Drei Personen auf einer Insel

von Marianne Strauhs

Wien, 5. Juni 2007. Eine lange Tafel. Neun Stühle unterschiedlichen Designs. Umgeben von einem angedeuteten schwarzen Rundhorizont. Die Insel im Nirgendwo. Prosperos Insel, Schauplatz von Shakespeares "Der Sturm" (am Akademietheater wurde der Titel auf "Sturm" gekürzt), jenem Stück, das als das letzte eigenständige Shakespeares gilt. Zugleich die letzte Burgtheater-Premiere der Spielzeit.

Regie führte die Schweizerin Barbara Frey, die nach "Arsen und Spitzenhäubchen" das zweite Mal am Akademietheater Wien inszenierte. "Der Sturm", die Geschichte des Zauberers Prospero, einst Herzog von Mailand, bevor ihm sein Bruder Antonio den Thron abspenstig machte. Prospero und seine Tochter Miranda werden auf die Insel verschlagen. Zwölf Jahre leben sie dort gemeinsam mit Caliban, ihrem Sklaven, einem Ureinwohner des Eilands. Mithilfe des Luftgeistes Ariel gelingt es Prospero, das vorbeiziehende Schiff, mit seinen Feinden an Bord, durch einen Sturm vom Kurs abzubringen und auf der Insel stranden zu lassen. Die Schiffbrüchigen irren umher und glauben einander tot. Der Sohn des Königs von Neapel, Ferdinand, verliebt sich in Miranda. Genauso hat es Prospero geplant.

Immer wieder die selbe Geschichte 

Barbara Frey und ihr Dramaturg Joachim Lux haben Shakespeares ein Dutzend Charaktere auf die drei prägnantesten eingekürzt: Prospero, Ariel und Caliban. Johann Adam Oest betritt die Bühne, zieht seinen Zaubermantel über und nimmt an der Tafel Platz. Er erzählt Prosperos letzte Geschichte. Der Herrscher des kleinen Inselreichs strahlt, wie er so an seinem Tisch sitzt, Macht aus. Allerdings eine gebrochene Macht, denn die Stühle sind leer (Bühne: Bettina Meyer), es gibt keine zu regierenden Untertanen. So wendet sich Prospero an Caliban, den dumpfen Sklaven. Dieser wirkt dabei so, als kennte er die Worte auswendig, hätte sie schon hundertmal gehört. Die Wiederholung der Geschichte ist ein Ritual auf dieser Insel, fester Bestandteil des Tagesablaufes, eine Art Gebet.

Ariel, ganz Luftgeist, seilt sich von einer Stange ab, da heult der Sturm. Joachim Meyerhoff im Bobostyle (Kostüme: Bettina Munzer) gibt einen windigen Charakter zwischen Aufmucken und der Suche nach Anerkennung bei seinem Meister Prospero. Derweil Maria Happels unglücklicher Caliban, der sich so vergeblich wie je mit den gestrandeten Feinden des Inselherrschers zu verbünden sucht, völlig uneitel in schönster Häßlichkeit auftritt, mit Glatze, massivem Schuhwerk und einem Gewand, das die Schauspielerin in einen Wurm verwandelt.

Ein Dummer und eine Kahle 

Um die Geschichte vollständig zu erzählen, schlüpfen die drei immer wieder in unterschiedliche Rollen. Mehr als einer neuen Kopfbedeckung bedarf es dafür nicht. Eine Minikrone – schon verwandelt sich Ariel in den etwas dümmlichen und leicht tuntigen Königssohn Ferdinand. Der um Miranda freit, die trotz des Blumenkranzes auf Happels kahlem Schädel nicht gerade zur Schönheitskönigin taugt. Sehr grotesk wirkt die Liebe zwischen den beiden – und wirklich amüsant erzählt. Derweil die Schiffbrüchigen wie Touristen auf der Insel umher staksen, die Hässlichkeit Calibans bestaunen und fest entschlossen sind, mit ihm, dem vermeintlichen Herrscher, um die  Insel zu kämpfen.

Durch die ständigen Rollenwechsel und den Witz, mit dem die Darsteller das Stück von Macht und Rache erzählen, rückt der luftige und plastische Abend dem Zuschauer sehr nah. Nach getaner Arbeit und wenn Prospero die Versuchung, sich an seinen Feinden blutig zu rächen, erfolgreich nieder gerungen hat, lässt Ariel den Sturm abziehen. Ganz leicht zeichnet sich ein Regenbogen ab auf dem schwarzen Rundhorizont. Als Prospero nach eineinhalb Stunden seinen Zaubermantel ablegt und Ariel aus seinen Diensten entlässt, setzt Applaus ein, der kaum mehr abreißen will.

 

Der Sturm
von William Shakespeare
Deutsche Fassung von Joachim Lux unter Verwendung von Shakespeare-Sonetten in der Übersetzung von Christa Schuenke
Inszenierung: Barbara Frey, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Bettina Munzer, Dramaturgie: Joachim Lux.
Mit: Maria Happel,  Joachim Meyerhoff, Johann Adam Oest.

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

In der Nacht der Premiere berichtete Maria Rennhofer auf Deutschlandradio  (5.6.2007): Johann Adam Oest als Prospero, Maria Happel als Caliban, Joachim Meyerhoff als Ariel, seien alle drei "grandiose Schauspieler", "wunderbar", sie leisteten wahre "Kabinettstücke", aber das alles funktioniere nur unter der Voraussetzung, dass "man weiß, worum es geht“. Denn leider brächte die auf drei Schauspieler gestrichene Fassung den Inhalt nicht wirklich "rüber". Passagenweise handele es sich um "Schülertheater", weil Barbara Frey das "Kabarettistische zu sehr betont" und die Rollenwechsel unmotiviert und sehr plötzlich kämen.

In der Neuen Zürcher Zeitung (7.6.2007) murrt Barbara Villiger Heilig "Shakespeares letztes Stück … findet für die Regisseurin Barbara Frey hauptsächlich im Kopf statt." Es handele sich um ein "szenisches Projekt mit Etüdencharakter. Aber Diätkost macht nicht satt." Zwar wirke alles "apart" und "geschmackvoll wohldosiert", aber eben auch "etwas langweilig, trocken, verkopft." Dann macht Frau Villiger Heilig die lange Liste der Fehlanzeigen auf: "Wo bleibt das «Schaumgebäck der Insel», deren magischer Schein alle Besucher verhext, bezirzt, schreckt, beglückt und verängstigt? Wo bleiben die dramatischen Spannungen, die Action-Einlagen, Wechselbäder von Fiktion und desillusionierendem V-Effekt? Wo bleiben Lust, Gier, Rachsucht, Zorn, diese übermannsgrossen Emotionen ...?"

Martin Lhotzky hat keinen Sturm gesehen im Akademietheater, dafür "Prosperos Fiebertraum". In der FAZ (8.6.2007) schreibt er über den fünfundachtzig Minuten dauernden "Vortragsabend für drei Komödianten". Prospero wird bei Frey zum Erzähler, "vielleicht auch zum Träumer", den schurkenhaften Bruder jedenfalls "stellt er nur in indirekter Rede". "Das alles will urkomisch sein", bemängelt Herr Lhotzky, findet aber offenbar doch so viel Goldstaub in dieser Etüde, dass er dafür plädiert Barbara Frey "trotzdem die Möglichkeit zu bieten", den "Sturm" zu inszenieren. "Das könnte etwas werden."

Derweil wähnte sich Stephan Hilpold, er schreibt das in der Frankfurter Rundschau (8.6.2007), auf einer "Sonntagsfahrt in die Vorstellungswelten der Herrschaften Shakespeare, Prospero und Frey. Kein Wind, kein Regen, dafür Kaffee mit Kuchen". Aber der munde auch. Barbara Freys "Sturm" sei, schreibt Hilpold, eine "Versuchsanordnung, Skizze, Spiel und Erzählung in einem". Was und wie die Schauspieler Joachim Meyerhoff und Maria Happel ihr vielfältiges Figurenprogramm spielten, zeuge von "ungemein viel Witz". Letztlich indes blieben auch die Figuren dieser beiden "tollen Schauspieler" gewollt "papierene Charakter". Das alleinige Zentrum dieser Inszenierung sei "Prospero, Übervater und Weltenstörer in einem".

Im Wiener Standard (8.6.2007) ätzt Margarete Affenzeller der Burgtheater-Sturm leide an "Magersucht". Für die Schauspieler findet sie zwar beschreibend warme Worte, für die Aufführung der Regisseurin indes hat sie wenig übrig: Zwar markiere sie einen "(Figuren-)Kern", wisse ihn aber "nicht zu berühren". Schlimmer: "Sie behauptet ihn erst gar nicht, sondern richtet auf deutungsfreier Zone ein ins Fabulöse entrücktes Meta-Spiel aus, das verspielt, harmlos, liebevoll, ärmlich und trotz nur knapper eineinhalb Stunden öde dem Stück hinterherwinkt".

In der Wiener Presse (8.6.2007) untertitelt Barbara Petsch ihren Artikel mit "seltsames Konzept. Sonst nett", entsprechend auch der folgende Text. Natürlich handele es sich hier nicht um eine vollgültige "Sturm"-Aufführung sondern um einen "Digest", der indes recht "ansehnlich geraten" sei. "Der „Sturm“ gilt als Shakespeares letztes Werk. Die nicht ganz taufrische Grundidee der Aufführung im Akademietheater ist, den alten, müden Dichterfürsten zu zeigen, der als Prospero, bange, ob er es noch einmal schafft, seinen Zauberkasten öffnet und die Puppen tanzen lässt." Die Schauspieler fand sie "köstlich und "glänzend", dennoch wähnte sich Frau Petsch eher auf einer Theaterprobe.

Die Süddeutsche Zeitung klappt am 12.6. 2007 hinterher. Helmut Schödel setzt den "Sturm" in den Kontext der bisherigen Arbeiten des Shakespeare Zyklus. Da nimmt sich Barbara Freys Shakespeare-Suche offenbar ganz passabel aus. "Wenn Prospero am Ende seinen Zauberstab zerbricht und seinen Feinden verzeiht, beginnt keine Romanze... Shakespeare geht. Mitten im Marathon. Der Regisseurin ist ein außergewöhnlicher Abend gelungen. Er spielt vor der Zeit der großen Interpretationen, konkurriert mit nichts und könnte heißen: "Herr Shakespeare schreibt sein letztes Stück und geht." Während andere Rrgisseure nur auf der Flucht vor Shakespeare seien, habe sich Barbara Frey auf die Suche nach dem Dichter begeben. Aber wahrscheinlich sei doch, dass am Ende des Zyklus Peter Zadeks unaufgeführt gebliebenes "Was ihr wollt" die schönste Inszenierung der Reihe gewesen sein werde.

 

 

 

 

 

 
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