Feministische Dusche

21. Januar 2023. Der Mythos von Amor und Psyche stammt mit seinem binären Geschlechterbild deutlich aus patriarchalischer Zeit. Das Künstler:innen-Duo BVDS ( = Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot) transportiert ihn in eine immersive bunte DR ( = Dream Reality). Und auch mindestens ein Zuschauer fühlt sich mitgenommen.

Von Martin Krumbholz

21. Januar 2023. Man(n) ist am Ende dieser "Gateway Experience" doch ein wenig hin- und hergerissen: Einerseits erschüttert von einem ungeniert antikognitiven, emotionsfluiden, sexualitätsscheuen, esoterischen Blick auf die Welt; andererseits sieht man sich, halb widerstrebend, hineingezogen in einen Sog, der von der süß-milden Bildsprache, der Musik, der Videokunst, der feinen Sprechmelodie, teils in gebrochenem Englisch, teils in einem von holländischem Akzent entschärften Deutsch, ausgeht und auf das Publikum niederrieselt wie eine anderthalbstündige, sanft eingestellte, sozusagen feministische Dusche.

Und das in einer so bodenständigen Stadt wie Bochum, wo der Besucher im sogenannten Bermuda-Dreieck (Amüsiermeile mit Wasserpfeifenbars, Bierschwemmen, Fußballguckzonen etc.) schon mal mit einem zünftigen "Fick dich" bedacht wird, wenn er einem Halbstarken, der grobianisch auf die Straße spuckt, einen strafenden Blick zuwirft! Man denke!

Fantastische Traumlandschaft

"Gateway Experience", es ist übrigens der bessere Titel als die Sache mit den Unterwelten, könnte man mit "Rite de Passage", Durchgangsritual, übersetzen: Durchgang nämlich von der intellektbestimmten, rationalen Lesart antiker Mythen wie dem von Psyche und Amor hin zu einer (zugegeben verwirrenden) Nacherzählung, die moderne Video- und Internetspiele imitiert (oder auch parodiert), bei denen man notfalls einen "Moderator" fragen kann (oder soll), wenn man Probleme hat. Die "Reality Shifting Community" beispielsweise ging während der Pandemie viral. Der Moderator bleibt bei BVDS ( = Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot, die beide auch mit Susanne Kennedy zusammenarbeiten) zwar unsichtbar, es gibt lediglich die vier Spielerinnen Klára Alexová (aus Tschechien), Ibelisse Guardia Ferragutti (aus Bolivien), Jing Xiang (aus dem Bochumer Ensemble) sowie Suzan Boogaerdt.

Underworlds3 1000 BirgitHupfeldVideospiel-Anmutung mit "Automoderator" und: Ibelisse Guardia Ferragutti, Suzan Boogaerdt, Klára Alexová, Jing Xiang © Birgit Hupfeld

Doch das Bühnenbild von Lena Newton und das weitere Design von Lotte Goos: Es ist fantastisch, surreal, experimentell, sanft-kitschig, augengiftig (die Grüntöne!), und ich müsste in die Apotheke schicken, um mir für 12 Groschen weitere Adjektive kommen zu lassen (aber die Apotheke hat um diese frühe Stunde noch gar nicht geöffnet). Eine unbeschreibliche Traumlandschaft, denn es geht ja (in den Internetspielen und im antiken Mythos) um die DR, die "dream reality", im Unterschied zur aktuellen Wirklichkeit, der wir (oder jedenfalls die Beteiligten) entfliehen wollen.

Patriarchalischer Mythos

Die Geschichte von Amor und Psyche könnte man etwa so wiedergeben: Da Psyche noch schöner sein soll als die Liebesgöttin Venus, ist diese mächtig eifersüchtig und verbietet ihrem Söhnchen Amor, sich mit Psyche einzulassen. Der widersetzt sich natürlich, es kommt zu einer Liebschaft, wobei Psyche ihren Liebhaber nie zu Gesicht bekommt, so dass man ihr einreden kann, es handele sich um ein Monster. Inzwischen schwanger, erwartet Psyche Amor mit einer Öllampe, um seine Identität zu enthüllen, verbrennt ihn aber unabsichtlich mit einem Tropfen heißen Öls. So das dramatische Moment der Geschichte, die gleichwohl (natürlich) zu einem happy end gelangt. Nachdem Psyche einige Aufgaben erfüllt hat, wird sie zur Göttin befördert und darf Amor heiraten.

Underworlds2 1000 BirgitHupfeldSie befördern sich selbst zu Göttinnen: Klára Alexová, Ibelisse Guardia Ferragutti, Jing Xiang, Suzan Boogaerdt © Birgit Hupfeld

Es ist eine Geschichte "aus patriarchalischer Zeit", wie es in der Performance heißt, und an der geradezu archetypischen polaren Geschlechtlichkeit der beiden Hauptfiguren kann kein Zweifel bestehen. Wie BVDS  gleichwohl die "Bindestrich-Flexibilität" hochhält, das Ganze umdeutet und die "spirit birds", die Seelenvögel fliegen lässt, kann hier nicht verraten werden. Man muss sich schon, gewissermaßen übers Bermuda-Dreieck hinweg, nach Bochum beamen und in die DR eintauchen.

Eat Toxicity!

Dass der Abend ein wenig ins Missionarische driftet, wird akzeptabel durch den subtilen Humor, der ihm zum Glück nicht fehlt. Unwiderstehlich ist etwa folgender Satz aus einem Manifest der amerikanischen Schriftstellerin Sophie Strand, das BVDS zitiert: "Wir fädeln unseren Stoffwechsel zusammen, um zu lernen, wie man Toxizität isst." Und so, um weiter zu zitieren, riskieren wir zwar, "den Kontakt zu unseren alten Geschichten zu verlieren", verlieren sie aber am Ende vielleicht doch nicht. "Hoch lebe die Überschneidung."

Underworlds. A Gateway Experience
Konzept: Suzan Boogaerdt, Bianca van der Schoot, Regie: Bianca van der Schoot, Bühne: Lena Newton, Kostüm, Masken, Ausstattung: Lotte Goos, Lichtdesign: Sirko Lamprecht, Wolfgang Macher, Sounddesign: Remco de Jong, Florentijn Boddendijk, Videodesign: Mikko Gaestel, Dramaturgie: Jasmin Maghames.
Mit: Klára Alexová, Suzan Boogaerdt, Ibelisse Guardia Ferragutti, Jing Xiang.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Koproduktion von Boogaerdt/VanderSchoot, dem Theater Rotterdam und dem Schauspielhaus Bochum
Premiere am 20. Januar 2023

www.schauspielhausbochum.de

Kritikenrundschau

"Worum es in 'Underworlds' eigentlich genau geht und was der Titel zu bedeuten hat: Das sind Fragen, die man besser nicht allzu gründlich stellen sollte. Die Form triumphiert über den Inhalt, so viel scheint klar", schreibt Kritiker Sven Westernströer in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (23.01.2023). "Underworlds" sei mehr Performance als Theaterstück. Die Hauptrolle spiele eine riesige Leinwand, die den gesamten hinteren Teil der Bühne ausfülle und gestochen scharfe Computeranimationen in den Saal werfe. "Für sein Videodesign gebührt Mikko Gaestel weit mehr als eine lobende Anerkennung", meint der Rezensent. Vieles bleibe wohl ganz gewollt im Nebulösen bei dieser Inszenierung, vermutet er. "Für pausenlose 90 Minuten übernimmt hier die DR (die 'dream reality') die Regie. Wer sich drauf einlässt, kann sich beherzt berauschen lassen", ist das Resümee des Kritikers.

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