Krieg schreibt Familiengeschichte

von Leopold Lippert

Wien, 19. Mai 2013. Eben erst hat Oliver Frljić in Graz die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert neu geschrieben (nachtkritik vom 27. April 2013). Für die Wiener Festwochen im Brut Wien macht er es eine Nummer kleiner: "Mrzim istinu!/Ich hasse die Wahrheit!" erzählt die Geschichte seiner vierköpfigen Familie in den Wirren vor und während der Balkankriege. Eine Geschichte allerdings, die gerade erst geschrieben wird. Auf einer von allen Seiten einsehbaren Bühne, um die das Publikum im Quadrat platziert ist, versuchen die einzelnen Familienmitglieder (Ivana Roščić, Rakan Rushaidat, Filip Križan und Iva Visković) ihre Erinnerungen zu rekonstruieren. In der reduzierten Wohnkulisse mit Küchentisch, Bett, und Plattenspieler entsteht so eine gemeinsame, oft widersprüchliche Erzählung.

Innerhalb dieses familiären Bühnenpanoptikums baut Frljić gemächlich eine Realitätsebene nach der anderen ab. Es ist ja auch mächtig kompliziert: Da ist ein Regisseur Oliver Frljić, der einen Schauspieler den Regisseur Oliver Frljić spielen lässt, welcher wiederum gleichzeitig als Schauspieler auftritt und mit seinen Schauspielerkollegen die Familiengeschichte von Oliver Frljić nachvollzieht.

Blick in die Gegenwart

Dass die Schauspieler dabei Schauspieler spielen, die nicht nur die Rollen der Familienmitglieder einnehmen, sondern auch die Rollen, in denen die Familienmitglieder sich selbst in der Vergangenheit spielen, ist da irgendwie nur konsequent. Zusätzlich verschwimmen diese Ebenen auch noch dauernd, und wenn ein Schauspieler in Richtung Regisseur motzt, "Du hast ein paarmal eine auf den Hintern gekriegt und jetzt machst du Aufführungen darüber", dann ist man nicht so ganz sicher, wer hier gerade mit wem spricht. Zum Glück liefern die Protagonisten die Erklärungen immer gleich nach und reflektieren brav und permanent ihre eigenen Positionen.

mrzim istinu 6011 50 damir ii uAm Küchentisch: "Mrzim istinu!/Ich hasse die Wahrheit!" bei den Wiener Festwochen © Damir Žižić

Zuweilen fragt man sich, ob man hier nicht in einer pädagogischen Schauanordnung zur Einführung in die Theatertheorie gelandet ist oder zumindest auf der Diskursschiene eines Performancefestivals, so didaktisch ist das alles. Den schalen Eindruck der arg konstruierten Versuchsanordnung vermittelt auch der Küchenrealismus, der hier parodiert wird: Immer wenn die Dinge zu kompliziert werden und die Rollenverteilungen allzu unklar ("Und wie kommen wir aus dem Schlamassel wieder raus?"), setzen sich alle wieder zurück an den Küchentisch, essen Schnitzel mit Pommes Frites und Salat und machen gefühlte zehn Sekunden einen auf psychologischen Realismus.

Viele Reproduktionsfantasien

Inhaltlich bietet Frljić tatsächlich alles auf, was man für den Küchentisch so braucht: Kleinbürgerliche kernfamiliäre Reproduktionsfantasien (hier: das schüchtern-romantische Kennenlernen der Eltern), dunkle Geheimnisse, die irgendwie mit den Reproduktionsfantasien zu tun haben (hier: die zweite Schwangerschaft war nicht wirklich gewollt!), Entfremdung und Verbitterung der Eltern, die trotzdem immer noch an den Reproduktionsfantasien hängen (hier: immer derselbe lautstarke Sonntagsstreit) und schließlich die Aufdeckung der dunklen Geheimnisse und Aufarbeitung der verhassten Wahrheit im nicht ganz so schummrigen Energiesparlampenschein (hier: ordentlich Haue in alle Richtungen).

Das ist genauso schablonenhaft wie es klingt, und wird noch dadurch verstärkt, dass Frljić seinen Figuren (auf welcher Realitätsebene auch immer) in der knappen Stunde, die die Inszenierung dauert, kaum Gelegenheit zur Entwicklung und Ausdifferenzierung gibt. Seine Protagonisten ähneln eher Zombies, die in Sekundenschnelle von Null auf Hundert sind, schreiend um sich schlagen, um danach genauso schnell wieder auf den Nullpunkt zurück zu sacken.

Rollen-Spaltung

Das Potential des Abends zeigt sich in den Momenten, in denen Frljić die politischen Dimensionen seiner kleinen Familiengeschichte ernst nimmt. Dann nämlich, wenn die Inszenierung von der jugoslawischen Volkszählung erzählt, bei der ethnische Zugehörigkeit qua Selbstdeklaration ermittelt wurde, was die Familie überraschend in Bosnier und Kroaten spaltet. Im biopolitischen Registrierungswahnsinn, der im Bürgerkrieg enden wird, werden Ethnizität und Nationalität zu Schablonen, die genauso als Rollen angenommen und gespielt werden müssen wie die Figuren in Frljićs Versuchsanordnung. Und die Wahrheit landet dabei wohl ganz schnell am Küchentisch.

Mrzim istinu!/Ich hasse die Wahrheit!
Konzept und Inszenierung: Oliver Frljić
Mit: Ivana Roščić, Rakan Rushaidat, Filip Križan, Iva Visković.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause.

www.festwochen.at

 


Kritikenrundschau

In der Presse (21.5.2013) schreibt Norber Mayer über den Abend: "Er sucht bei all diesen Brechungen vor allem die Wahrheit." In einem "fast realistischen Set" komme nach und nach alles hervor, in Andeutungen und Gesten, in großen Gefühlsausbrüchen "– das Verklemmte am Sex wie die Notlüge gegenüber dem Nächsten."

Im Standard (20.5.2013) erklärt Dorian Waller das Setting wie folgt: "Die Darsteller agieren auf drei Ebenen. Zum einen verkörpern sie eine erinnerte Familie Frljic der Vergangenheit, zum anderen eine Familie Frljic der Gegenwart, die mit der kritischen Zurschaustellung ihres Privatlebens gar nicht einverstanden ist, sowie darüber hinaus Schauspieler mit eigener Meinung zum Stück." Trotz dieser konstruierten Ausgangslage verkomme das Stück nicht zu einer öden Theoriestunde. Es werde gezeigt, "wie individuell und mitunter auch trügerisch sowohl Erinnerungen als auch Wahrnehmungen der Gegenwart sind", und eine Ahnung werde vermittelt "von jenen Gräueln der Geschichte, die am Mittagstisch beim Schnitzel nicht verhandelt werden können".

 
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