Die Perücke rutscht!

von Kai Bremer

Bielefeld, 31. August 2014. Nachdem Eva König im Juli 1772 die Premiere von "Emilia Galotti" in Wien besucht hatte, schrieb sie ihrem zukünftigen Ehemann Gotthold Ephraim Lessing, sie habe in ihrem Leben noch in keiner Tragödie so viel Lachen gehört. Seit dieser Zeit kämpfen Regisseure immer wieder damit, eine angemessene Balance zwischen der Komik und Tragik des Stücks zu finden.

Werthers komisches Potential
Fünf Monate nach der Wiener Premiere lässt Goethe seinen Werther "Emilia Galotti" lesen und sich dann erschießen. Den Helden des Briefromans amüsiert das Trauerspiel offensichtlich gar nicht. Es bestätigt ihn nur darin, an sich Hand anzulegen. Gleichwohl kann auch der Briefroman über ihn als komplizierter Fall zwischen Komik und Tragik interpretiert werden. Das hat zum Beispiel Anfang des Jahres der Werther von Laura Koerfer am Zürcher Theater Neumarkt gezeigt. 

Deutlich einseitiger ging es jetzt in Bielefeld zu, wo sich Caroline Stolz offensichtlich vorgenommen hat, Werther konsequent auf sein komisches Potential hin zu befragen. Das macht sie dermaßen intertextuell ambitioniert, dass sie nicht nur Werther vor seinem Ende "Emilia Galotti" lesen lässt, sondern Lotte zudem gleich zu Beginn, im Sommer 1771 – ein Jahr bevor Lessings Stück erschien –, zu einer glühenden Emilia-Verehrerin macht.

Goethe-Sätze im Loop
So fröhlich desinteressiert an der Vorlage ist freilich nicht der ganze Abend. Jakob Walsers Werther trägt blauen Frack und gelbe Weste, wie wir ihn seit der Schulzeit kennen (Kostüme: Lorena Díaz Stephens, Jan Hendrik Neidert). Lotte (Felicia Spielberger) ist in ihrem weißen Kleid mit kräftigem Unterrock die Unschuld vom Lande, und Albert (Arne Lenk), der gerne auch mal dem Herausgeber seine Stimme leiht, ist ein Gernegroß mit dunklem Schnäuzer, braunem Frack und Rüschen-Hemd. Ihre Perücken hängen zu Beginn an drei Mikroständern, später auf den Köpfen der Schauspieler dürfen sie schon mal putzig verrutschen.

Werther3 560 PhilippOttendoerfer u"Und wenn ich tot bin, Liebster" Arne Lenk, Felicia Spielberger, Jakob Walser
© Philipp Ottendörfer

Zwischen den Mikros steht auf einem weiteren Ständer ein kleiner Sound-Computer, mit dessen Hilfe Lenk und Spielberger einige Momente akustisch unterstützen (etwa das Gewitter, in dem sich Lotte und Werther an Klopstock erinnern) oder gekonnt einzelne Sätze bedeutungsschwer loopen. Am Besten sind die drei Schauspieler an den Mikros zu Beginn und am Schluss, wenn sie dreistimmig zart und sehr präzise Wolf Biermanns "Und wenn ich tot bin, Liebster" variieren (Musik Frank Rosenberger).

Albert als Kleingarten-Macho
Doch solche empfindsamen Momente sind selten. Die meiste Zeit des Abends geht's im Schweinsgalopp durch den Roman, manchmal werden kaum mehr als die Daten der Briefe genannt. Während des ersten Roman-Teils regnet es grüne Ginkgo-Blätter – vermutlich, um noch mal klar zu machen, dass der Roman von Goethe ist. Im zweiten Teil dann – Obacht, Bedeutung! – braune Blätter. Auch sonst hält Stolz nicht viel von filigranen Zwischentönen und setzt eher auf komische Holzhammersymbolik. Nachdem die ersten Ginkgo-Blätter auf dem Boden liegen, darf Albert mit einem fetten Laubpuster über die Bühne toben und mit ihm posieren wie einst Arnie, bevor er Sarah Connor aus der Irrenanstalt rausballerte: Albert als Kleingarten-Macho, eine Figur, über die sich Teile des Publikums gestern wunderbar amüsieren konnten. Aber gewiss keine Figur, die Lotte letztlich dazu brächte, bei ihm zu bleiben.

Werther2 560 PhilippOttendoerfer uDie Ginkgo Blätter sind braun geworden. Arne Lenk, Felicia Spielberger, Jakob Walser
© Philipp Ottendörfer

Gleichwohl bleibt sie bei ihm. Das dürfte, wenn man Stolz' Inszenierung konsequent zu Ende denkt, nicht zuletzt dem Umstand geschuldet sein, dass ihr Werther zwar wiederholt tiefe Blicke in Lottes Augen werfen darf, letztlich aber weder ein Stürmer, noch ein Dränger ist und auch kein empfindsamer Schmerzensmann, sondern schlicht ein zarter Bubi, der Brief-Passagen aufsagt, sich aber offensichtlich mehr freut, wenn er Kalauer über die Figur, die er darstellt, anbringen kann.

Die Leiden des jungen Werthers
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Caroline Stolz, Bühne und Kostüme: Lorena Díaz Stephens, Jan Hendrik Neidert, Musik: Frank Rosenberger, Dramaturgie: Franziska Betz.
Mit: Arne Lenk, Felicia Spielberger, Jakob Walser.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theater-bielefeld.de


Kritikenrundschau

"Nicht muffig verstaubt trotz (meist) Goethe'scher Sprache, sondern flott, wenn auch mitunter überzeichnet bis hin zum Urkomischen." So empfindet Burgit Hörttrich vom Westfalen-Blatt (2.9.2014) diesen Abend. "Werther wird als überspannter, stürmischer Schwärmer und Dauerzweifler von Jakob Walser gespielt, der sein Seelenleben ausbreitet und dabei manchmal selbst kurz aufblitzen lässt, wie überspannt er sich im Grunde findet (...)." Viel Lob fällt auf die Darsteller. Regisseurin Caroline Stolz lasse die drei "auf einer kargen Bühne eine Welt aus Tönen erschaffen, was das Trio wunderbar umsetzt."

Eine "eher auf Unterhaltsamkeit denn auf Dramatik" setzende Inszenierung hat Antje Dossmann von der Neuen Westfälischen (2.9.2014) erlebt. In der Anlage der drei Hauptfiguren als verschworene und "fehlerhafte, ja, irrende, sehnsüchtige" Menschen folge Stolz der Goethe'schen Vorlage. "Natürlich ergreift ihre Adaption, die mit einer ganzen Reihe überzeugender Inszenierungseinfälle aufwartet, von denen manche zum Kichern komisch sind, andere interessante technische Effekte erzielen, Partei für den unglücklichen Verlierer Werther und nicht für den unglücklichen Sieger Albert. Weil es immer die schutzlos Liebenden sind, die unser Herz berühren." Jakob Walser nehme das Geschenk der Hauptrolle bei seinem Bielefelder Debüt "mit Kusshand, jungem Charme und viel Bravour" an.

Im Gespräch für die Sendung "Mosaik" auf WDR 3 (1.9.2014, hier in der Audio-Datei) lobt Stefan Keim die Inszenierung für ihre akustische, fast hörspielartige Annäherung an den Briefroman. Kritisches wendet er gegen die Figur Alberts ein: Da er hier keinen bürgerlichen Gegenpol zum leicht versponnenen, egomanischen Werther repräsentiere, leide der "Streit der Lebensentwürfe". Der Umschlag der Inszenierung vom Ironischen ins Ernste gelinge "weitgehend gut", auch weil Jakob Walser mit seiner Behandlung der Goethe'schen Sprache "Resonanzräume" schaffe.

 
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