Unauthorized und Unverschämt - Nationaltheater Mannheim
Verschluckte Geschichte
12. Juli 2024. "Unauthorized und Unverschämt" von Simone Dede Ayivi und Kompliz*innen erzählt die Geschichten von Menschen, die zwischen 1945 und 1965 als Kinder weißer deutscher Mütter und Schwarzer US-Väter geboren wurden - ein Stück unerzählte BRD-Geschichte. In Mannheim wurde die Arbeit nach ihrer Premiere in Berlin nun noch erweitert.
Von Sarah Kailuweit
"Unauthorized und Unverschämt" in Mannheim © Christian Kleiner
12. Juli 2024. Hier und da ein paar alte Sessel, Stehlampen mit Stoffschirm, eine Projektionsfläche: Wohnzimmeratmosphäre. Auf dem Boden ein Teppich, der an ein Baseball-Feld erinnert. Die Einladung wird direkt mehrfach ausgesprochen: Sucht euch einen Platz, lasst euch nieder, bewegt euch wann und wie ihr wollt – und hört zu. Kopfhörer bekommt hier nämlich jede Person in die Hand gedrückt, die die Treppen hoch in den Bühnenraum geht. Der multimediale Raum von Simone Dede Ayivi und ihren Kompliz*innen ist nach der Premiere in Berlin nach Mannheim gereist und wurde hier noch erweitert.
Unsichtbare BRD-Geschichte
Im Fokus: Perspektiven und Geschichten, die die bundesrepublikanische Geschichtsschreibung weitgehend geschluckt hat. "Unauthorized und Unverschämt" gibt Realitäten Raum, die von der weißen Mehrheitsgesellschaft der Nachkriegszeit unsichtbar gemacht wurden. Die begehbare Installation erzählt die Geschichten von Menschen, die zwischen 1945 und 1965 als Kinder weißer deutscher Mütter und Schwarzer US-Väter geboren wurden, blickt auf die Anfänge der jüngeren Schwarzen Bewegung in Deutschland seit der Nachkriegszeit und erzählt von Kämpfen bis heute.
Bei der Mannheimer Premiere sitzen wir mit blau leuchtenden Kopfhörern um die Ohren in Mannheims jüngstem Stadtteil Franklin, genauer gesagt im alten Kino, das vom Nationaltheater Mannheim für die Dauer der Generalsanierung als Spielort genutzt wird. Das Benjamin-Franklin-Village war bis ins Jahr 2011 einer der größten Stützpunkte der US-Army in Deutschland – "the largest American civilisation outside America", wie es in der Inszenierung heißt.
Verbindung zwischen Inhalt und Ort
Rund 10.000 amerikanische Soldat*innen waren dort stationiert. Durch und für sie entstand seit Kriegende auf Franklin eine komplette städtische Infrastruktur. Im Alten Kino wurden bis zum Abzug der US-Truppen Filme gezeigt. Die "Sports Arena" neben dem Kino strotzt gerade so vor amerikanischer Architektur der 50er Jahre. Die Verbindung zwischen dem Inhalt der Inszenierung und dem Ort der Aufführung wird noch ausgebaut in einer kleinen Ausstellung im Kino-Foyer, erarbeitet vom Mannheimer Stadtensemble, das nicht zum ersten Mal in und um Franklin recherchiert hat. Die Ausstellung berichtet von den Lebensrealitäten Schwarzer Kinder aus der Mannheimer Gartenstadt.
Dort trifft man auf die Leben von Beatrice Karbaumer-Jones und Ursula Kutz, beide 1948 in Mannheim als Töchter deutscher Frauen und Schwarzer US-Amerikaner geboren. Das erste Bild, das einen anschaut, ist die junge Beatrice bei ihrer Einschulung an der Mannheimer Waldschule 1955. Daneben Baby- und Urlaubsfotografien aus den Sommerferien: Beatrice und Ursula auf einem Pferd, Tauben fütternd, im Wohnzimmer mit Ballett-Tütü auf Spitzenschuhen posierend oder an einer Klaviertastatur. Es sind Bilder einer deutschen Kindheit. Es sind Bilder einer Schwarzen deutschen Kindheit in Mannheim. Emelie Sangwa Blam vom Stadtensemble eröffnet direkt neben diesem Wand-Fotoalbum den Abend mit Erzählungen aus ihrem Leben als Schwarze Frau in der weißen Mehrheitsgesellschaft und dem titelgebenden Gedicht "Grenzenlos und Unverschämt – ein Gedicht gegen die deutsche Sch-Einheit" der afrodeutschen Poetin und Aktivistin May Ayim.
Wort- und Bilddokumente vormals unsichtbarer Lebensrealitäten © Christian Kleiner
Die in der Bühnen-Installation auf verschiedene Flächen produzierten Geschichten der Zeitzeug*innen erzählen dann von Ausgrenzung und Diskriminierung. Zahllose Scans von Dokumenten und Briefen fliegen über die im Zentrum hängende Leinwand. Im Rausch der strömenden Schreibmaschinenbuchstaben kann man das Ausmaß der Recherchearbeit in den Mannheimer Stadtarchiven nur erahnen, die in den Abend geflossen ist. KI-Stimmen geben partiell den oft erschreckend unmenschlichen Inhalt deutscher Behördenpost wieder. Die gemütliche Wohnzimmeratmosphäre der Installation steht im krassen Gegensatz dazu. Es ist ein bisschen wie ein kollektives Podcast-Hören. Hier und da bewegt sich was im Raum. Das Lichtdesign bastelt Stimmungen passend zu den Erzählungen, und immer wieder darf die Nebelmaschine fleißig pusten.
Blick der Zukunft auf das Jetzt
All das schafft nicht unbedingt theatrale Momente. Trotzdem wirken die Geschichten und bilden zusammen einen kurzweiligen Abend. Eine der Interviewpartner*innen spricht von der zeitgeschichtlichen Signifikanz des eigenen Lebens, und während man ihr lauscht und an die vielen Neubauten rund um das alte Kino denkt, spürt man die Dringlichkeit des Abends. Hier wird ausgegraben, gezeigt und eingeschrieben. Hier wird der Blick aus der Zukunft auf das Jetzt gesichert.
Unauthorized und Unverschämt
Eine Produktion von Simone Dede Ayivi und Kompliz*innen
Konzept, Text: Simone Dede Ayivi, Bühne: Mirjam Pleines, Video: Jones Seitz, Komposition, Sound: Johannes Birlinger, lichtdesign: Frieder Miller, Projektmitarbeit: Charlotte Rosengarth, Ausstattungsassistenz: Luca Plaumann, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Sarah Rosenau, Produktionsleitung: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro, Technische Leitung: Gefährliche Arbeit, Einführung Mannheimer Stadtensemble: Amanda Kelly Godwins, Emelie Sangwa Blam, Leitung Mannheimer Stadtensemble: Beata Anna Schmutz, Recherche und Organisation Mannheimer Stadtensemble: Nazli Saremi, FSJ Kultur Mannheimer Stadtensemble: Lis Hindenberger.
Mit den Interviewpartner*innen Eleonore, Elija, Loretta, Rekah und Marvin.
Premiere am 11. Juli 2024
Dauer: 60 Minuten, keine Pause
www.nationaltheater-mannheim.de
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