"Bitte macht mich nicht zum Narren"

von Gabi Hift

Wien, 18. September 2021. Zdeněk Adamec, ein 18-jähriger junger Mann aus dem kleinen Ort Humpolec hat sich im März 2003 am Prager Wenzelsplatz mit Benzin übergossen und lebend verbrannt. Aus Protest gegen eine Welt, in der "nicht die Menschen entscheiden, sondern Geld und Macht".

Castorf feat. Gräser und Pilze

Peter Handke hat ein Stück darüber geschrieben, nicht über ihn selbst sondern über eine Gruppe von Menschen, die über ihn und seine Tat reden. Nach der Uraufführung bei den Salzburger Festspielen durch Friederike Heller hat es Jossi Wieler am Deutschen Theater in Berlin inszeniert. Nun gibt es die auf den ersten Blick unwahrscheinlichste aller Kombinationen zu bestaunen: an der Wiener Burg inszeniert Frank Castorf – Castorf, bei dem alles laut, wild, ausufernd und hysterisch ist – und Handke mit seinem stillen, feinen Ton, seiner oft schon übertriebenen Zurückhaltung, seiner Kontemplation der allerkleinsten Dinge, der Gräsern und Pilze. Das kracht tatsächlich als wilder Widerspruch aufeinander, dazwischen blitzt aber aus der Tiefe manchmal eine überraschende Ähnlichkeit im Denken der beiden auf. Wut und Hoffnung, die sie antreiben, sind verwandt. Aber dann kommen die Formen doch nur sehr knirschend zusammen.

 ZDENĚK ADAMECEine Szenevon Peter HandkePremiere am 18.September 2021Mit Mehmet AteşçiMarcel HeupermanHanna HilsdorfMavie HörbigerFranz PätzoldMarie-Luise StockingerFlorian TeichtmeisterLive-Kamera Andreas Deinert,Georg Eisnecker /Ola KosanovicTonangler*innen Philip Pflamitzer, Flora Rajakowitsch /Matthias ErmertRegie: Frank CastorfBühne: Aleksandar DenićKostüm: Adriana Braga PereckiVideodesign: Andreas DeinertLive-Cutter: Manuel BaderLichtdesign: Lothar BaumgarteLichttechnik: Michael HoferMusik: William MinkeDramaturgie: Sebastian HuberX-beliebige Provinz-Szenerie der 70er, 80er © Matthias Horn

Castorfs langjähriger Weggefährte Aleksandar Denić hat eine wunderbare Provinzwelt auf die Drehbühne gebaut. Auf der einen Seite die Busstation, von der Zdeněk an jenem Morgen nach Prag losgefahren ist, auf der anderen Seite eine abgeranzte Kneipe mit Gastgarten und Bretterzaun, innen die Bar, die Küche, das Klo, ein Schlafraum mit Stockbetten. Und über allem dräuen Werbeplakate, bei denen es immer ums Anzünden und Brennen geht. Ein riesiges Plakat verkündet: "Let's start burning" – gemeint sind Kalorien, es wirbt für ein Fitnesscenter. Die Aufschriften am Busbahnhof sind tschechisch, die Zigarettenwerbungen – Drina exclusive – serbisch. Und jede:r der oder die in den Siebzigern oder Achzigern in irgendeiner Provinz aufgewachsen ist, wird den Ort auf der Bühne als seinen eigenen wiedererkennen, Humpolec oder Anklam, Feldbach oder irgend ein Kaff in Serbien.

Was ist das im Menschen?

In der Kneipe hocken sieben Figuren: "Einheimische, Zugereiste, Inländer, Ausländer, Junge, Ältere, samt unseren verschiedenen Akzenten etwas von späten oder letzten Gästen", wünscht sich Handke. Bei Castorf ist es die schon ziemlich besoffene Dorfjugend. Im Stück erzählt eine von einer Klofrau, so kommen sie auf Zdeněk Adamec, weil die letzte Person, mit der er gesprochen hat, die Klofrau an der Busstation war. Es geht Handke nicht darum, Zdeněks Handlungen zu erklären, seine Tat ist so entsetzlich, dass sie sich nicht begreifen lässt. "Bitte macht mich nicht zum Narren!" ist der letzte Satz seines Abschiedsbriefs, und Handke respektiert diesen Wunsch. Seine Frage ist eher: Was ist das im Menschen, dass wir über solche Dinge nachdenken müssen, Geschichten erfinden, dass wir uns nicht abwenden können? Und darin steckt ein Kern von Hoffnung: dass es solche Gruppen überhaupt gibt, diese Suche nach Verstehen zwischen Fremden.

Und Castorfproduktionen in ihren besten Zeiten haben genau auf diese Weise eine Aura von Hoffnung und Zukunft verbreitet. Da war eine eingeschworene Truppe von Künstler:innen, eine Gemeinschaft von Unzufriedenen und nach Veränderung Suchenden – voller Wut und Freude, die einem das Gefühl gab, dazuzugehören. Obwohl also Castorf da ganz nah bei Handke liegt, ist das Problem mit dem Handketext, dass es keine Handlung gibt. Die Figuren wollen nichts voneinander und tun nichts. Er liefert nur die Metaebene. Castorf kommt aber ohne Handlung nicht aus. Deshalb lässt er die Figuren nacheinander in die Rolle von Zdeněk Adamec schlüpfen und "ich" sagen, beim Erzählen von Geschichten, die eigentlich von anderen über Zdeněk erfunden werden, die nur Spekulationen sind und wahrscheinlich falsch. "Woher weißt du das?" fragen sie einander immer skeptisch. Dieses "Ich" sagen passt nicht zu den Texten, es zerstört die Gemeinsamkeit, die bei Handke eben gerade dadurch entsteht, dass alles ungewiss und Zdenek ewig ungreifbar bleibt.

ZDENĚK ADAMECEine Szenevon Peter HandkePremiere am 18.September 2021Mit Mehmet AteşçiMarcel HeupermanHanna HilsdorfMavie HörbigerFranz PätzoldMarie-Luise StockingerFlorian TeichtmeisterLive-Kamera Andreas Deinert,Georg Eisnecker /Ola KosanovicTonangler*innen Philip Pflamitzer, Flora Rajakowitsch /Matthias ErmertRegie: Frank CastorfBühne: Aleksandar DenićKostüm: Adriana Braga PereckiVideodesign: Andreas DeinertLive-Cutter: Manuel BaderLichtdesign: Lothar BaumgarteLichttechnik: Michael HoferMusik: William MinkeDramaturgie: Sebastian HuberMarcel Heuperman und Franz Pätzold in gewohntem Eskalations-Modus © Matthias Horn

Es ermöglicht aber, dass die Schauspieler:innen ins Spielen kommen. Für eine ganze Weile sind sie füreinander in einem Horrorfilm gefangen. Mehmet Ateşçi̇ wachsen Edgar'sche Scherenhände und er übergießt Florian Teichtmeister mit brühender Suppe. Die Damen verwandeln sich in Axtmörderinnen. Eine gebiert ein Kind – den kleinen Zdeněk – und die Babypuppe krabbelt grauenhaft selbständig über die Bühne. Immer wieder brennt es – etwa  in Ölfässern, in denen es in so vielen Castorfinszenierungen der 90er Jahre gebrannt hat. Einmal geht ein brennender Mann im Asbestanzug über die Bühne, ganz ungerührt, legt sich dann hin und wird gelöscht – schaurig und spektakulär. Wie bei Castorf üblich werden Szenen aus den Innenräumen per Video übertragen. Die Lippenbewegungen sind leicht asynchron, man denkt: wie blöd, dass die Technik das nicht hinkriegt; bis dann die Handke'sche Zeile kommt: "Seltsam: alle die Mundbewegungen der Passanten draußen: asynchron". Ah, es war Absicht. Man ist hereingelegt worden, nun ja…

"Ich will nicht aufhören! Ich spiele weiter!"

Warum die Schauspieler:innen bei Castorf eigentlich ständig schreien, fragt man sich nicht mehr, sobald man öfter am eigenen Leib gefühlt hat, wie es eine Art Trance erzeugen kann, in die man als Zuschauerin mithineingezogen wird. Hier aber funktioniert es nicht. Obwohl alle mit totaler Hingabe versuchen, sowas wie Seele aus den akrobatischen Leibern herauszuspielen, rückhaltlos und tapfer, werden sie nie zu einer Bande. Sie bleiben einzeln – "Hüte dich vor Einzelspielern" heißt es im Text. Bei Franz Pätzold, Marcel Heuperman und Mehmet Ateşçi̇ wirkt es so, als täten sie alles "für Frank"; wenn sie brüllen, rasten sie nicht gemeinsam aus, sondern man sieht jeden für sich schwere Arbeit leisten.

ZDENĚK ADAMECEine Szenevon Peter HandkePremiere am 18.September 2021Mit Mehmet AteşçiMarcel HeupermanHanna HilsdorfMavie HörbigerFranz PätzoldMarie-Luise StockingerFlorian TeichtmeisterLive-Kamera Andreas Deinert,Georg Eisnecker /Ola KosanovicTonangler*innen Philip Pflamitzer, Flora Rajakowitsch /Matthias ErmertRegie: Frank CastorfBühne: Aleksandar DenićKostüm: Adriana Braga PereckiVideodesign: Andreas DeinertLive-Cutter: Manuel BaderLichtdesign: Lothar BaumgarteLichttechnik: Michael HoferMusik: William MinkeDramaturgie: Sebastian HuberMüssen nicht ganz so viel brüllen: Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger und Marie-Luise Stockinger © Matthias Horn

Die Frauen haben ein bisschen mehr Gelegenheit, auch mal eine Szene ruhig zu spielen, am besten schlägt sich Mavie Hörbiger, die immer bei einer sprachlich leicht überhöhten Form bleibt. Wenn Mehmet Ateşçi̇ nach dem letzten Satz des Stücks zu schreien beginnt: "Neiiiin!! Ich will nicht aufhören! Ich spiele weiter!" Dann ist das zwar ein Lacher, weil alle wissen, dass Castorfstücke nie ein Ende finden können, aber es bleibt eine inszenierte Pointe, die von einem Schauspieler schwungvoll abgeliefert wird. Es kommt nicht aus ihm.

Die Enttäuschung über die Inszenierung tritt vermutlich nur bei alten Castorf-Fans wie mir auf, für die tatsächlich die ganze Castorftruppe an der Volksbühne mit ihrem künstlerischen Programm über die einzelnen Stücke hinaus so etwas wie Heimat bedeutet hat. Die jüngeren Menschen rund um mich waren, soweit ich es sehen konnte, begeistert. Der Handke Text ist übrigens außergewöhnlich schön und würde sich wahrscheinlich wirklich eher zum Lesen eignen.

 

Zdeněk Adamec
von Peter Handke
Regie: Frank Castorf, Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink, Bühn:e Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: William Minke, Lichtdesign: Lothar Baumgarte, Dramaturgie: Sebastian Huber, Videodesign: Andreas Deinert, Live-Kamera: Andreas Deinert, Georg Eisnecker, Olga Kosanovic, Tonangler:innen: Philip Pflamitzer, Flora Rajakowitsch, Matthias Ermert, Live-Cutter: Manuel Bade.
Mit: Mehmet Ateşçi̇, Marcel Heuperman, Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold, Marie-Luise Stockinger, Florian Teichtmeister.
Premiere am 18. September 2021
Dauer: 4 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"In der Ablehnung der Konsumgesellschaft, in ihrem Glauben an das Gute, Schützenswerte im Menschen, begegnen einander Handke und Castorf. Der eine ist bockiger Nobelpreisträger, der andere störrischer Expressionist. Das ergibt – im Zeichen des säkularen Märtyrers Adamec – zusammen ein Fest der Widersetzlichkeit", schreibt Ronald Pohl vom Standard (19.9.2021). Er freut sich über "herrliche Schauspieler". "Zum Schluss wird klar, dass einer Person wie dem realen Zdeněk Adamec auf Erden, unter den Bedingungen des entwickelten Kapitalismus, wohl nicht zu helfen war. Regen fällt von oben auf die Überlebenden. 'Es ist noch Glanz in meinem Bernstein." – 'Licht an in deinen Achselhöhlen!' Es ist eben doch die Poesie, die über eine ungemütliche Welt den Sieg der Dauer davonträgt."

"Handkes Text über den absurden Freitod ist vielschichtig, anspielungsreich. Banales mischt sich mit Heiligem, Hässliches mit Schönem. Wer genau hinhört, erfährt auch bittere Ironie. Der Autor bietet ein anschauliches Fest sinnlicher Ideen", schreibt Norbert Mayer von der Presse (20.9.2021). Castorf habe einen packenden, hintergründigen Abend geschaffen, der lang im Kopf rumore – "nicht wegen der unbestreitbaren Lautstärke, dem Trash, der Selbstverliebtheit, die er sein Ensemble spielen lässt, sondern weil er bei allem Beiwerk das Wesentliche von 'Zdenìk Adamec' inmitten von so vielen Volksbühnen-Schrullen trifft."

Castorfs Inszenierung unterstreiche vor allem, dass es neben dem Tod in Handkes 'Szene' auch um Geburt und damit um Herkunft und Heimat gehe, also um den "Ort, wo niemand war" (Ernst Bloch), so Bernhard Doppler von Deutschlandfunk Kultur (18.9.2021). "Die expressive Trash- und Splatter-Ästhetik oder Emir Kusturicas Filme kommen dabei Handkes Ästhetik überraschend nahe." Im Zentrum der Aufführung stünden jedoch die Schauspieler:innen. "Mit großer Energie steigern sie sich viereinhalb Stunden in den Abend, heiser schreiend, Kinder gebärend, sich duschend oder mit Alkohol übergießend. Bewundernswert!"

Obwohl Castorf und Handke sehr verschiedene Menschen und Künstler seien, begegne der Regisseur dem Text in seiner ersten Handke-Inszenierung betont respektvoll, schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (20.9.2021). Castorf lasse sich Zeit, drücke nicht aufs Tempo. Die Stimmung sei ruhiger, als man das von einer Castorf-Inszenierung gewohnt sei.

"Der Härtetest ist bestanden. Der dramatische Text des Nobelpreisträgers Handke hält auch einer Frank-Castorf-Bearbeitung stand." Der Regisseur baue die knappen, nicht einmal siebzig Seiten des Textes zu vier Stunden Aktionstheater um, schreibt Martin Lhotzky in der FAZ (22.9.2021). "'Bitte, macht mich nicht zum Narren!', schrieb Adamec in seinem Abschiedsbrief. Das hat Castorf an diesem Abend tatsächlich nicht getan. Es wäre übertrieben zu sagen, er nähere sich dem Vermächtnis des tschechischen Studenten mit Würde, aber erstaunlicherweise ist stets eine gewisse Empathie zu verspüren."

"Nahtlos gehen ineinander über: Entwertung, Feier und Denunziation von kostbarem Nobelpreisträger-Text", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (23.9.2021). "Während Handke auf dem besten aller Planeten zu sein beharrt, solange er selbst noch Zähne hat und einen Apfel, in den er sie schlagen kann, weiß Castorf es besser: Sein Planet ist der Planet der Untoten."

 

 
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