Lauerndes Trauma, wuchernde Fantasie

15. November 2025. Thomas Manns Roman über einen hochstapelnden Selbstdarsteller passt ganz gut in unsere stets auf Instagramtauglichkeit bedachte Gegenwart. Fürs Thomas-Mann-Jahr hat Paula Kläy den Stoff überschrieben. Die Uraufführung inszenierte Tamara Sonja Aijamathiesen.

Von Svenja Plannerer

"Felix Krull (Über Vergänglichkeit und Illusion, die Zeit, den Verfall, die Erinnerung, das Wetter und die Liebe)" von Paula Kläy nach Thomas Mann am E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg © Marian Lenhard

15. November 2025. Die Ebenen verschwimmen am Ende so stark, dass kaum mehr erkennbar ist, wer die Macht über das Szenario innehat. Ob Traum, Wachen, Vorstellung, Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit – der Hochstapler Felix Krull hat sich so weit in seine Erzählungen, seine Lügen verstrickt, dass die Fantasie die Entscheidungsgewalt an sich gerissen hat. Felix entgleitet die Kontrolle, und der einzige Weg, diese zurückzuerlangen, ist es, sich seinen Imaginationen zu entziehen. 

Ob ihm das wirklich gelingt, lässt die Autorin Paula Kläy offen. Sie legt in ihrer Überschreibung von Thomas Manns Romanfragment den Fokus nicht auf die Verfolgung der Biografie der Titelfigur. Vielmehr widmet sie sich der Erkundung von Beziehungen, die sie großartig über verschiedene Zeit- und Bewusstseinsebenen hin und her schubst.

Ruinen des 20. Jahrhunderts

Das beginnt schon mit dem Bühnenbild. Anna Siegrot hat eine Baustelle auf die Bühne gezaubert, die mehrfach als Ruine bezeichnet, dennoch als Hotel genutzt wird, in dem Felix arbeitet und in dem Gäste ein- und ausgehen. Es mischen sich Elemente unserer Gegenwart mit Überbleibseln aus dem 20. Jahrhundert: Baustrahler, eine moderne Uhr, Koffer und Kartons. Ein Kronleuchter und eine an den Jugendstil erinnernde Lift-Anzeige sind zentrale Blickfänger. Das Gebilde ist gefangen zwischen Verfall und (Wieder-)Aufbau.

Marek Egert spielt den Hotelpagen – manchmal auch Ruinenwächter – Armand. In Manns Original ist das der Name, der Felix gegeben wird, als er selbst als Liftboy in einem Pariser Luxushotel tätig ist. Kläy lagert einen Teil von Felix' Persönlichkeit aus, den Teil, der sich intensiv nach Liebe sehnt. Egert glänzt als fahriger, sozial ungelenker Todgeweihter, der eifersüchtig um Felix' Aufmerksamkeit und Zuneigung buhlt. Besonders heraussticht sein romantisches Picknick inklusive Liebesgeständnis – weil Felix ihn ignoriert, muss er mit einem Tonbandgerät vorliebnehmen.

Selbstdarsteller und Phantast

Mit Diane Philibert, gehüllt in rosa Satin und Federn, drängt sich ein Störfaktor zwischen Armand und Felix. Stephan Ullrich spielt die Figur der Autorin als fast schon biestige, lüsterne Dame mit Demütigungsfetisch. Nicht nur, dass sie Felix zur Erfüllung ihrer Fantasien ausnutzt, sie hat zusätzlich noch die Macht über Armands Entwicklung als Figur, deren Suizid sie in ihr Werk schreibt. Sie vergrault ihn, und ermordet ihn, oder lässt ihn sich ermorden – alles Frage der aktuellen Betrachtungsebene.

Zwischen allen Stühlen: Stephan Ullrich, Marek Egert, Leon Tölle © Marian Lenhard

Und Leon Tölle ist der geniale Felix Krull, der größte aller Selbstdarsteller und Phantasten. Tölle zeigt ihn energetisch und unter Hochspannung, gefällt sich als Dirigent des Geschehens und geilt sich daran auf, als Erfüller von Fantasien gebraucht zu werden. Mit Egert legt er eine starke Anfangssequenz hin, in der er mit ihm Hotelgäste imaginiert und improvisiert. Später sinkt er nahtlos in Kindheitstrauma und knickt ein, als er sich mit Egerts selbstsicherem Lord Kilmarnock konfrontiert sieht – gleichzeitig ein wiederauferstandener Armand und Doppelgänger von Felix' Vater.

Schwarzes Loch der Fantasie

Regisseurin Tamara Sonja Aijamathiesen nutzt die räumlichen Möglichkeiten des Studios am E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg sehr clever, um Kläys Spiel mit Ebenen und Meta-Ebenen zu verdeutlichen. Lichtwechsel zwischen kalt-analytisch und warm-nostalgisch zeigen beispielsweise Wechsel zwischen unserer Gegenwart und der Ebene aus Manns Roman. Zieht man die Molton-Vorhänge am linken Bühnenrand beiseite, kommt dahinter die Glaswand des Theaters zum Vorschein, von wo aus Felix gestikuliert, um Armand einzuladen, mit ihm zu kommen. Heraus aus der Fantasie, zurück in die Realität, vielleicht?

Wenn es sie denn noch gibt, diese Realität. Die Fantasie lauert in dieser Uraufführung überall, nicht nur als Wunder der Vorstellungskraft. Die Performance, die Selbstdarstellung, entwickelt sich zu einem gefährlichen schwarzen Loch, das Persönlichkeiten nivelliert.

Felix Krull (Über Vergänglichkeit und Illusion, die Zeit, den Verfall, die Erinnerung, das Wetter und die Liebe)
von Paula Kläy nach Thomas Mann
Regie: Tamara Sonja Aijamathiesen, Bühne & Kostüme: Anna Siegrot, Dramaturgie: Antonia Leitgeb-Busche.
Mit: Marek Egert, Leon Tölle, Stephan Ullrich
Uraufführung am 14. November 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

theater.bamberg.de

Kritikenrundschau

"Paula Kläys 'Krull' ist ein intelligentes Vexierspiel, an dem man umso mehr Vergnügen findet, je besser man mit Manns Vorlage vertraut ist", schreibt Florian Welle in der Süddeutschen Zeitung (16.11.2025). "Dass das anspruchsvoll, aber alles andere als prätentiös ist, liegt an Aijamathiesens federleichter Inszenierung, die Tiefgang mit Humor verbindet, sowie an den stets präsenten Schauspielern Leon Tölle, Marek Egert und Stephan Ullrich."

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