Die Sterntaler regnen nicht mehr

von Sascha Westphal

Bochum, 4. Oktober 2015. Vier Akte lang regnen in einem fort Goldpapierschnipsel auf die meist leere, nach hinten ein wenig ansteigende Bühne herab. Mal ist dieser Flitter-Regen etwas dichter, alsdann lässt er wieder nach. Es ist ganz so, als müssten sich die seltsamen Kräfte des Himmels immer wieder aufs Neue sammeln.

Am Ende des vierten Aktes, nachdem Rose Bernd von ihrem früheren Dienstherren Christoph Flamm verstoßen wurde und sich nicht länger selbst belügen kann, entlädt sich schließlich sogar ein ganzer Wolkenbruch von glitzernden Fetzen über ihr. Man sieht gerade noch wie sie, die ungewollt Schwangere, ihren Rock hebt, dann verschwindet sie fast vollständig in diesem schimmernden Papiergewitter, und das Licht, das sie zuvor angestrahlt hatte, verlischt.

Kein Halt in dieser Welt

Es ist ein irritierend poetisches und dabei doch auch extrem verstörendes Bild für den Kindsmord, auf den Gerhart Hauptmanns auf realen Ereignissen basierendes Drama aus dem Jahr 1903 so brutal zusteuert – ganz wie in Georg Büchners fatalistischer Um-Schreibung des "Sterntaler"-Märchens der Gebrüder Grimm. Wohin sich die von Jana Schulz gespielte Rose Bernd auch wendet, nirgendwo findet sie dauerhaften Halt. Ihr ist niemand eine Stütze, weder ihr Vater, der von ihrer Arbeit lebt, noch ihr Verlobter, der Buchbinder August Keil, der sich eine ganz eigene Welt aus seinen christlichen Leidens- und Erlösungsfantasien bastelt.

RoseBernd1 560 Arno Declair uFrau am Abgrund: Jana Schulz als Rose Bernd (mit Olaf Johannessen als Christoph Flamm im Rücken) © Arno Declair

Rose ist unendlich alleine, auf ewig gefangen in ihrer Güte und ihrem Leid. All ihre Träume und Hoffnungen zerplatzen, dafür muss sie nicht einmal zum Mond und zur Sonne reisen. Ihr kleiner, abgeschotteter Winkel, der schlesische Landkreis Schweidnitz, ist auch kein – wie es bei Büchner heißt – "umgestürzter Hafen". Er ist tatsächlich nur eine kahle Fläche, in deren Leere sich früher oder später jedes Versprechen als Lüge entpuppen wird. Alles, was hier glänzt, ist und bleibt Papier. Die christliche Verheißung der Grimm'schen "Sterntaler", die in einer anderen, besseren Welt der gerechte Lohn für alle Entbehrungen und Opfer in dieser unserer Welt sein sollen, klingt an diesem Abend wie der reinste Hohn.

Mit schlesischem Dialekt

Die Märchen-Assoziationen, die Roger Vontobel und seine Bühnenbildnerin Claudia Rohner wecken, verschärfen Gerhart Hauptmanns Spiel um die Zerstörung einer jungen Frau, die nie eine Chance hatte, noch einmal. Alles Historische, das einem so unendlich weit von unserer heutigen Wirklichkeit entfernt erscheint, fällt in Vontobels fast schon ins Abstrakte reduzierter und dadurch extrem formstrenger Inszenierung von dem Drama ab. Seiner naturalistischen Details beraubt erweist es sich als existentialistische Vision einer Welt ohne Gott und ohne Liebe.

Selbst der schlesische Dialekt, den sich Jana Schulz mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit und Perfektion angeeignet hat, weist nicht mehr auf einen konkreten Ort oder gar eine reale Epoche hin. Er ist vielmehr Ausdruck einer schier unüberwindlichen Fremdheit und Einsamkeit. Zunächst scheint dieses Idiom sie wenigstens mit Matthias Redlhammers Vater und Nils Kreutingers August zu verbinden. Aber der Eindruck täuscht. Sprache ist in Vontobels Inszenierung keine Heimat, sondern nur ein weiteres Herrschaftsinstrument. Sie kettet Rose praktisch an diese Männer, die sie entweder ausbeuten oder missverstehen. Augusts Güte schmerzt dabei vielleicht sogar noch mehr als Bernds scheinheilige Frömmigkeit. Zumindest grenzt sie die um ein wenig Glück ringende und an den Männern zerbrechende junge Frau am Ende ebenso aus.

Tänzerin und Träumerin

Natürlich sind es die Männer, die Rose ruinieren. Flamm, der bei Olaf Johannessen in einem Moment etwas von einem stürmischen, sich seinen Gefühlen hingebenden Jungen hat und im nächsten ganz kalt und berechnend wirkt, verführt sie. Michael Schütz’ Streckmann, der trotz aller Boshaftigkeit ein Verzweifelter und Gehetzter ist, vergewaltigt sie. August erdrückt sie, und Bernd verkennt sie. So wird jeder von ihnen schuldig an Rose und bleibt doch selbst auch ein Opfer der Umstände. Daher kann Roger Vontobel voller Verständnis auf sie blicken, ohne sich in Sentimentalitäten zu verlieren. Hauptmanns zutiefst einsame Menschen wissen es einfach nicht besser. Das entschuldigt sie nicht, aber man sollte es auch nicht ganz außer Acht lassen.

Wer urteilt, begeht nur wieder ein neues Unrecht. Vielleicht sollte man sich im Augenblick der finalen Vernichtung der Rose Bernd eher an die eine Szene erinnern, in der sie sich ihren Sehnsüchten hingibt und selbstvergessen mit Flamm tanzt. Für ein oder zwei ungeheuer kostbare Minuten blüht Jana Schulz auf und ist ganz Träumerin. Sie, deren tiefe Verzweiflung und steife Fluchtbewegungen einem sonst direkt ins Herz schneiden, scheint über die Bühne zu fliegen. Der Absturz ist unvermeidlich, nimmt dem Flug aber nichts von seiner Schönheit.

 

Rose Bernd
von Gerhart Hauptmann
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Claudia Rohner, Kostüme: Ellen Hofmann, Musik: Matthias Herrmann, Dramaturgie: Marion Tiedtke, Licht: Bernd Felder.
Mit: Matthias Redlhammer, Jana Schulz, Johanna Franke, Olaf Johannessen, Katharina Linder, Michael Schütz, Nils Kreutinger Musiker: Radek Fedyk, Matthias Herrmann, Volker Kamp, Lars Kuklinski, Markus Türk.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

"Auch dieser Wurf sitzt", schreibt Jürgen Boeberts-Süßmann auf dem Portal derwesten.de. (5.10.2015). Selten hat der Kritiker einen Theaterabend erlebt, "der das Geworfensein des Menschen in einen unverständlichen (sozialen) Kosmos derart schonungslos ausgemalt hätte": Rose Bernd gehe zugrunde, "aber wie sie in Bochum zugrunde geht, ist ganz starkes Theater!" Jana Schulz werde in der Titelrolle ihrem Ruf als Ausnahmeschauspielerin gerecht. Auch das Ensemble mit Matthias Redlhammer, Olaf Johannessen, Katharina Linder, Michael Schütz und Nils Kreutinger spiele "kompakt, überzeugend, anrührend."

"Es ist eine kluge Inszenierung, in der mehr Denkfutter steckt, als der gebannte Zuschauer in den konzentrierten 140 Minuten aufnehmen kann," schreibt Ronny von Wangenheim in den Ruhr Nachrichten (5.10.2015). So intensiv ist aus Sicht der Kritikerin "das Spiel der sieben Schauspieler, das zudem subtil und effektvoll von fünf Musikern vor allem an Blasinstrumenten unterstützt wird". Jana Schulz gehe wie sooft an ihre Grenzen, aber auch das übrige Ensemble begeistere. Der Regisseur schaffe es, das das 1903 uraufgeführte Stück von Raum und Zeit zu lösen. "Am Ende ist es erst ganz still, bevor der große Applaus beginnt, in den sich zu Recht viele Bravorufe mischen."

Eine "etwas wohlfeile Travestie" aufs Sterntaler-Märchen habe Roger Vontobel aus dem Stück gemacht, befindet Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.10.2015). Das Märchen werde als Illusion zitiert, die durchlöchert und zerrissen wird. "Eine allzu pauschale Metapher, so äußerlich wie effektvoll", so Rossmann. Jana Schulz spiele Rose Bernd mit einer "emotionalen, eckigen Körperlichkeit" und beweise einmal mehr ihre Vielseitigkeit. Doch sie werde alleingelassen. "Solo für Rose Bernd. So dekliniert die Bochumer Inszenierung das Sozialdrama und unterschlägt die Tragödie."

 

 
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