Aufruhr im Auge des Sturms

12. Januar 2025. Was würde der Fluss erzählen, wenn er sprechen könnte? In "Staubfrau" würde er von den Morden an Frauen künden, die im nahen Dorf geschehen sind. Anna Stiepani inszeniert die Uraufführung von Maria Milisavljevićs neuem Theatertext.

Von Valeria Heintges

Maria Milisavljevićs "Staubfrau" am Schauspielhaus Zürich © Sabina Bösch

12. Januar 2025. Drei Spieler:innen auf spiegelndem Boden. Sie sind Oma, Mutter, Kind. Aber die Mutter kann zur Tochter werden und die sich in der Oma zeigen. Die Oma ist sowieso schon tot. In "Staubfrau", dem neuen Werk von Maria Milisavljević, das in der kleinen Matchbox des Zürcher Schiffbaus uraufgeführt wurde, gehen die Rollen, die Figuren und die Zeiten aufeinander zu und und ineinander über. Das Thema: Femizide, Morde an Frauen, ist global, zeit- und endlos.

Opfer um Opfer, in jeder Generation

Therese etwa war Omas beste Freundin. Der Fritz – der einzige Mann, der nicht "Onkel" genannt werden wollte – hat erst zehn Biere in der Kneipe gekippt, Therese dann eine Kette auf dem Rummel geschossen. Und sie schließlich vergewaltigt und umgebracht. Sie tauchte nie wieder auf. Der Fritz hingegen lebte ruhig und unbehelligt und starb im Alter von 88 Jahren. "Das ganze Dorf kam zu seiner Beerdigung."

Oder die Mutter. Deren Mann hat sie geschlagen. Aber weil er so fesch war und weil es die Konventionen gestört hätte, hat sie alles ertragen und entschuldigt. Auch als er sich eine Geliebte nahm, weil er sich mit der so gut unterhalten konnte. Die Mutter hat versucht, sich umzubringen. Aber es hat nicht funktioniert.

Der Tochter wächst der Haushalt und die Erziehung der Kinder über den Kopf. Auch steckt die Vergangenheit viel zu groß in ihr. Ihr Mann vergewaltigt sie, aber sie darf es nicht so nennen. Als sie ihn verlassen will, bringt er sie um. Sie kann sich nicht wehren. Er ist einfach stärker.

Die Ungeheuerlichkeiten der Spezies Homo Sapiens

Maria Milisavljević hat ihrem Text "Staubfrau" den Untertitel "Ein Theatertext für eine oder mehrere Frauen*" gegeben. In Zürich lassen drei beeindruckende Spieler:innen ihre Rollen ineinanderwuchern wie das Grünzeug in Thurid Peines Bühnenbild. Pflanzkübel stehen im Hintergrund der schicken Küchenausstattung samt Mixer und Waschmaschine. Zuerst drängen sie sich sprachlich in den Vordergrund, wenn ein Stimmengewirr immer wieder vom "Kräutergarten" berichtet, in dem die "Beerenbüsche" zwischen "buntblühenden Topfpflanzen" wachsen. Später werden sie in der Femizid-Szene die Bühne überwuchern.

Staubfrau 1 CSabina Boesch uZwischen Garten-Eden-Grün in der Psycho-Hölle: Anita Iselin Soubeyrand © Sabina Bösch

Die Zürcher Matchbox fasst kaum 60 Zuschauer:innen; das beinahe intime Setting passt zu der stillen Inszenierungsweise von Anna Stiepani, die, trotz der himmelschreienden Ungerechtigkeit ihres Themas, ebenso wie Milisavljevićs Text auf ruhige Töne, beharrliches Aufdecken, hartnäckiges Beschreiben und zuweilen auf leisen Humor setzt.

Sogar ein Hauch von Mystik und Märchen weht durch den Abend, wenn Lola Dockhorn als Oma Hanna, die ihre Freundin Therese oft am Fluss sitzend betrauerte, im nixenähnlich beschuppten Mantel und mit grauem, Meerjungfrau-typisch überlangem Zopf durch das Geschehen streicht und – trotz angeblicher Unsichtbarkeit – vehement auf ihren Platz im Geschehen pocht. Immer wieder spricht sie über ihren Lieblingsort am nahen Fluss, der die Ungeheuerlichkeiten der Spezies Homo Sapiens seit Anbeginn klaglos aufnimmt – Thereses Kette, Hannas Fahrrad, löchrige Schuhe, leere Patronenhülsen, Gewehre. Das Gewässer schluckt alles, fließt dabei aber stetig weiter und spiegelt das Sonnenlicht.

Gewaltvolle Ausbrüche erinnern

Anita Iselin-Soubeyrand verkörpert meist die verzweifelt auf Konventionalität bestehende Mutter, der der schöne Schein weit über das gräßliche Sein geht. Ein bittersüßer Höhepunkt, als sie aus der Zeitung vorliest, dass es Männer geben soll, die bei der Hausarbeit helfen, und sie hilflos schwankend zwischen Unglauben und Hoffnungslosigkeit in einen Lachanfall ausbricht.

Staubfrau 2 CSabina Boesch uDrei Frauen, drei Zeiten, ein Schicksal: Anita Iselin Soubeyrand, Nancy Mensah-Offei und Lola Dockhorn in "Staubfrau" © Sabina Bösch

Nancy Mensah-Offeis vor sich hin verzweifelnde Tochter gibt das stille Auge des Sturms. Wenn sie sich an die Ausbrüche ihres Vaters erinnert – oder ist es doch der eigene Ehemann, der da spricht? –, verkriecht sie sich in ihren überdehnbaren Stretchrock. Sie muss erst lernen, dass Gewalt in Beziehungen nicht unbedingt physisch sein muss, wie ihre Therapeutin sagt.

Aktueller Strom der Namen

Es ist die Stärke des Inszenierungsteams, der kraftvollen Spieler:innen und des trotz aller Wucht hochpoetischen Textes, dass die Generationen deutlich getrennt und gleichzeitig so miteinander verwoben werden, dass die Zeitlosigkeit des Themas jede Kalendergrenzen sprengt.

Am Ende fließt ein weiterer Strom über die Bühnenwand: Eine schier endlose Aufzählung von Frauen, die in den letzten Jahren in der Schweiz getötet wurden. Die meisten sind zum Zeitpunkt ihres Ermordetwerdenes zwischen 30 und 50 Jahre alt, etliche aber auch älter oder jünger. Und bei erschreckend vielen heißt es schlicht: "Mein Alter ist unbekannt."

Staubfrau
von Maria Milisavljević
Regie: Anna Stiepani, Bühnen- und Kostümbild: Thurid Peine, Licht: Rasmus Stahel, Dramaturgie: Elio Martin Romo, Regieassistenz: Philipp Stevens, Bühnen- und Kostümbildassistenz: Greta Wilhelm.
Mit: Nancy Mensah-Offei, Lola Dockhorn, Anita Iselin-Soubeyrand.
Uraufführung am 11. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

Kritikenrundschau

Milisavljevićs Text sei "realistisch durch grösstmögliche Poesie, und er ist heiter bei grösstmöglicher Seelenschwärze", lobt Daniele Muscionico im St. Galler Tagblatt (12.1.2025). Die "detailgenaue und klare" Regie von Anna Stiepani verichte die Vorlage "zum Glücksfall: ein Stück so zwingend, dass man es zum aufklärerischen Pflichtstoff für Schulklassen erklären wollte"

Man möchte das simple, tendenziöse Männerbild am Ende zwar ablehnen oder zumindest infrage stellen, sei aber "zunächst froh um die Eindeutigkeit in einem furiosen, aber auch etwas überladenen Text", schreibt Ueli Bernays in der NZZ (15.1.2025). Regisseurin Anna Stiepani lasse die drei Mütter zwischen Herd und Waschküche auflaufen. "Aber ist das, dank Feminismus und Emanzipation, nicht längst verstaubte Vergangenheit?" Es gären in "Staubfrau" die Gräben zwischen feministischen Ansprüchen und patriarchaler Trägheit, Zermürbung und Hohn. Die Mehrstimmigkeit des Textes verneble zuletzt die Pointe des anregenden Stücks. "Eine deutliche Sprache aber spricht – an die Wand projiziert – die lange Liste von Femiziden, die in den letzten Jahren allein in der Schweiz stattgefunden haben."

Kommentare  
Staubfrau, Zürich: Ein Thema, zwei Geschichten
Es ist Zufall: Ende Mai gibt es in Zürich nicht nur „Staubfrau“ zu sehen, sondern auch ein Film im Kino: „Santosh“ heisst er und ist von der indischen Regisseurin Sandhya Suri, der 2024 in Cannes in der Reihe “Un certain regard” gezeigt wurde und in DE wohl nicht in die Kinos schaffen wird … und auch dort geht es um Femizide, aber das Gesellschaftsbild im Film ist weit komplizierter (ginge es um „Triggerwarnungen, so wäre die Liste doppelt so lang im Vergleich zu der von „Staubfrau“) … der Film folgt eher einer Thriller-Dramaturgie und zeigt, dass ein Femizit keine einfache Ursache hat und Gewalt eine Gesellschaft so durchsetzt, dass eine monokausale feministische Sicht nicht ausreicht. Unschuldig ist keine/r mehr … Das soll kein Vorwurf sein an die Autorin Maria Milisavljević, aber der Kunstwille (und die Schauspielkunst auf der Bühne) lassen lange Zeit unklar, worauf es hinaus will und zum Schluss kommt die Botschaft in Form einer (endlosen) Liste von getöteten Frauen in der Schweiz, die erschreckend ist … Was ich vermisse ist, dass mich das ganze nicht „berührt“, nicht des Inhalts wegen, sondern wegen der Erzählweise. Eine sich drehende Waschmaschine oder eine Küche auf der Bühne verstehe ich als Symbol, aber es ist so platt. Die kleine (zwiespältige) Hoffnung am Ende von „Santosh“ sagt mir mehr. Das Argument, dass es ein Theaterstück und ein Film (bei dem viele Produzenten mitreden), nicht gleich aussehen kann, ist richtig, aber (sprachliche) Kunstfertigkeit reicht trotzdem nicht aus.
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