Unter Hochdruck

von Ulrike Gondorf

Bochum, 4. April 2009. Es gab eine Zeit, da nannten sie ihn "Maschine". Aber die liegt lange zurück. Damals verkaufte er die meisten Grundstücke, führte die Topliste seiner Firma an, monatelang. Aber inzwischen ist Shelly, wie Thomas Anzenhofer ihn portraitiert, grau geworden und ausgebrannt; seine große Brille mit den getönten Gläsern ist ebenso out wie die billige Eleganz seines Zweireihers. Ebenso out wie er selbst. Denn was er sich und den anderen als "Pechsträhne" einzureden sucht, das ist die Krise.

Nicht nur ihn hat sie im Griff, sondern auch seine potentiellen Kunden. Immobilien sind unverkäuflich, keiner hat das Geld, sie zu finanzieren. Und spätestens, wenn sie der Bank vorgelegt werden müssen, platzen die Verträge, um die Shelly und seine Kollegen mit harten Bandagen und dubiosen Methoden kämpfen. Getrieben vom Erfolgszwang in der Firma, der zu einem mörderischen Konkurrenzdruck geworden ist. Wer keine Abschlüsse bringt, steht auf der Abschussliste.

Drei Stücke, ein Paket

"Hanglage Meerblick" heißt das Stück, das sich ausnimmt wie ein Beitrag zur gegenwärtigen Wirtschaftslage, die mit der Immobilienkrise in den USA ihre Talfahrt begonnen hat. Dabei ist der Text von David Mamet 25 Jahre alt. Aber sicher eine gute Wahl für einen aktuellen Spielplan.

Er ist der erste Baustein zu Elmar Goerdens Bochumer Mamet-Mammut-Projekt, das unter dem Titel "Work, Sex and Politics" drei Stücke des Dramatikers zu einem Paket schnürt. "Hanglage Meerblick" ist mit Abstand das stärkste, und Elmar Goerden gelingt damit die überzeugendste Inszenierung seiner Bochumer Zeit, in der er als regieführender Intendant bislang wohl auch von einer "Pechsträhne" verfolgt war.

Es wird mit hohem Tempo gespielt, der Druck, unter dem die Angestellten stehen, überträgt sich körperlich spürbar auf die Zuschauer. Und was bei einer Mamet-Aufführung in deutscher Sprache nur sehr selten gelingt, das schaffen Goerden und seine exzellenten Schauspieler: Sie treffen genau den "Mametspeak", die charakteristische Redeweise der Figuren, die in Wiederholungen, Abschweifungen, Auslassungen, Unterbrechungen, scheinbaren Irrwegen der ausufernden Rede das Verschwiegene, Unterdrückte, Umgangene enthüllt.

Aus unbewussten Sphären

Aus diesem Untertext konstituieren sich eigentlich die Geschichte und der Charakter der Figuren. Ihr Unterbewusstsein spricht sozusagen direkt zum Zuschauer. Virtuose Darsteller und ein hellhöriger Regisseur sorgen in Bochum dafür, dass die scheinbare Banalität und Vulgarität des Dialogs transparent werden und der Zuschauer mit Spannung verfolgt, was da eigentlich hinter der Fassade des Business as usual gespielt wird.

"Hanglage Meerblick" ist mit anderthalb pausenlosen Stunden eigentlich abendfüllend – die Fragen, die das Stück aufreißt, sind es gewiss. In Bochum aber hat man erst ein Drittel der fünfstündigen Mamet-Nacht hinter sich. Was folgt, ist sicherlich nicht schlecht, durchgehend glänzend besetzt und hervorragend gespielt, aber so packend wie in diesem ersten Teil wird der Abend nicht mehr.

"Sexual Perversity in Chicago" – eine traurige Geschichte von Menschen, die alles über Sex, aber nichts über Liebe und Beziehungen wissen, als Boulevard verbrämte Bitterkeit. Aber der Rückzug ins Private fällt gegenüber der Virulenz der Probleme von "Hanglage Meerblick" ab.

Aktuelles wird altbacken

Noch weit mehr gilt das für Mamets jüngstes Stück "November" von 2008, das den Abend beschließt. Eine Persiflage auf George W. Bush, herausgebracht in der Endphase des letzten US-Wahlkampfs. Es ist eine grelle Farce auf Borniertheit, Machtmissrauch, Profitgier, Korruption, politische Lüge und alle sattsam bekannten Auswüchse dieser Ära.

Aber wie so oft wirkt das Tagesaktuelle von gestern heute schon altbacken. "November" ist ein Leichtgewicht, eine kabarettistische Nummer, die dann aber weit über eine Stunde dauert. Und darüber können auch so pointensichere und trocken-komische Darsteller wie Martin Rentzsch und Marco Massafra nicht hinwegtäuschen. Was von der langen Mamet-Nacht in Erinnerung bleibt, ist ihr kompakter, dichter, hochbrisanter Anfang mit dem Meisterstück "Hanglage Meerblick".


Work, Sex and Politics
Stücke von David Mamet
Projekt und Inszenierung: Elmar Goerden, Bühne: Silvia Merlo, Ulf Stengl, Kostüme: Lydia Kirchleitner. Mit: Michael Lippold, Klaus Lehmann, Marco Massafra, Andreas Bittl, Thomas Anzenhofer, Benno Ifland, Manfred Böll, Maximilian Strestik, Sven Walser, Sarah Franke, Marina Frenk, Martin Rentzsch, Renate Becker, Veronika Nickl.

www.schauspielhausbochum.de

Mehr lesen? Kevin Spacey und Jeff Goldblum zeigten im Mai 2008 bei den Ruhrfestspielen David Mamets schwarze Hollywood-Satire Speed the Plow.

 

Kritikenrundschau

Mit "Work, Sex and Politics", einer Zusammenstellung dreier Stücke von David Mamet, habe Elmar Goerden am Schauspielhaus Bochum "eine der besten Arbeiten seiner Intendanz hingelegt", schreibt Max Florian Kühlem in den Ruhr Nachrichten (6.4.2009): Getrost alles dürfe man "an diesem Abend als gelungen bezeichnen: die Wiederentdeckung des Autors, die Auswahl der Stücke, Besetzung, Tempo, Timing und die Ausstattung, die sich als Gesamtkunstwerk im Foyer der Kammerspiele fortsetzt." Die US-Präsidenten-Farce "November" sorge "mit dem vortrefflichen Comedy-Paar aus Martin Rentzsch (…) und Macro Massafra für ein befreit auflachendes Publikum", der Einakter "Hanglage Meerblick" wirke "in Zeiten der Finanzkrise so aktuell wie nie" und sei "mit den wunderbar schmierigen Figuren von Thomas Anzenhofer und dem einmal mehr fabelhaft aufspielenden Marco Massafra bravourös in Szene gesetzt", nur in "Sexual Perversity in Chicago" müsse Goerden "die fehlende Substanz durch erhöhtes Tempo ausgleichen", doch auch hier gebe es "großartige Momente im Spiel vor allem von Maximilian Strestik und Marina Frenk".

Bochums Intendant Elmar Goerden sei "kein Mann des Regietheaters, sondern jemand, der sich vor seinen Autoren respektvoll verbeugt", meint Rolf Pfeiffer in der Westfälischen Rundschau (6.4.2009). Deshalb müsse "sein angekündigter Abgang beklagt werden; Goerdens inszenatorische Ansätze wären in einer Zeit, in der das Theater (wie fast immer) nach Neuem schreit, noch lange für hilfreiche Erdungen im turbulenten Geschehen gut gewesen". Bei "Work, Sex and Politics" werde jedoch – sehe man "von der Medienwirksamkeit dieser Stücke-Ballung ab" – die "Besonderheit des Projekts nicht recht erkennbar". Man könnte die drei Stücke, die Goerden als "traditonell gehaltenes, naturalistisches Theater" inszeniert, "auch an drei Abenden spielen". Immerhin gebe "ein vorwiegend junges Ensemble (…) Mamets schnell konzipierten Stücken den Drive, den sie brauchen. Vielleicht lacht man deshalb in Bochum etwas öfter als andernorts über sie, aber das ist an einem so langen Abendgewiss kein Fehler"

Michael Laages schreibt auf der website des Deutschlandfunks (6.4.) über David Mamet, der zwar den Pulitzer-Preis bekam und für zwei erfolgreiche Hollywoodiana die Drehbücher schrieb, der aber in deutschen Gefilden über Jahre eine Sache für Spezialisten blieb. Für ein "Häuflein Schauspieler", das den Mamet-Speak beherrschte (eigentlich nur Hans Michael Rehberg und Gerd Böckmann) und für die ganz raren Regisseure (eigentlich nur Dieter Giesing), die sich interessierte für die Pandämonien des David Mamet. Jetzt ward Mamet in Bochum wiederentdeckt. Die "Überanstrengung" der fünf Stunden und drei Stücke lohne sich "unbedingt". Zwar sei "November", in dem "grob-grotesken Abgesang" auf George W. Bush ist dieser ein "blanker Idiot und rücksichtloser Gauner" im Amt, "ein ziemlich lausiges Stück, längliches Kabarett mit der angestrengten Dramaturgie einer Screwball-Comedy". Aber das 35 Jahre alte "Sexual Perversity in Chicago" wirke schon nur noch ein "bisschen überholt" und "Hanglage Meerblick", in dem Immobilienmakler zur Gangster-Bande würden, sei ein "Meisterstück". Auch wenn Goerdens Beschwörung alt-neuer Geister "made in the USA" dann "doch ein wenig zu heiter" ausfalle, habe das Bochumer Ensemble mit Martin Rentzsch und Thomas Anzenhofer "ein paar neuere, jüngere Meister der Mamet-Sprache aufzuweisen". Und "generell zeigt sich das oft so leichthin abgemeierte Bochumer Schauspielhaus sehr auf der Höhe der Zeit.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.4.) schreibt Andreas Rossmann über das "Projekt" des "Intendanten Elmar Goerden, das drei Stücke von David Mamet zum szenischen Diskurs namens 'Work, Sex and Politics' hochstapelt". Schon das Eröffnungsstück Hanglage Meerblick schlug dem Kritiker "ganz schön auf den Magen". Goerden inszeniere es "schnell und leicht satirisch vergröbernd", dass "es die Immobilienkrise in den Vereinigten Staaten trifft". Die Inszenierung, in der "Überzeugungstäter des Mammons, Verstellungskünstler aus Verschlagenheit" das Büro in ein Schlachtfeld des Konkurrenzdrucks verwandelten, und die sich zum "beklemmenden Gesellschaftsbild" verdichte, sei "womöglich" die "beste, die Elmar Goerden in seiner eher glücklosen Bochumer Intendanz gelungen ist". Doch, fragt der Kritiker, "warum hat er sich damit nicht zufriedengegeben?" Denn die andren beiden Stücke des Projektes fügten sich nicht zum "Sittenbild heutigen Lebens" zusammen. Wie die Darsteller sich auf "Sexual Perversity in Chicago" einlassen, sei "bewundernswert", da aber "zu breit ausgespielt" werde,  trete "das Stück bald auf der Stelle". Noch ärger kam Andreas Rossmann "November" an, ein "kabarettistisches Satyrspiel auf George W. Bush", das als "Polit-Comedy" seinen "farcenhaften Lauf" nehme. David Mamet als Dreifach-Whopper habe zwar "erfrischend" begonnen, strecke sich dann aber doch "fade in die Länge". "Weniger wäre mehr gewesen."


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