Dragqueens feierten da das Fischige, dem man nicht auf Anhieb ein Geschlecht zuordnen kann, die Schönheit schillernder Schuppen und die sich auflösende Trennschärfe unter Wasser. Aber sie arbeiteten sich auch an den Demütigungen und Verletzungen ab, die die Zwischenweltlichen erleiden müssen: die Camouflage als Meerschaum, die abgeschnittene Stimme, der Verzweiflungstod am Ende.
Perfekt wie Marmor oder aufgeraut?
Die Uraufführung des neuen Stücks von Kim de l'Horizon in Bern endet mit der Verkleidung und dem Auszug von Marmormarco in die Stadt. Lange haben die drei "Meerjungraun" (ohne "F", sic!) gebraucht, um ihn zu wecken. Denn die ersten eineinhalb Stunden hat Marmormarco in Person von Jonathan Loosli regungslos auf der Bühne gelegen. In der dunklen Erde zu Füßen einer Hirschfamilie zeigte er dem Publikum seine nackte, weiße, fein geschwungene Rückenansicht. Eine Projektionsfläche für die Phantasien der drei Spielenden, die sich hier einen eigentlich monologischen Text teilen. In ihm ist Marmormarco ein "Mannesmann", die höchste Erscheinungsform der "Menschige" mit den geraden Beinen und Ziel einer doppelten Begierde: "Möchte ich sie ficken oder sie werden? Do I want them or do I want to become them" fragt Linus Schütz gleich zweimal auf Deutsch und Englisch.
Suche nach Aufstieg in die Welt des "Menschigen": Claudius Körber, Linus Schütz und Lucia Kotikova © Fabian Stransky
Die erste Überraschung an diesem Abend: Anders als im Roman "Blutbuch", der über ein nonbinäres Coming of Age erzählte, den Deutschen wie den Schweizer Buchpreis gewann und auf einigen Bühnen Furore machte (zuletzt auch beim Berliner Theatertreffen) ist Kim de l'Horizon in "Die kleinen Meerjungraun – Das Flutschige strikes back" nicht in erster Linie auf queere Lebenswelten aus. Zwar schauen alle männlich wie weiblich gelesenen Spieler*innen zu den Marcos im "Humans Only Club" auf, aber es stecken auch andere gesellschaftliche Sehnsüchte in diesem Blick nach oben. In erster Linie ist das ein Text über Anpassungsdruck und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, der etwa in der Mitte rüberschwenkt zur Beschreibung einer "perfekten", marmorfein geschliffenen Zweierbeziehung und sich schließlich zu einem Plädoyer für das Unangepasste und Raue als politische Zukunftsvision aufschwingt.
Blaugeiler Wortschaum
Im ersten Teil von Alia Luques Inszenierung perlt und sprudelt Kims erfindungsreiche Sprache, als käme sie selbst aus dem Wasser. Und Linus Schütz, Claudius Körber und Lucia Kotikova behandeln die vornehmlich Zustände beleuchtende Textfläche wie das vitalste Dialogmaterial. Das brodelt richtiggehend auf Christoph Rufers Bühne, die praktisch alle Erwartungen an Wasserwelten oder (den bei Bastian Kraft überbordenden) Glamour unterläuft. Ein Halbrund aus Gaze zeigt ein pastellfarbenes Waldpanorama. Davor stehen auf der Bühne 1 der Vidmarhalle ein paar ausgestopfte Tiere herum.
"Hoffnungsfischlein" im Bühnenbild von Christoph Rufer und in Kostümen von Ellen Hofmann © Fabian Stransky
Dazwischen fragen sich die drei Meerjungraun, wie sie hierhergekommen sind. "Ich habe mich so gegeben, wie es das Gegebene gutheißt", staunen sie und wirken äußerlich vollkommen assimiliert. Sie müssen nur öfter mal was trinken. Mit ihren schwarzen Anzügen über – wie man erst später sieht – wenigstens ein bisschen bunten Tops (Kostüme: Ellen Hofmann) müssen sie den Zuschauer enttäuscht haben, der sich für den Abend extra in Glanz und Glitter geworfen hat.
Wo man beim Lesen noch dachte, diese farbigen Textmassen voller Wortschöpfungen wie "delfinsexy blaugeil" oder "Beinesgleichen", voller Meerhexen und Allerleirauhs verlangen nach hemmungsloser Illustration, setzt Luque (im Inszenierungs-Trio ACE) auf Unterstatement, auf Down to Earth, bringt aber auch Zeichen aus der Welt des Business und des Nicht-Menschlichen ins Spiel, die andere Assoziationen in Sachen Aufstieg und neue Gemeinschaft erlauben.
Wo der Erklärbär lauert
Und um die geht es auch im letzten Teil des Abends, an dem die quirligen Drei sich als "Hoffnungsfischlein" outen und das Flüssigwerden als Utopie anpreisen, aber auch zunehmend schwerer an der Textfülle tragen. Anfangs reichte allein ihr Blick in den Himmel des Zuschauerraumes, und alles Beschriebene wurde vor dem inneren Auge lebendig. Doch insbesondere, wenn er das Normalo-Leben schildert, wird der Text erwartbarer. Und da, wo es politisch wird, will Kim de l'Horizon offenbar auf keinen Fall missverstanden werden. Plötzlich steht zwischen den mehr oder wenigen exotischen Tieren auch der Erklärbär im Raum.
Am Ende wird Marmormarco geweckt, schlüpft auf offener Bühne in ein langes silbriges Kleid und fährt in diesem Aufzug in die Stadt zurück. Zum beabsichtigten Realitätstest dafür, wie sich auffällig Andersaussehende in der Öffentlichkeit fühlen, wird der per Livestream weiterzuverfolgende Spaziergang durch Bern allerdings nicht. Mit einer Handvoll Zuschauern (und der Kamera) im Schlepptau hat Loosli eine starke Rahmung mit dabei – und als großer, eher verkleidet als trans wirkender Mann, den Schutz des Selbstverständnisses, dass einem wie ihm nichts passieren wird.
Die kleinen Meerjungraun. Das Flutschige strikes back. Eine Komödie
Eine Einschwörung auf die Epoche der Transformationen
von Kim de l'Horizon
Inszenierung: Trio ACE, Regie: Alia Luque (Trio ACE), Bühne: Christoph Rufer (Trio ACE), Kostüme: Ellen Hofmann (Trio ACE), Licht: Jonas Bühler, Dramaturgie: Felicitas Zürcher.
Mit: Lucia Kotikova, Claudius Körber, Jonathan Loosli, Linus Schütz.
Uraufführung am 27. September 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten (bzw. 2 Stunden 30 Minuten mit Spaziergang), keine Pause
buehnenbern.ch
Kritikenrundschau
"Die Inszenierung stellt Kim de l’Horizons sorgfältige Arbeit an der Sprache ins Zentrum, ansonsten ist sie reduziert", schreibt Joanna Nowotny in Der Bund (29.9.2025). "Der Text ist voll von hochverdichteten Passagen, die auf der Bühne nicht immer leicht zu verstehen sind. In den besten Momenten entstehen anregende assoziative Verkettungen - so müssen die Meerjungraun auf festem Boden etwa auf ihre Stimme verzichten, den Menschen zustimmen, um dazuzugehören, dem begehrten Menschenmann hörig werden. (...) Doch im Verlauf des Stücks wird das Erzählerische durch das Thesenhafte verdrängt, und es wird etwas gar viel gesagt statt gezeigt."
"Kim de l’Horizons Text ist kunstvoll formuliert, dicht (nur manchmal etwas überreichlich) und bei aller Ernsthaftigkeit des Anliegens ausgesprochen witzig – und eine ganze Menge für die drei Schauspielenden Claudius Körber, Lucia Kotikova und Linus Schütz, die ihn mit Verve meistern", sagt Andreas Klaeui im SRF 2 (29.9.2025). "In einer Inszenierung, die sich ganz auf die Sprache konzentriert und den Text durchhörbar macht."
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