Wiedersehen in Finsterworld

von Martin Pesl

Wien, 27. April 2014. Dabei scheint heute endlich die Sonne. Noch um sieben Uhr abends strahlt der Frühling in Wien, doch im Akademietheater ist ewige Nacht: die Nacht des David Bösch und des Patrick Bannwart, wie sie sich seit Beginn der Intendanz Hartmann sanft, aber konsequent ein- bis zweimal pro Spielzeit über das Burg-Publikum legt. Eine Düsternis, der man sich meist gerne hingibt, weil sie zwar schmutzig, aber schön ist in ihrer sparsamen Beleuchtung und weil sie zwar traurig macht, aber eben auf die romantische Art.

Dämmer, Lumpen zugemüllt

Und so sieht das heute erst einmal auch bei "Parzival" aus, einem Bösch-Abend mit Texten aus dem Szenarium, das Tankred Dorst – wie üblich begleitet von seiner Frau Ursula Ehler – 1987 für ein Projekt mit Robert Wilson am Thalia Theater Hamburg zusammenstellte. Patrick Bannwarts Kostüme: Lumpen, zerschlissen und verdreckt. Seine Bühne: schwarz-grau und zugemüllt wie in der Jugenddisco, eine leere Ebene, die dann als Schräge nach hinten hin ansteigt und eine perfekte Projektionsfläche bietet für Bannwarts in ihrer Niedlichkeit wohlig-erschreckenden Zeichnungen und Animationen von armseligen Hündchenskeletten oder ausbrennenden Hochhäusern.

parzival1 560 reinhard werner uParzival im Akademietheater: Lucas Gregorowicz © Reinhard Werner

Zeit für Endzeit ist's, und da sind die Geschichten vom Naivling, der auf Gott- und Gralssuche durchs wüste Land streift und tötet, weil er es nicht besser weiß, natürlich perfekt geeignet. Dem Abend vorangestellt ist das Fragment "Zwergplanet": Ein Herr, hier der Teufel in Gestalt Dietmar Königs, erzählt die Mär von der erloschenen Erde, woraufhin diese im Video prompt in Flammen aufgeht. Und so geht es stimmungstechnisch auch weiter, ironisch gebrochen immer wieder durch das Schauspiel, das dafür sorgt, dass sich der plakative Existenzialismus nicht allzu schwer setzt, den die Dorst'schen Dialogszenen, durchaus aber auch die mit Licht, Bühne und Video erzeugten Bilder ausstrahlen.

Als Parzival bietet Lukas Gregorowicz eine bemerkenswerte Leistung. Ein nerviges Kind ist er mit den kurzen Hosen und dem Wuschelkopf, aber so eines, dem man nicht richtig böse sein kann, weil bei all dem Eifer ja noch mal was aus ihm werden kann. Ritter zum Beispiel, was immer das heißt. Für eine Hauptfigur, der die Dinge eher passieren, als dass sie sie gestaltet – und für solche hat David Bösch eine Vorliebe, wie schon sein Burg-Debüt Adam Geist zeigte –, bleibt Gregorowicz erstaunlich aktiv, beharrlich präsent.parzival2 560 reinhard werner u"... lay me down on a bed of roses, sink me in the river at dawn ...": Lucas Gregorowicz und
Regina Fritsch © Reinhard Werner

Schrullige Fantasy

Die Figuren um ihn herum sind als virtuelle Fantasy-Fiktionen angelegt. Man sieht sich selbst vor dem Videospiel sitzen, wenn Parzival Galahad (Daniel Jesch) mit dem Schwert zusetzt. Regina Fritsch ist entrückt im Unschuldsweiß der liebenden Blanchefleur und knarzt hexenhaft sowohl in der Rolle der Mutter, die den unbelehrbaren Sohn hilflos ziehen lässt (und dann stirbt), als auch als Frau, die ihrem Mann seine toten Kinder nachwirft, die er verhungern ließ. Oliver Stokowski provoziert als jener "nackte Mann" so manchen Lacher mit der vorsichtigen Schrulligkeit, in der er das Gewürm im Acker bedauert, was ihn für Parzival gleich zum Heiligen macht. Auch Sir Gawain ist bei Dietmar König nicht ganz ernst zu nehmen, weil der sich selbst nicht allzu ernst nimmt, während er ihn spielt. Der Musiker Bernhard Moshammer schließlich stattet das Computerspiel Level für Level live mit Geräuschen aus, leiht dem einen oder anderen toten Vogel die Stimme und darf auch als Zauberer Merlin zu Parzival sagen: "So bist du ausgezogen! So bist du immer noch! Ändere dich! Ändere dich!"

Die ganze Parzivaliade fügt sich als Stoff logisch in die Bösch-Ästhetik. Charmante Gestalten enthält diese Inszenierung genügend, langweilig ist sie nie, und das Videospiel-Konzept wird durchgehalten. Aber wenn man als Zuseher seine Bösch-Unschuld bereits vor längerer Zeit verloren hat, sehnt man sich nach mehr. Dorsts Worte sind nicht zwingend genug und die Wechsel vom kleinen Witz zur großen Melancholie zu häufig, um wirklich den Schmerz mitzuerleben, den diese nie erwachsen werden könnende Seele in diesem abenteuerlichen und unbezwingbaren Zauberwald empfinden muss, der die Welt ist.

 

Parzival
von Tankred Dorst, Mitarbeit: Ursula Ehler
Inszenierung: David Bösch,
Bühne, Kostüme und Video: Patrick Bannwart, Bühnenbildmitarbeit: Sonja Böhm, Musik: Bernhard Moshammer, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Andreas Erdmann.
Mit: Regina Fritsch, Lucas Gregorowicz, Daniel Jesch, Dietmar König, Bernhard Moshammer, Oliver Stokowski.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Mehr zum Thema Computerspiel im Theater und Theater im Computerspiel sowie zur politischen Dimension des Game-Theaters bieten die Essays von Christian Rakow und Jan Fischer.

Kritikenrundschau

Christoph Leibold verschriftlicht auf dem Online-Portal von Deutschlandradio seinen Fazit-Beitrag (27.4.2014): Bösch habe Parzival "von der Waldlichtung in eine Art Großstadtbrache verpflanzt". Das "abgewrackte Ambiente" sei "ein Bekenntnis zur Trash-Ästhetik". Aus Tankred Dorsts Natur- und Waldkind sei ein "modernes Ghetto-Kid geworden, das sich bedenkenlos nimmt von der Welt, was es braucht, ... und diese damit in ein apokalyptisches Wasteland verwandelt". "Videoprojektionen von Hochhausruinen, Feuersbrünsten und Tierkadavern" unterstützten diese Deutung, "mit der man sich durchaus anfreunden könnte, würde David Bösch nicht jeden Anflug von Ernst durch lustige Einfälle sofort wieder verscheuchen." Lucas Gregorowicz in der Titelrolle sei ein "Straßenjunge in kurzen Hosen", ein "Zappelphilipp mit ADS." Bösch sei zum "Theater-Berufsjugendlichen verkommen, der routiniert mit Versatzstücken der Popkultur spielt". "Viel grelle Oberfläche, wenig dahinter."

Ronald Pohl schreibt in der Wiener Tageszeitung Der Standard (29.4.2014), dieser Parzival schildere "das Drama des unzureichend erzogenen Kindes". Mutter Herzeloides Tod setze "einen Kindersoldaten in Bewegung". Leider trete mit der Erzählung der Exposition das Drama auf der Stelle. Eine "Flut von Bildern und Piktogrammen" werde vom Beamer "an die Wand geschleudert". Gerade mal ein "Lebenszeichen" der Burg. "Die Produktion würde dem Theater der Jugend zur Ehre gereichen. Empfohlenes Alter: acht plus." Für Erwachsene nicht so "spannend".

Norbert Mayer schreibt in der Wiener Tageszeitung Die Presse (29.4.2014), die Inszenierung signalisiere: "Mach dir keinen Kopf, lieber Zuschauer, das Ding, das wir dir hier zeigen, ist so gebaut, dass es jeder Tor versteht". Der "poetische, zeitlose Text Dorsts" sei nur in den "besten Momenten" im Einklang mit der "kühlen, modischen Interpretation von Bösch". Die Regie "nimmt alles sehr leicht und verdrängt das Komplexe", die meisten Abenteuer fänden ohnehin in der "digitalen Traumwelt" des Zeichentrickfilms statt. Die Schauspieler hätten in ihren wechselnden Rollen alle ihre starken Momente, nur Lukas Gregorowicz als Parzival dürfe sich eigentlich gar nicht entwickeln.

In der Süddeutschen Zeitung (29.4.2014) beginnt Egbert Tholl im Prinzipiellen: Böschs "Parzifal" (sic!) passe "wunderbar in die Hartmann'sche Burg-Ästhetik", soll heißen: "Schauspielertheater, ein bisschen modern, ein klein bisschen wild, ein ganz klein bisschen belastend, aber auf jeden Fall unterhaltend." Immerhin sei Bösch einer "der wenigen jüngeren Regisseure, der einen echten Personalstil kreiert" habe. Das liege allerdings auch am "Bühnen-, Kostüm- und Video-Künstler Patrick Bannwart". Parzifal sei bei Dorst "ein gefährliches Kind", viel mehr "an Haltung ihm gegenüber" entwickele Bösch auch nicht. Lieber lasse er Lucas Gregorowicz toben und greinen, der rühre zwar nicht, aber man schaue ihm "ganz gern zu, weil Gregorowicz das Toben kann".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.4.2014) schreibt Martin Lhotzky, Bösch inszeniere das Stück "recht unbefangen, verknappt und verkürzt es". Den Titelhelden lege Lucas Gregorowicz als "erst mitleidslosen, später von Hysterie und Panik zerrütteten Einfaltspinsel an". Ein "brutaler Schläger, womöglich Massenmörder, Tierquäler und Vergewaltiger". Er gebe sich "erkennbar Mühe", die "knapp bemessene Zeit" aber lasse "der Wandlung kaum Glaubwürdigkeit". Regina Fritsch sei als Herzeloide "besser" als in der Rolle der Blanchefleur, Bernhard Moshammer musiziere "ohrenbetäubend". "Trotz feiner Leistungen des Ensembles bleiben die berührendsten Momente die kurzen Trickfilmsequenzen."

Neue Erkenntnisse hat Hartmut Krug nicht aus "dieser allzu munteren Bespaßung von Dorsts erdenschwer existenziellem Stück" mitgenommen. Wo Dorst seine Endzeitszenerie mit düsterem Ernst zeichne, wo er dem Publikum diesen Schmerz vorführe, da lasse David Bösch seine Schauspieler diesen Schmerz eher auf der Unterhaltungsklaviatur ironisch vorführen und unterspielen, sagt Krug am 28. April 2014 im Deutschlandfunk. Boschs Parzival mache keine Entwicklung durch, "sondern trifft nur immer wieder neue traurig-komische Figuren".

 

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