altWinterreise, angetaut

von Kai Krösche

Wien, 5. April 2012. Wie ein Wurm im Loch schaut sie aus, die dicke Frau im Fettanzug (Barbara Petrisch), nackt, aber mit Schmuck um Hals und Armgelenke; mit ihrem nach unten hin immer dicker werdenden Körper würde sie vermutlich ohnehin nicht mehr durch diese Öffnung kommen, selbst wenn sie wollte; eine Gefangene, die nicht mehr am Leben teilnimmt – und die aus ihrer einsamen Dunkelheit nur noch auf einen Abgrund blickt: In Stefan Bachmanns Inszenierung von Elfriede Jelineks "Winterreise" konkret auf die im steilen 45-Grad-Winkel von oben bis unten zulaufende Bühnenfläche. Es ist eine beeindruckende Skipiste ohne Schnee, die Olaf Altmann auf die Bühne des Akademietheaters bauen ließ – eine jener Bühnen, die ihre Darsteller zu dauerhafter Anspannung, zum Kampf mit dem Raum zwingen.

Winterreise3 560 GeorgSoulek uAbgrund im 45-Grad-Winkel: "Winterreise" © Georg Soulek

Jelineks Worte und Sätze erzählen von der Einsamkeit, vom Nichtmehrteilhaben am Leben, vom Aus-der-Zeit-gefallen-Sein; ein sehr persönlicher Text, der sich immer wieder mit Eckpfeilern der eigenen Biographie – der dominanten Mutter, der unterdrückten Sexualität, Angststörungen sowie dem später dementen Vater – beschäftigt. Bachmann strukturiert den stark gekürzten Text mit den Liedern von Schuberts "Winterreise", die er von Sänger Jan Plewka, Lead-Sänger der Band Selig, mit rauher Stimme interpretieren lässt. Das nimmt der nicht nur stimmlich, sondern auch am Klavier frei interpretierten Vorlage Pathos, aber auch Tiefe; so klingt bei Bachmann Schuberts Winterreise bisweilen wie das seichte Werk eines austauschbaren Singer-Songwriters – um sich zeitgleich durch Melodie und Text entschieden gegen diesen flüchtigen Eindruck zu stemmen.

Quälender Blick in den Abgrund

Im Folgenden findet Bachmann allerlei interessante, oft nur illustrierend wirkende Bilder für die thematischen Stationen in Jelineks Text, vom unerfahrenen Mädchen im unschuldigen weißen Nachtkleidchen auf der Websuche nach Liebe (Gerrit Jansen) über vier Banker auf Bergklettertour – sie alle werden auf diese wunderliche Piste wie von Geisterhand per Seilzug hinuntergelassen und wieder hochgezogen.

winterreise georgsoulek 280h uNanu – ein Loch? © Georg SoulekEinen Höhepunkt der Inszenierung bildet dabei die Passage über Natascha Kampusch (die nicht namentlich genannt wird, aber eindeutig gemeint ist), in der Stimmen aus dem Off sich von allen Seiten sprechend und aufs Zynischste darüber streiten, weshalb dieses Mädchen aus dem Keller nun bitte in der Öffentlichkeit stehe. Hier gerät der Blick auf die menschenleere, düstere, steil und fahl beleuchtete Bühne mit ihrem schwarzen Loch in der Mitte zum quälenden Blick in den Abgrund.

Die alte, wienerische Leier

Umso enttäuschender, dass ausgerechnet der Teil über den psychisch erkrankten Vater in Bachmanns Inszenierung – nicht zuletzt wegen massiver Textstreichungen – im wahrsten Sinne des Wortes zu kurz kommt: So verloren Rudolf Melichar wirkt, wenn er – vermeintlich aus seiner Rolle fallend – die Souffleuse nach seinem Text fragen muss, weil ihm dieser bereits abhanden kommt, so schnell ist die Szene auch wieder vorbei, bietet zu wenig Raum für Tiefgang. Auch das vielleicht ein bewusstes Statement – der schnell Vergessende wird zum schnell Vergessenen; aber dann ein zu flüchtig, zu inkonsequent gesetztes, um zu berühren.

Es scheint, als habe Bachmann aus lauter Sorge davor, in die Befindlichkeiten-Falle zu tappen, das Vertrauen ins Gefühl verloren; kommt es überhaupt auf, so wird es gleich gebrochen, wird diese Winterreise angetaut zu einem lauwarmen Dazwischen. So auch gegen Ende, wenn die Frau im Fettanzug noch einmal auftritt und davon erzählt, dass sie immer wieder dieselbe alte Leier produziere, eine Leier, die niemanden interessiere – Petrisch spricht diesen Monolog mit penetrant-wienerischem Akzent, eine witzige, aber unnötige Überzeichnung.

Vulgärromantisches Après-Ski-Gedröhns

Als sich plötzlich der Sichtschutz, der über den Abend hinweg das Ende der Rampe bedeckte, anhebt, um oben auf einer Plattform das in Skikleidung gehüllte Ensemble preiszugeben, das mit Wunderkerzen wedelnd DJ Ötzis Schlager-Grausamkeit "Ein Stern, der deinen Namen trägt" summt, wird's zynisch. Schon bald donnert das Original des vulgärromantischen Après-Ski-Gedröhns vom Band und ersetzt Schuberts "Leiermann"-Abschluss der ansonsten weitgehend lückenlos interpretierten "Winterreise", während Melanie Kretschmann mit blonder Perücke, umgeben von saufend-kotzend-enthemmtem Partyvolk, durch ein Mikrofon höhnisch der Frau im Fettanzug bewusst macht, dass all die Entblößungen, all die sich beinahe hilfesuchend in Selbstironie flüchtende Ehrlichkeit in der Tat niemanden interessierten.

Winterreise2 560 GeorgSoulek uAprès-Ski-Gedröhn: "Winterreise" © Georg Soulek

Ein kalkulierter Gewaltakt: Im Publikum wird jauchzend gelacht, die Sitznachbarin winkt im Takt wippend mit den Händen, im Anschluss schallt dem bis zum Schluss nicht aus den Rollen gefallenen Ensemble ein tosender und aufgekratzer Applaus entgegen – während das Loch, in das sich die Frau im Fettanzug drangsaliert geflüchtet hat, hinter ihr verschlossen bleibt. Ein entsetzlicher, packender Augenblick, führt er dem Publikum (besser: einem Teil davon) jenes Gefühl von Einsamkeit, Unverstandensein und (vielleicht gar selbstverschuldetem?) Ausgrenzung vor Augen, von dem in den 2 Stunden zuvor die Rede war.

Winterreise (ÖEA)
von Elfriede Jelinek
Regie: Stefan Bachmann, Bühnenbild: Olaf Altmann, Kostüme: Esther Geremus, Sound & Video: Philipp Haupt, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Andrea Vilter, Musik: Jan Plewka, Felix Huber.
Mit: Dorothee Hartinger, Gerrit Jansen, Simon Kirsch, Melanie Kretschmann, Rudolf Melichar, Barbara Petritsch.

www.burgtheater.at

 

Die Uraufführung der Winterreise inszenierte im Mail 2011 Johan Simons an den Münchner Kammerspielen. Seitdem haben u.a Andreas Kriegenburg und Peter Carp den Text auf die Bühne gebracht, für den Elfriede Jelinek 2011 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde.

 

Kritikenrundschau

Von einem "genialischen Theaterabend" spricht Helmut Schödel in der Süddeutschen Zeitung (7.4.2012), wozu für Schödel auch Olaf Altmanns spektakuläre Bühne beiträgt, auf der er "wie ein Wörterwasserfall" Jelineks Stück samt Sprechern ins Dunkle stürzen sieht. Stefan Bachmanns Inszenierung hat aus seiner Sicht "den sperrigen Text verständlich gemacht und in ein Schauspiel von heute übersetzt, das Leiden dahinter genauso wenig vergessen wie den Kalauer, die vielleicht angemessenste Form Gegenwart einzufangen". So ist für den Kritiker diese Österreichische Erstaufführung "nun zur eigentlichen Uraufführung geworden". Ganz im Sinn von Elfriede Jelinek müsse es außerdem, so Schödel, gewesen sein, "dass die Frauen an diesem Abend alles überstrahlen." Neben der "wunderbar komischen Barbara Petritsch" hebt er auch Melanie Kretschmann, Dorothee Hartinger und Gerrit Jansen hervor, die "ausgerechnet als telefonierende Blondine brillierte. Telefonieren heißt kommunizieren, und dafür sind diese Texte gerade nicht geschaffen. Hier hat man es probiert." Es seien offenbar gerade jene als untheatralisch geltenden Texte, die jüngere Theaterleute zu Höchstleistungen stimulierten, stellt Schödel fest.

Einen "witzigen, handlich kurzen und nichtsdestotrotz abenteuerlichen Jelinek-Theaterabend" hat Margarethe Affenzeller von der Wiener Tageszeitung Der Standard (7.4.2012) gesehen. Stefan Bachmann habe sich für eine "Light-Version" des schweren Textes entschieden. Die mache zwar Spaß, doch ein Witz daran sein, dass von Elfriede Jelinek nicht viel übrigbleiben würde. Denn die stark gekürzte Fassung für das Akademietheater erhalte "durch das Zurechtstutzen auf mundgerechte Sketches" nicht "die Schubkraft, die in den Jelinek-Mantras für gewöhnlich freigesetzt wird". Darüber hinaus bediene sich Stefan Bachmann "am altbewährten Jelinek-Fundus, was ein wenig enttäuscht. Die "schnöde Dramaturgie" schien der Kritikerin ebenfalls "ein wenig lieblos", die einfach "Lied auf Szene folgen ließ und die zudem unter der arg erkälteten Sängerstimme von Jan Plewka litt, der mit dickem Wollschal um den Hals die todessehnsüchtigen Melodien Schuberts hinauskrähte."

Dass der Abend ein solcher Erfolg geworden ist, liegt für Michael Laages in der Sendung "Kultur Heute" beim Deutschlandfunk (6.4.2012) vor allem daran, dass Olaf Altmanns Bühne als "große, Ironie stiftende Schräge" ein "Knüller" ist. Dochüber die angeschärfte Nummernrevue reicht aus Sicht dieses Kritkers im Umgang mit dem Text auch Stefan Bachmanns Fantasie nicht hinaus. "Immerhin nimmt er ihn nur in Maßen ernst, gut so; immerhin spielt er mit ihm, immerhin sucht er nicht poetische Größe oder ewige Weisheit in ihm. Nach weniger als zwei Stunden ist er auch schon vorbei, das Publikum tobt angesichts des quietschbunten Pisten-Spaßes zum Schluss – was aber bleibt, hat nicht die Dichterin gestiftet. Sondern das Theater selbst – es ist lebendiger, es kann, wenn es will, lebendiger sein als noch das ambitionierteste Wortgeklingel aus Jelineks Wörter-Werkstatt."

Stefan Bachmanns auf 110 Minuten verknappte Version dieses Textes sei grandios", schreibt Norbert Mayer in der Wiener Presse (7.4.2012). Hier gibt es für ihn "nichts Überflüssiges, der Abend bietet einen idealen Einstieg in diese Dichtung. Scherz, Satire, romantische Ironie und tiefere Bedeutung sind in Balance. Zudem regiert Schubert Jelineks 'Winterreise' – ein kongenialer Rahmen, mit Felix Huber am Piano und dem Sänger Jan Plewka, der mit brüchiger Stimme Lieder aus dem Zyklus vorträgt, wie desillusionierte Rockballaden."

Nach einer schwachen Uraufführung der "Winterreise" durch Johan Simons in München und einigen ebenso wenig überzeugenden Nachinszenierungen habe Stefan Bachmann nun "die Bühnentauglichkeit des Werks glänzend bewiesen", schreibt Ulrich Weinzierl für die Welt (12.4.2012). Wesentlichen Anteil am Erfolg habe die "Raumlösung" von Olaf Altmann: "Eine riesige steile Schräge, als wär's ein Bergabhang, beziehungsweise eine Sprungschanze, verschwindet im Orchestergraben." Gelungen sei der ironische Umgang mit dem Autorinnenbild Elfriede Jelineks und mit Schuberts Musik der "Winterreise". Bachmann habe "in seine Inszenierung wie in eine ordentliche Schweizer Präzisionsuhr Komplikationen eingebaut: Die Zusatzfunktionen – ob optisch oder akustisch – bescheren uns eine Fülle ästhetischer Informationen, mit einer Bandbreite von der Tragödie bis zu Komödie und Posse."

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