Revoluzzer unter sich

von Steffen Becker

München, 25. Oktober 2012. Die Welt aus den Angeln heben, den Schurken in den Hintern treten – nein, besser: sie ausradieren, auf dass eine räuberische Elite den kleinen Mann auf der Straße nicht länger knechten und ausquetschen kann. Die Fantasien der Französischen Revolution, mit denen sich Georg Büchners "Dantons Tod" auseinandersetzt, wirken am Abend im Münchner Volkstheater nicht mehr wie ein fernes Echo der Geschichte, wenn man am Nachmittag die neuesten Nachrichten aus Griechenland oder Spanien gehört hat. Insofern schaut Regisseur Christian Stückl mit dem Stück nicht zurück, sondern nach vorn. Was kommt nach der großen Tabula Rasa? Bei Büchner ist es Fatalismus – Geschichte ist für ihn ein Prozess, der diejenigen überrollt, die sie zu machen glauben.

Nicht mal der Wein schmeckt

Die Volkstheater-Inszenierung spiegelt diese Haltung in Stefan Hageneiers Bühnenbild. Danton begegnet Freunden, Frauen und Feinden in einem Hausskelett, das nach halbfertigem Abriss aussieht. Nur noch Pfostengerippe und Schutt sind übrig; ein ungemütlicher Ort im Übergang, unklar, was darauf aufgebaut wird. Stückls Figuren scheinen die Trümmer um sie herum nicht wahrzunehmen – als wollten sie noch verdeutlichen, dass der Einzelne den Lauf der Geschichte nicht erfassen, geschweige denn beeinflussen kann.

dantonstod2 560 arnodeclair uDa haben die Revoluzzer noch gute Laune. © Arno DeclairPascal Fliggs Danton ist folgerichtig nicht der resignierte Analytiker, sondern ein facettenreicher Genussmensch, dem der Appetit auf mehr abhanden gekommen ist. Ein Mann, der seine Frau ohrfeigt, weil er ihre praktische Vernunft nicht erträgt, der sich jäh an vergangenen Ruhmestaten hochzieht, um gleich darauf seine tatendurstigen Freunde mit spöttischem Galgenhumor zur Verzweiflung zu treiben. Fligg überzeugt dabei vor allem in den nachdenklichen Momenten, seinem verschwitzten Danton kauft man sowohl die Ahnung früherer Größe als auch den Ekel vor der eigenen Hilflosigkeit ab. Nicht mal der Wein will noch schmecken.

Physische und rhetorische Schläge

Und trotzdem umgibt diesen Danton auch eine erotische Aura. Spricht er von den Heldentaten der Revolution und der Verehrung der Massen, spürt man die Lust an der Machtausübung und an ihrer öffentlichen Zurschaustellung. Stückl arbeitet den Aspekt des Eros und der Gewalt als Motiv der Gegnerschaft zu Robespierre konsequent heraus. Jean-Luc Buberts auf die Tugend schwörender Diktator kann sich über Fragen der Moral bis zum hochroten Kopf und geschwollener Halsschlagader erregen, weiche Gefühle erlaubt er sich nur heimlich – nachdem sein Helfer St. Just den auch von ihm geschätzten Camille (Sohel Altan G.) auf die Todesliste gesetzt hat, streichelt er diesem zu seinem Rechtfertigungsmonolog zärtlich die Wange.

Altan G. ist dafür nur physisch, nicht als Figur präsent. Die Schauspieler bleiben auf der Bühne, Stückl schaltet sie nach Bedarf an und aus. So kommt Tempo in die Inszenierung und sie ermöglicht kluge Szenenverschränkungen. Robespierre Helfer St. Just (Stefan Ruppe) verprügelt etwa Dantons Schützling Philippeau (Leon Pfannenmüller) und geht von den physischen Schlägen nahtlos über in den rhetorischen Angriff vor dem Konvent.

Die Gefühle der Revolution

Gegen Ende verliert sich dieser Schwung allerdings. Danton und seine Freunde sind verhaftet, debattieren zunächst noch über Religion und die fehlende soziale Komponente der Revolution, bevor ihr Horizont sich mehr und mehr auf die Gefühlsebene fokussiert – Trauer, Wut, Verzweiflung, Todessehnsucht (gerne wild durcheinander). Diesen Part zieht Stückl in die Länge. Menschelndes interessiert ihn einfach mehr als Geschichtstheorie. Immerhin kommen so die Frauen des Stückes doch noch zur Geltung. Kristina Pauls Julie gibt den zupackenden Kontrast zu den wankelmütigen Männern. Sie nimmt sich mit dem Mut (und der Lust an) der Verzweiflung und ohne Zögern das Leben. Zurück auf Münchens Straßen hat man danach so gar keine Lust, eine Straßenbarrikade zu errichten.

 

Dantons Tod
von Georg Büchner
Regie: Christian Stückl, Bühne/Kostüme: Stefan Hageneier, Dramaturgie: Katja Friedrich.
Mit: Pascal Fligg, Sohel Altan G., Pascal Riedel, Leon Pfannenmüller, Jean-Luc Bubert, Stefan Ruppe, Kristina Pauls, Mara Widmann, Tobias Zettelmeier.
Dauer: 2 Stunden 30 Stunden, eine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Kritikenrundschau

Als "zähes Lehrstück über menschliche Schwäche" mit glatter Fassade empfindet Cornelia Fiedler von der Süddeutschen Zeitung (27.10.2012) die Inszenierung. Leben kommt aus ihrer Sicht nur dann "in die Bruchbude, wenn die Politiker zwischen den großen Reden zu Menschen, genauer einer Bande spätpubertärer Jungmänner werden." Doch sobald es wieder um Politik gehe, füllen die Darsteller dem Eindruck der Kritikerin zufolge "ihre Rollen auf der Bühne jedoch ebenso wenig aus, wie die Figuren die ihren im Lauf der Geschichte." Büchner habe seine illusionslose Auseinandersetzung mit Umsturz, Fortschritt, Moral und menschlicher Schwäche geschrieben, kurz bevor er selbst als politisch Verfolgter aus Deutschland fliehen musste. Seine Überlegungen verkämen nun "auf der Bühne zu Phrasen aus dem Revolutionshandbuch, vorgetragen in Posen aus dem Handbuch für Historienspiel." Auch habe Regisseur Christian Stückl das Stück auf acht Leute reduziert und alle Volksszenen gestrichen. "Damit entfällt aber auch ein wichtiger Teil, nämlich die Realität der kleinen Leute, der Kontrast zur hehren Theorie."

Ein "wunderbares Exerzitium, um Sprechen, geistige Durchdringung und die Intensität der minimalen Körpersprache zu trainieren," nennt dagegen Simone Dattenberger im Münchner Merkur (27.11.2012) die Inszenierung. Christian Stückl zeigt sich aus ihrer Sicht darin "als gereifter, kluger Ensemble-Pfleger." Mit dem Büchnerabend stelle er sich "äußerst wohltuend gegen den gängigen Bühnentrend der Hirnschrumpfung". Obwohl Stückl Episoden ineinandergeschoben, Sätze mitunter auf andere Figuren verteilt, auch mal neue Personenkonstellationen 'erfunden' habe, bleibe er "doch Schulter an Schulter mit Büchner, gibt nichts billig heraus."

"Ungewohnt steif" findet Sabine Busch-Frank vom Donaukurier (27.11.2012) die Inszenierung, die sie als "Erzähltheater altmodischer Bauart" beschreibt. Besonders im ersten Teil komme das Stück nur schwer atmend voran. Erst nach der Pause, "wenn die Delinquenten nur noch der Gang zum Schafott vom Ende des Theaterabends trennt", gibt es aus Sicht der Kritikerin "einige wirklich luzide Momente". Es sind besonders der Darsteller des St. Just Stefan Ruppe und "die berückende Schauspielkunst Mara Widmanns, die der im Textumfang kleinen Rolle der Lucile das Maximum an Innigkeit, Tiefe und Gespaltenheit abzugewinnen vermag", die die Kritiker am Ende mit dem Abend versöhnen können.

 

 
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