Woyzeck - Badisches Staatstheater Karlsruhe
Wenn die Stimmen im Kopf gewinnen
16. Februar 2025. Warum tötet Woyzeck Marie? Inszenierung um Inszenierung kreist um die scheinbar unerschöpfliche Kernfrage des Büchner-Klassikers. Bei Regisseurin Mizgin Bilmen ziehen sich die Einflüsterer in den Hintergrund zurück und treiben von dort ihr böses Spiel mit Woyzeck. Bis aufs Messer.
Von Steffen Becker
"Woyzeck" in der Regie von Mizgin Bilmen am Badischen Staatstheater Karlsruhe © Felix Grünschloß
16. Februar 2025. Das Leben ganz unten ist eng. Regisseurin Mizgin Bilmen quetscht ihren "Woyzeck" am Staatstheater Karlsruhe in eine verbeulte Proll-Karre (BMW) als Lebensmittelpunkt. Platziert in einem leeren Pool (mit liebevoll trostlosen Details wie Wasserflecken und Laub). Für den Pöbel bleibt nur, was die oberen Schichten aufgegeben haben. Alle ehemaligen Deutsch-LKler wissen, dass das auch für Woyzeck gilt. Er wird am Ende nicht mehr gebraucht.
Das Leben ganz unten ist einsam. Regisseurin Bilmen macht das besonders deutlich. Wo Büchner Woyzeck wenigstens mit dem Soldatenkameraden Andres eine wohlgesinnte Bezugsperson zugesteht, setzt ihm Bilgim eine Horde Kinder vor die Nase. Die verstehen sein Leiden noch weniger, spielen lieber Krieg und wühlen in Kisten nach Wasserpistolen. Aus einer fischt Woyzeck schließlich das Mordmesser.
Es ist die Gesamtsituation
Warum Woyzeck seine Marie tötet, die er mangels gesellschaftlicher Stellung nicht heiraten kann, ist die zentrale Frage an jede Regie. Eifersucht? Die psychische Krankheit? Der gesellschaftliche Druck? Mizgin Bilmens Antwort: Es ist die Gesamtsituation. Die Bühne von Sabine Mäder ist dreigeteilt: Unten der BMW, oben zwei Rampen mit Papp-Panzer (man ist ja beim Militär) und an der Rückwand die Projektion aus dem Auto. Wenn Woyzeck vom Golf-spielenden Hauptmann oder dem sadistischen Doktor gedemütigt wird, muss er im Hintergrund mitansehen, wie Marie im Autospiegel die Ohrringe anlegt, die der (gesellschaftlich) attraktivere Tambourmajor ihr geschenkt hat.
Das Prinzip zieht sich als roter Faden durch die Inszenierung: Die Szenen überlagern sich. Die Figuren, die Woyzeck als Objekt benutzen, bleiben präsent im Hintergrund, auch wenn sie gerade nicht "dran sind" mit ihren Spielchen mit diesem. So verstärkt die Inszenierung das Bild vom Dauerdruck, der auf Woyzeck lastet – und ihn bricht.
Druck von der Videowand: Jannik Süselbeck, Lucie Emons © Felix Grünschloß
Jannik Süselbeck spielt dieses Zerbrechen mit beeindruckend lakonischer Traurigkeit. Mit der Müdigkeit eines Schichtarbeiters starrt er in die Kamera des BMW, während oben das Fest tobt, auf dem Marie sich dem Tambourmajor hin- und ergibt. Mit der Geduld der Selbstaufgabe erträgt er die Beleidigungen des Hauptmanns und des Doktors. Er ist ein Schmerzensmann, der seine Hoffnungslosigkeit auf ein "it gets better" irgendwann an Stimmen im Kopf auslagern muss, um noch zu funktionieren.
Fügen in Ausweglosigkeit
Hoffnungslosigkeit ist auch das bestimmende Motive in der Beziehung zu Marie. Deren Gewissensbisse hat Bilmen fast ganz gestrichen aus ihrer Szenenzusammenstellung. Die Marie von Lucie Emons macht das nicht unsympathisch. So wie Woyzeck sich nur voranschleppt, so fügt sie sich in das Schicksal der Ausweglosigkeit ihrer Beziehung zu ihm. Auf kurze Ausbrüche von Lebensfreude beim Umgarnt-Werden durch den Tambourmajor folgt die Traurigkeit – mit dem Kind im Arm liegt ein fatalistisches "Es geht nicht anders" in ihrem Blick. Es endet, wie es enden muss: In Karlsruhe mit einer berührend intimen Szene im BMW. Letzte Zärtlichkeiten, ein tiefer Blick und nur eine Halb-Überraschung, als es dann passiert.
Beiläufige Grausamkeiten
Das geht unter die Haut. Umso bedauerlicher, dass die anderen Figuren im Schnelldurchlauf der gerafften Bühnenfassung oberflächlich bleiben. Jannek Petri muss als Tambourmajor eine Art "Aquaman"-Karikatur der Hypermaskulinität zum besten geben. Gunnar Schmidt als Doktor verbringt die Schlussszenen mit der Hand im Schritt, damit die Perversion der Figur auch wirklich niemandem verborgen bleibt. Timo Tank immerhin spielt den Hauptmann weniger tumb als in der Vorlage. Er liefert die Version eines Privilegierten ab, der nach unten tritt, um sich die Langeweile zu vertreiben. Eine beiläufige Grausamkeit, die erschaudern lässt. Und in Kombination mit der Inszenierungs-Leistung rund um das hoffnungslose Paar Woyzeck/Marie den Karlsruher Abend sehenswert machen.
Woyzeck
von Georg Büchner
Regie: Mizgin Bilmen, Bühne: Sabine Mäder, Kostüme: Martina Lebert, Musik: Charlie Casanova, Licht: Christoph Pöschko, Dramaturgie: Franziska Trinkaus.
Mit: Jannik Süselbeck, Lucie Emons, Timo Tank, Jannek Petri, Gunnar Schmidt, Hadeer Hando. Kinder: Lieselotte Behr, Noah Buchmüller, Arto Hentschel, Anneke Overmeyer, Scharona Sani, Sophie-Emilia Schenk, Luisa Schmidt, Sebastian Schuppener.
Premiere am 16. Februar 2025.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
www.staatstheater.karlsruhe.de
Kritikenrundschau
Dass die Figuren, die Woyzeck ausbeuten und demütigen, "die ganze Zeit über auf der Bühne bleiben", empfindet Sibylle Orgeldinger von den Badischen Neuesten Nachrichten (17.2.2025) als "geschicktes inszenatorisches Mittel, um zu veranschaulichen, dass der Druck, der auf Woyzeck lastet, niemals nachlässt". Wie Karikaturen wirkten die Figuren, von denen Woyzeck abhängig sei. "Warum aber tötet Woyzeck seine Geliebte Marie, warum wird er vom Opfer zum Täter?", fragt die Kritikerin. "Wir wissen es nicht, scheint die Inszenierung von Mizgin Bilmen zu sagen, oder auch: Alles zusammen ist alles zu viel für einen einzigen Menschen zu ertragen."
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