Jungwählerinnen zum Aufräumen, bitte!

23. Oktober 2025. Das junge inklusive Komiktheater und das St. Galler Stadttheater haben einen Lauf. Mit ihrer ersten Koproduktion landeten sie direkt beim Schweizer Theatertreffen. Jetzt legen sie "Die Vollversammlung" nach: ein wildes, anarchisches, ironisches, wunderbares Fest der direkten Demokratie.

Von Julia Nehmiz

Michel Schröder zeigt "Die Vollversammlung" in St.Gallen © Jos Schmid

23. Oktober 2025. Der Abend beginnt wie nebenbei. Der Einlass läuft, auf der Bühne richtet eine bunte Truppe Biertische und -bänke ein. Hollerajo ladido, jupidu holjo! Kurz deklamiert die Gruppe einen Jodel – natürlich denkt man an den Sketch von Loriot –, doch "Achtung!", schreit einer. Alle müssen stillstehen. Rechts um. Durchzählen. Eins, zwei, drei, siebentausend, elf, Marschmusik, los geht's. Aufmarsch zum Schützenfest, vielleicht ist es auch eine Vereinshauptversammlung oder eine öffentliche Gemeindeversammlung, so genau erfährt man es nicht, aber es ist auch egal.

Alle Ingredienzen einer typischen Schweizer Versammlung sind dabei. Viel zu oft war man selber auf solchen öffentlichen Versammlungen. Wo umständlich Verfahren und Verantwortliche vorgestellt werden, Protokolle und Budgets und Jahresrechnungen abgenickt, langatmige Reden und bemüht humorige Beiträge beklatscht werden. Für alle Großstadtmenschen: Das ist in den ländlich geprägten Gebieten der Schweiz – also dem Großteil – Alltag. Direkte Demokratie, jedes Dorf hat seine Versammlung. Jetzt im Herbst werden sie in den Gemeinden landauf, landab wieder abgehalten.

Anarchischer Ritt quer durch Schweizer Befindlichkeiten

Die "Vollversammlung" im Theater St.Gallen beginnt harmlos wie eine dieser vielen steifen Dorf-Anlässe. Und dreht dann gleich ab ins überhöht Absurde. Zu lüpfiger Ländlermusik und Juchzern werden Bierhumpen gefüllt; Konfusion, wer darf bei wem an den Festgarnituren Platz nehmen, "Humpa Humpa" und wilde Dance-Moves, zuvor hatte der "Jungmusik-Präsident und Presseverantwortliche" eine ausufernde Ansprache gehalten, das Publikum stimmte über das vorgezogene Protokoll ab, die Sponsoring-Verantwortliche verhedderte sich in den Folien für den Overhead-Projektor – lokalpolitischer Versammlungswahnsinn auf die Spitze getrieben.

Vollversammlung 4820 dsc06310 1 c Jos SchmidBereit für demokratischen Schabernack: Joanna Rohner, Herwig Ursin, Tomas Chris Eichmann und Joy Käser in "Die Vollversammlung" © Jos Schmid

Weiter geht's im Bilderrausch, Heidi, Apfelschuss, Geldwäsche, PFAS-Skandal, Militär, Schwingfest, Nahkampf-Quiz-Show – ein wilder, anarchischer Ritt quer durch Schweizer Befindlichkeiten, Klischees und Selbstbildnisse. Soundcollagen, Musik und Videoprojektionen von mächtigen Turnfesten, Heile-Welt-Helvetia oder chinesischen Schweiz-Träumen befeuern beiläufig eine Dauer-Meta-Ebene. Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Was macht uns aus? Wie leben wir Gemeinschaft?

Das junge Komiktheater hebt ab

Denn es ist nicht nur das Ensemble von Konzert und Theater St.Gallen, das auf der Bühne steht. Zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler des Komiktheaters St.Gallen wirken mit. Das Komiktheater wurde 2017 gegründet, es ist neben dem – älteren und bekannteren – Theater Hora aus Zürich das zweite professionelle Ensemble für Menschen mit Unterstützungsbedarf.

Diese Zusammenarbeit ist noch frisch. "Der Sturm", die erste Koproduktion von Konzert und Theater St.Gallen und dem Komiktheater vor eineinhalb Jahren, wurde direkt zum Schweizer Theatertreffen eingeladen. Der Erfolg brachte dem jungen Komiktheater: Sichtbarkeit. Die Eigenproduktionen zuvor hatten ein kleines Publikum angesprochen. Plötzlich raus aus der Bubble, rein in die Theaterwelt.

Utopie des Zusammenlebens

Diese Koproduktions-Erfolgsgeschichte soll nun fortgeschrieben werden. Wieder führt Michel Schröder, Co-Leiter des Fabriktheaters Rote Fabrik in Zürich, Regie, das Ensemble ist im Kern dasselbe, wieder wird in der kleinen Spielstätte Lokremise gespielt – dort, wo oft die mutigeren Produktionen laufen. Und wieder erforscht das – gemischte – Ensemble die Utopie vom Zusammenleben. War der "Sturm" eher noch geprägt von einer Suche auf persönlicher Ebene, bohrt "Die Vollversammlung" beiläufig im (politischen) Selbstverständnis der Schweiz. Mal irre Nummernrevue, mal völlig tiefenentspannte Momente, in denen die Schauspieler:innen einfach da sind.

Schröder und seinen Darsteller:innen Diana Dengler, Tomas Chris Eichmann, Christian Hettkamp, Joy Käser, Florian Nef, Joanna Rohner und Herwig Ursin gelingt ein lustvoller und zugleich spitzer Theaterabend. Entlarvend, wenn eine Jungbürgerfeier nachgespielt wird, drei jungen Frauen wird der Bürgerbrief ausgehändigt als Zeichen, dass sie wählen und gewählt werden dürfen – und aufräumen. In dieser kleinen Szene ist alles drin. Rollenbilder, Patriarchat, Stimmrecht auch für Menschen mit Behinderungen – bislang sind Schweizerinnen und Schweizer, die "wegen Geisteskrankheit oder Geistesschwäche entmündigt sind", wie es noch in der Verfassung heißt, vom Stimmrecht ausgeschlossen. Echte Gemeinschaft geht anders. Auf der St.Galler Bühne wird sie für einen Abend Wirklichkeit.

Die Vollversammlung
Stückentwicklung von Michel Schröder und Ensemble
Regie und Sounddesign: Michel Schröder, Bühne: Valentin Köhler, Kostüm: Nic Tillein, Musik: Herwig Ursin, Licht: Dennis Scherf, Video: Roland Schmidt, Dramaturgie: Laura Friedrich/Sebastian Juen.
Mit: Diana Dengler, Tomas Chris Eichmann, Christian Hettkamp, Joy Käser, Florian Nef, Joanna Rohner, Herwig Ursin.
Uraufführung am 22. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Koproduktion Theater St.Gallen und Komiktheater St.Gallen

www.konzertundtheater.ch
komiktheater.ch

Kritikenrundschau

Von eine "Wudertüte volle träfer, schlotzohriger Swissness-Miniaturen" schreibt Bettina Kugler im St. Galler Tagblatt (23.10.2025). Das Ensemble wirke dabei "wunderbar barrierefrei und mit größter Selbstverständlichkeit zusammen. "Sie spielen mit der ERnsthaftigkeit von Kindern und halten der Wlllensnation arglos den Spiegel vor."

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