Bedeutsamkeits-Getöse, lebenslänglich

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 18. Oktober 2015. Lebenslänglich. So lange dauert so ein Leben, das in Österreich wie eigentlich überall nichts anderes ist als der Aufenthalt in einer Strafanstalt: Auf Kindheitshölle folgt der Schulkerker, die Staatsverdammnis, irgendwann der Tod. Soweit Thomas Bernhard.

Bernhards Roman "Alte Meister" aus dem Jahr 1985 versammelt in einem so genannten Bordone-Saal im Kunsthistorischen Museum Wien den 85-jährigen Musikkritiker Reger, den Regers Sätze spiegelnden Museumsaufseher Irrsigler und den die gesamte Situation in seiner Beobachtung spiegelnden Atzbacher. Der Sprachschwall der "Komödie" stößt sich von den Gemälden der alten Meister, die doch auch nur alle fehlerhaft seien, ab und ergießt sich nach überall hin. Beethoven ("mehr Getöse als Musik"), Heidegger ("Voralpenschwachdenker"), Shakespeare ("zerbröckelt uns ganz") oder Stifter ("unerträglicher Schwätzer") – "sie ersetzen keinen Menschen", also keinen einen verstehenden Menschen.

Mit Beckett gelesen

Dušan David Pařízek liest diesen Bernhard mit Beckett. Godot, das ist ja auch so ein alter Meister. Der kommt und kommt nicht. Ähnlich in Bernhards Kunsthistorischem Museum: In Betrachtung des "weißbärtigen Mannes" von Tintoretto kommt sowieso niemand. Sinnlos, lebenslänglich! Wie Estragon und Wladimir vor ihrem Beckett-Baum, so vertreiben sich Lukas Holzhausen als Reger und Rainer Galke als Irrsigler ihre Zeit mit Sprachspielen, also mit Sprachschwallspielen, beim Tintoretto-Bildnis (das die Inszenierung durch Detailprojektionen von Barthaaren assoziiert). Am Ende geht alles auf Anfang und die ersten Sätze ("Irrsigler, Sie wollten tatsächlich nur deshalb zur Polizei gehen, weil Ihnen mit dem Beruf als Polizist das Kleiderproblem gelöst schien?") kommen erneut.

Alte Meister 2 560 Lupi Spuma uKein Faible für Voralpenschwachdenker: Lukas Holzhausen und Rainer Galke in Thomas Bernhards "Alte Meister" am Volkstheater Wien © Lupi Spuma

Holzhausen und Galke fallen sich gegenseitig in die Worte, kommentieren einander auch mit Gegrunze, hantieren mit dem Text nicht vordergründig auf Publikumsverständnis hin. Der Sprachschwall ist aber ein dramaturgisch geordneter. Wenn zunächst die Beziehung der beiden durch gegenseitiges Fragen etabliert, dann Irrsigler von Reger belehrt, dann Reger von Irrsigler in seinen Tiraden beruhigt wird, dann ist Irrsigler am Ende der bessere Reger geworden.

Immer noch verlogener und verheuchelter und gemeiner und niedriger

Jedenfalls schütteln die beiden Schauspieler diesen Text aus den Mündern wie Menschen, die einander etwas zu sagen haben. Und weil alles Spiel, sinnlos, lebenslänglich ist, gibt es nebenher noch jede Menge Schauspielzauber-Inszenierungsgags. Das funktioniert mal: Wenn die Rede auf die "immer noch verlogener und verheuchelter und gemeiner und niedriger" werdende Regierung kommt, wird das berühmte Foto vom randalierenden HC Strache bei der "Heldenplatz"-Premiere projiziert. Dem nachgeschoben wird ein Foto vom winkenden Bernhard bei eben dieser Premiere. Ha!, da stehen sich zwei Männer mit erhobenem rechten Arm gegenüber. Und funktioniert auch mal nicht: Wenn Reger nichts geschenkt haben will und Irrsigler aufs Stichwort das Schnitzel bringt, damit dann Reger vom In-sich-Hineinstopfen sprechen kann, dann hinkt die Pointe dem Witz voraus.

Und einsam strahlen die Tageslichtprojektoren

Jedenfalls ist da eine Lebenslänglichkeit, und die wird mit Spiel ausgelebt. Ob der Lebenslänglichkeit eines Lebens könnte sich vielleicht auch etwas Tragischeres einstellen, Grausen, Melancholie, so was, das tut es aber auf dieser nüchternen, eigentlich kargen, jedenfalls ständig ihre Konstruktionsweise offenbarenden Bühne bis zum Ende nicht. Nach hinten offen, dort Bühnenelemente gegen eine Wand gelehnt, begrenzt von drei Projektionsflächen hat die Spielfläche ihre Fortsetzung im mal schwächer, mal heller erleuchteten Zusehendenraum. Bühnenzauber ergibt sich da so schnell keiner.

Alte Meister 1 560 Lupi Spuma uBeckett im Blut: Lukas Holzhausen als Reger in Thomas Bernhards "Alte Meister" am Volkstheater Wien © Lupi Spuma

Dafür jede Menge Reflexion: Eine Sitzbank steht genau dort, wo niemand dem Licht der beiden Tageslichtprojektoren im Weg sitzt und also niemand einen Schatten gegen die Wände wirft. Die Sitzbank steht also genau dort, wo jemand unbeteiligt beobachtend in Zentralperspektive sein könnte. Wo jemand also nicht immer schon Teil des Betrachteten werden und sich den Kopf über Bezeichnetes und Bezeichnendes zerbrechen müsste. Für alle anderen, aber auch für Reger und Irrsigler, stellt sich die Frage nach dem Bedeutsamen und der eigenen Beziehung zum wie auch immer Bedeutenden wahrscheinlich lebenslänglich.

Bei aller Theorie, bei allem karg und nüchtern, kommt es ganz am Ende der Inszenierung doch noch zur Sinnlichkeit. Finster wird's im Zusehendenraum, orangefarben auf der Bühne, Holzhausen und Galke tragen High Heels respektive Kleid und sehnen sich nach einem einen verstehenden Menschen, also nach einer Situation, die dem bloßen Lebenslänglich des Lebens etwas entgegen setzen will. Das ist ein Ausblick auf Tragik. Und ist doch das, was dem Abend bis dahin suspekt gewesen war.

 

Alte Meister
nach Thomas Bernhard
Bühnenfassung von Dušan David Pařízek
Regie & Bühne: Dušan David Pařízek, Kostüme: Kamila Polívková, Dramaturgie: Roland Koberg, Souffleur: Jürgen M. Weisert.
Mit: Rainer Galke, Lukas Holzhausen.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.volkstheater.at



Kritikenrundschau

Pařízek setze auf sein bewährtes "Ausstattungsdowngrade" und gebe durch "tollkühnen Minimalismus" Bernhards Stück "Auftrieb". So schreibt Margarete Affenzeller im Standard (online 20.10.2015) über diesen "quietschlebendigen 100-Minuten-Bernhard". Durch die Bühnenpräsenz der Sprechenden erhalte die Bernhard-Suada "plötzlich eine andere Präsenz und Dringlichkeit." Die beiden Volkstheater-Schauspieler seien dem Text "in formschöner Strenge auf der Spur".

Schlicht "großartig" findet Norbert Mayer von der Presse (online 19.10.2015) diesen Abend. "Pařízek beginnt sein Stück als Spaß, als aberwitzige Haupt- und Staatsaktion, entwickelt das Geschehen zur Clownerie, die jedes absurde Theater zieren würde, und endet in der Tiefe."

 

 
Kommentar schreiben