There will be blood

von Cornelia Fiedler und Michael Stadler

München, 19. Januar 2017. Münchner Kammerspiele, William Shakespeares "Hamlet", Regie: Christopher Rüping. Der Kritiker-Chat, powered by Skype:

MS: Also, blutleer war diese Inszenierung von "Hamlet" sicherlich nicht.

CF: Ne, 240 Liter laut SZ-Vorbericht. Da stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Quantität und Qualität ...

MS: Es wird in "Hamlet" eben ein Blutbad angerichtet.

CF: Naja, die drei Schauspieler*innen übergießen am Anfang vor allem den Bühnenboden aus Metallgittern mit Blut, was nicht besonders effektiv ist. Das Blut versickert ja. Gespielt wird also über einem See aus Blut, den man nicht sieht, von dem man aber weiß. Ist das die Metapher?

MS: Sicher. Viel Blut ist schon geflossen, bevor es losgeht. Weil Christopher Rüping und sein Team ja auch das Stück vom Ende her denken: Alle sind schon tot. Bis auf Horatio, der vom sterbenden Hamlet den Auftrag bekommt, dessen Geschichte weiterzuerzählen. Denn Hamlet ist um seinen guten Namen besorgt. Drei Horatios – Katja Bürkle, Walter Hess und Nils Kahnwald – erzählen nun die Geschichte im Rückblick, schlüpfen wahlweise in alle Rollen.

CF: Naja, dass Hamlet eine blutige Geschichte ist, bei der am Ende fast alle tot sind, ist aber auch das, was wirklich jeder weiß ... Reicht das als Ansatz?

MS: Ich find's schlüssig: Shakespeare ging wirklich rüde mit seinen Figuren um – heutiger Bezugspunkt wäre "Game of Thrones": Eine Figur nach der anderen wird gekillt, egal, ob sie sympathisch war oder nicht.

MS:  www.youtube.com/watch?v=Iipgtlikx1U

Hamlet, der freie Radikale

CF: Was mich stört, ist, dass die drei zwar erzählen, dass dabei aber mit ihnen nichts passiert: Wenn Rüping das Erzählen selbst zum Thema macht, dann will ich auch etwas darüber erfahren, wie aus dem Erlebten entweder so etwas wie ein gesellschaftliches "Narrativ" wird – oder eben eine ganz persönliche Sichtweise: Jede*r, die/der etwas erzählt hat ja ein Interesse, warum er/sie das genau so erzählt. Die drei könnten ja verhandeln oder um Deutungen ringen. Das passiert aber nicht.

CF: Es ist egal, wer gerade Hamlet spielt. Er ist vor allem zornig und erinnert (Kapuzenpulli!) an einen durchgeknallten Ego-Shooter-Spieler, der mit der Realität nicht mehr klar kommt.

hamlet2 560 thomas aurin uDrei Horatios und ein Musiker suchen einen Hamlet: Walter Hess, Katja Bürkle,
Nils Kahnwald, Christoph Hart © Thomas Aurin

MS: Hamlet ist kein Zauderer bei Rüping, sondern, das konnte man auch vorab lesen, ein "Radikaler", womit ein Bogen zu heutigen Attentätern/Amokläufern gespannt wird. Der Einzelne begeht seine Taten im Namen einer Gruppe – Katja Bürkle als Hamlet und Walter Hess als Horatio spielen, wenn sie sich zwei Finger gegenseitig in den Mund stecken und sich mit Blut beschmieren, eine Art Gangritual durch.

CF: Okay, die Gang formiert sich. Hamlet schwört seine Nr. 2 auf Rache ein – und auf Treue. Das spielen sie sehr deutlich und unnachgiebig, auf eine unheimliche Art "absolut". Schauspielerisch ist der Abend großartig.

MS: Finde ich auch. Vollblutschauspieler.

Der Geist von der Anzeigetafel

MS: Toll ist doch: Sie spielen auf einer leeren Bühne. Nils Kahnwald ist sogar gehandicapt durch einen Meniskus-Riss und muss deshalb weitgehend vom Regie-Assistenten Felix Lübkemann im Rollstuhl herumgeschoben werden. Aber solange sie fest an das glauben, was sie da sagen, wenn sie den Text mit aller Kraft verteidigen, ihre Rollen spielen – und Rollen werden hier gespielt –, dann ist dieser "Hamlet" da.

MS: Die inneren Zustände haben gestimmt.

CF: Also ein psychologischer Ansatz. Aber wir erfahren wenig über die Motivation der Figuren. Als Katja Bürkle/Hamlet den Geist des Vaters zu sehen glaubt, wirft sie sich ein blutiges Laken über und spielt den Geist selbst. Hat Hamlet sich den Geist ausgedacht? Oder wird er fremdgesteuert vom Geist, also von der Anzeigetafel, auf der gelegentlich Befehle aufleuchten?

MS: Das lässt die Inszenierung offen ... Walter Hess hat sich in jede Szene reingestürzt, ohne Gnade. Und Katja Bürkle war furios, gerade, wenn sie als Hamlet sich von Ophelia trennt, sie zusammenstaucht, für nichtswürdig hält ...

MS: "Jede Sekunde, die ich mit dir verbringe, erniedrigt mich. Du bist mir nicht gewachsen, und ich kann es nicht länger ertragen mich kleinzumachen, um auf dein Hamster-Niveau zu schrumpfen", schimpft Hamlet. Und wird den Kammerspielen nicht gerade vorgeworfen, dass sie unter Niveau unterhalten? Wollen sich nicht manche Zuschauer von diesem Theater "trennen"?

CF: Katja Bürkle trennt sich ja wirklich von den Kammerspielen. Das wäre ein ziemlich lässiger Umgang damit.

"Wir haben schon so schöne Hamlet-Inszenierungen gesehen"

MS: Wie fandst du "Sein oder Nicht-Sein"?

CF: Schön, aber inkonsequent. Der Monolog wird ja von der Schrift auf dem Display eingefordert: "UND JETZT: SEIN ODER NICHT SEIN." Dann penetrant immer wieder "SEIN" "ODER" "NICHT" "SEIN". Bürkle hat keine Lust, geht weg. Eine Randfigur, der Musiker Christoph Hart, übernimmt und zaubert ein wirklich schönes Elektro-Stück mit gesampelten Einspielern alter Theater-Aufnahmen. Das hätte mir genügt ...

MS: ... aber dann müssen auch noch die Schauspieler den Monolog sprechen. Ein Jungspund wie Nils Kahnwald fetzt das "Sein oder Nicht-Sein" eben raus als das, was dieser Monolog längst geworden ist: ein Blockbuster. Ein Hollywood-Kracher. Von Christoph Hart untermalt mit Hans-Zimmer-artiger Musik.

MS: Das klang dann so ähnlich wie: www.youtube.com/watch?v=YoHD9XEInc0

hamlet1 560 thomas aurin uEin Generationen-Hamlet mit Kapuzenpulli? Nils Kahnwald, Walter Hess © Thomas Aurin

MS: Also lauter Möglichkeiten. Alles nur Ansätze. Fazit (vielleicht): Diesem Monolog wird eh keiner gerecht. Oder: Jede*r kann das daraus machen, was er/sie will.

CF: Die Szene steht auf jeden Fall für einen provokant entspannten Umgang mit einem Klassiker. Insgesamt hatte der Abend eine ziemliche Leichtigkeit, die mir gefallen hat, und viele wirklich lustige Momente. Hamlet quasi als Pflichtübung.

MS: Nach der Vorstellung stand ein Ehepaar in der Schlange vor der Garderobe. Er zu ihr (traurig): Wir haben schon so schöne Hamlet-Inszenierungen gesehen.

CF: Gut, die Generationenfrage. Was kann dieser Hamlet über unsere Generation erzählen?

MS: Alles ist möglich. Empathie, Resignation, Wut – oder man schaut auf das Ganze lässig und unberührt.

CF: Wie am Schluss Christoph Hart, der Musiker, der sich dicke Kopfhörer aufsetzt, laut Musik hört und dem Schlachten zuschaut. Leicht ironisch grinsend, abgeklärt.

Der Schluss auf die einfache Erklärung

MS: Ein lässiger Blick auf das Blutvergießen, vielleicht auch auf den Klassiker "Hamlet". Und auf die heutige Generation von Gewalttätern?

CF: Hamlet ist fanatisiert von seiner Mission. Es hat was Religiöses, wie er abgeht, etwas Erleuchtetes. Er ist bereit alles zu zerstören, was ihm wichtig war. Er sieht alles als verlottert, morsch, hohl – das klingt schon nach dem, was islamistische Konvertiten am westlichen Lebensmodell verurteilen. Die "Gesellschaftskritik" dieses Kapuzen-Hamlet ist wenig fundiert, eher schnell entflammt. Er wirkt wie jemand, der in einer großen Sinnkrise auf eine allzu einfache Erklärung gestoßen wird. Und dann 1:1 umsetzt, was die Anzeigetafel befiehlt.

MS: Die Anzeigetafel ist auch ein Regisseur oder Diktator. Insofern kann das Ganze auch als Kommentar auf die aktuellen Debatten über Theaterhierarchien gelesen werden.

CF: Also eine Absage an die Selbstbestimmung.

MS: Alles ist fremdbestimmt ...

CF: ... beim Morden wie beim "Hamlet"-Spielen.

 

Hamlet
von William Shakespeare
Aus dem Englischen von Angela Schanelec und Jürgen Gosch
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Ramona Rauchbach, Kostüme: Anna Maria Schories, Licht: Stephan Mariani, Musik: Christoph Hart, Dramaturgie: Katinka Deecke.
Mit Katja Bürkle, Walter Hess, Nils Kahnwald.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Was bitte ist der Sinn dieses 'Hamlet'-Blutrauschs?", fragt Wolfgang Höbel auf Spiegel-Online (20.1.2017). Rüping präsentiere eine Versuchsanordnung  "und eine Unverschämtheit gegenüber all jenen eher konservativen Theaterfans, denen die Arbeit des seit gut einem Jahr regierenden Kammerspiele-Intendanten Matthias Lilienthal ohnehin nicht passt". Man könne, so Höbel, "Rüpings Regiearbeit leicht kindsköpfig und intellektuell vermessen finden, vielleicht ist sie bei allem Bemühen um Leichtigkeit auch ein bisschen humorlos in ihrer streberischen Suche nach des Dramas wahrem Kern".

"Also Shakespeare satt, hübsch eindimensional, aber mit Schmackes und unmissverständlich", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (21.1.2017) Überhaupt wird hier aus Sicht des Kritikers viel ausgestellt. Jeder Vorgang sei Behauptung, "auch jede Haltung ist eine. Der Anlage nach könnte es ein hemmungslos lustiger Abend sein, vor allem mit der Kunstblutorgie vom Kanister im Bühnenhintergrund. Hier wird fleißig gezapft, und dann schütten sich die Schauspieler den Inhalt großer Eimer über den Kopf. Aber: Die Vorstellung ist brachial humorlos. Rüping meint alles ernst. Das ist ehrenwert. Und intellektuell kommt man seiner Idee vom Amok-Hamlet auch hinterher. Nur erfühlen kann man sie nicht. Sie bleibt eben: Behauptung."

"Rüpings Blutwurst nach Helsingör-Art macht peinlich offenbar, dass der aktuelle Streit über mehr performative Theaterformen oder doch lieber Klassikerpflege in den Kammerspielen nur eine Scheindebatte ist", schreibt Mathias Hejny in der Münchner Abendzeitung (21.1.2017). "Es geht um den Widerspruch zwischen wichtigen dramaturgischen Konzepten und dem Wichtigtuer-Theater aus dem Geiste von Opas Provokationen, das dann auf die Bühne kommt. Vorsätzliche Pubertät ist kein Businessmodell für ein Theater der Zukunft."

"Das Schauspiel der Ära Lilienthal gefällt sich in der Verachtung des Konventionellen und verkennt, wie vorhersehbar es ist", gibt Patrick Bahners in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.1.2017) zu Protokoll, der Rüpings Inszenierung "komplett verkorkst" findet. "Nichts ist so abgestanden und spießig wie das Anti-Stadttheater im Stadttheater. Die Hellebarde, in Ernst Lubitschs Film 'Sein oder Nichtsein' das rührende Emblem des naiven Fundus-Illusionismus, wird ersetzt durch den Bluteimer."

Alexander Altmann schreibt auf Merkur.de, der Website des Münchner Merkur (25.1.2017), über eine "großartige, präzise und hochkonzentrierte Inszenierung". Mit "spärlichen Mitteln" gelängen "Bilder von wunderbar spröder Poesie". Die drei Schauspieler spielten nicht "Hamlet", sondern sie spielten "Hamlet spielen". Dadurch gewinne das Stück eine "sekundäre" Ursprünglichkeit zurück. So gelinge "erstaunlich mühelos eine grundstürzende Neu-Interpretation der Hamlet-Figur": als "veritabler Psychopath". Kahnwald lege ein "schneidend-herrisches Welterlöser-Gebaren" an den Tag, während Bürkle ihren Hamlet mit "flackernd-böser Ego-Arroganz" ausstatte. Nie sei sie "so gut, so frei und ausdrucksstark" zu sehen gewesen.

Kommentar schreiben