Ist das Theater gentrifiziert?

von Juliane Kann

8. Oktober 2020. Ich habe sieben Jahre, also lediglich ein Fünftel meines Lebens in der ehemaligen DDR verbracht, und lediglich ein Fünftel meiner Inszenierungen in der ehemaligen DDR erarbeitet. Ausgerechnet meine letzte Arbeit, deren Premiere zwei Tage vor dem 30. Jahrestag der Wiedervereinigung lag, hat im ehemaligen Osten der Bundesrepublik, am Staatstheater Meiningen, stattgefunden und begleitet mich auch nach der Premiere noch nachhaltig.

Man kann sich nicht herausreden

von Reinhard Göber

7. Oktober 2020. Anklam 1985: Als Student fuhr ich zur Premiere von "Nora" von Henrik Ibsen, Frank Castorf inszenierte, eine seiner besten Inszenierungen bis heute. Eine Initialzündung für mich. Hier in der totalen Provinz, unter schwierigsten materiellen und politischen Arbeitsbedingungen, unter der Aufsicht des dubiosen Intendanten Dr. Wolfgang Bordel (der gerade den Kulturpreis des Landes MV für seine ewige Intendanz bekommen hat), wurde mir klar: Man kann sich nicht herausreden! Grandioses Theater geht unter allen Bedingungen. Auf der Bühne brüllten Nora, die weibliche Dr. Rank und Frau Linde in einer bestimmten existentiellen Situation "Scheiße" und das steigerte sich chorisch und nahm kein Ende; es standen Leute im Publikum auf und brüllten auch "Scheiße". Das war die emotionale Situation für viele Leute in der DDR damals. Castorf hatte das auf den Punkt gebracht.

Der Ost-West-Riss

von Thomas Irmer

5. Oktober 2020. Kurz vor dem damals recht willkürlich festgelegten 3. Oktober 1990 als Datum der offiziellen Wiedervereinigung (oder des Beitritts der damit sich auflösenden DDR – schon da fangen ja die Probleme an) brachte Frank Castorf seine "Räuber" an der Berliner Volksbühne zur Premiere. Die FAZ verriss den Abend nach Strich und Faden unter der Überschrift "Das Geheul in der Nische" – Gerhard Stadelmaiers Artikel liest sich auch heute noch aufschlussreich wie ein Wegweiser in die deutsch-deutschen Entfremdungen der neunziger Jahre und darüber hinaus.

Der Westler mag es nackt, nicht wahr?

von Georg Kasch

Berlin, 1. Oktober 2020. Sex sells? Nachdem sich in Michael Jurgons Schweriner "Othello"-Inszenierung – immerhin zum Theatertreffen 1994 eingeladen – die Titelfigur der Desdemona in der finalen Szene das Kleid vom Leib riss, bis man ihren baren Busen sah, bemerkte meine Sitznachbarin trocken: "Das machen die nur, damit die Wessis in unser Theater kommen." Die Wessis kamen dann auch, aber meistens, weil Theater in Schwerin im Kern das nicht war: nackt, schräg, laut. Dennoch breitete sich – parallel übrigens zur Entwicklung, dass immer mehr FKK-Strände geschlossen oder an die Ränder verlegt wurden – Nacktheit auch auf den ostdeutschen Bühnen als theatrales Mittel aus.