Krieg den Hütten, Friede den Palästen

22. März 2025. In diesen schrillen Königreichen sind die Verhältnisse umgedreht. Kein Sinn, kein Leben, keine Gerechtigkeit – es droht nur Apathie. Wilke Weermann nüchtert Georg Büchners versponnenes Drama "Leonce und Lena" aus. 

Von Wolfgang Reitzammer

"Leonce und Lena" von Georg Büchner, inszeniert von Wilke Weermann am Theater Bamberg © Martin Kaufhold

22. März 2025. Das Königreich Popo ist im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich im Arsch. König Peter plant als konfuser Vordenker ("Ich muss für meine Untertanen denken, denn sie denken nicht") den baldigen Rücktritt, doch sein Sohn Leonce ist geplagt von Langeweile und Melancholie: "Mein Leben gähnt mich an, wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus."

Das ist der Ausgangspunkt von Georg Büchners gar nicht so lustigem Lustspiel "Leonce und Lena", das 1836 geschrieben, aber erst posthum 1850 veröffentlicht wurde und erst 1912 in einem "richtigen" Theater (in Düsseldorf) zur Uraufführung kam. Der große Germanist Hans Mayer erkannte zurecht darin eine beißende Satire auf Adel und tumbes Volk im 19. Jahrhundert, gespeist aus Büchners Hass auf eine sinnlos gewordene Monarchen-Gesellschaft, die aber partout nicht absterben wollte.

Von Algorithmen gesteuert

Wilke Weermann hat das Stück nun in seiner Bamberger Bearbeitung und Regie hochachtungsvoll überschrieben und radikal an die Gegenwart herangerückt. Die fünf Hauptpersonen sind von Algorithmen gesteuerte Avatare, die wie Marionetten über die Bühne trippeln und meist mit vom Computer verzerrter Stimme sprechen. Kostümiert sind sie wie bei einer Second-Hand Love-Parade, oder bei einem orientalisch anmutenden Hippie-Treffen – der Trockeneis-Nebel vom Bühnenrand ersetzt die Hasch-Pfeifen (Bühne und Kostüme von Lara Scherpinski).

Männer und Frauen sind in dieser Geschichte austauschbar. So wird König Peter von einer Frau gespielt (Ewa Rataj), Rosetta ist plötzlich die Geliebte von Lena statt von Leonce. Sie alle eint bleierne Langeweile und ergebnislose Sinnsuche. Hofnarr Valerio (Eric Wehlan) hat sich als Verfechter von bedingungslosem Grundeinkommen und Lob des Müßiggangs einen stattlichen Bauch angefressen, seinen Monolog als neuer Minister für Nichtstun übernimmt nun Prinz Leonce (Pit Prager).

Leonce Lena 4 CMartinKaufhold uDie Mechanik der Marionetten: Bühne und Kostüme von Lara Scherpinski © Martin Kaufhold

Dieser fand sich zuvor beim Hin- und Herwischen von "Tick-Tack"-Reels angeödet und floh als romantischer Taugenichts vor der verordneten Hochzeit nach Italien. Dort erlebt er in einer Wirtschaft erst eine Karaoke-Aufführung, dann trifft er sehr zufällig Lena (Jeanne le Moign), die seinen Suizidversuch – den er bei Vollmond mit einer blauen Diesel-Reservekanister inszenieren will – mit einem Kuss unterbindet.

Die Hochzeitsbotschaft an Prinzessin Lena in Pipi war zuvor in einer hölzernen UPS-Kiste übermittelt worden, auf der vielsagend geschrieben stand: "Friede den Palästen". Der Krieg gilt wohl eher den Hütten, die man sich hinter der nüchternen, futuristischen Neonlicht-Fassade vorstellen kann. Zentrales Motiv des Abends ist die Drehbühne mit drei Torbögen, die den fortschrittslosen Kreislauf der Geschichte illustriert.

Unsocial-Media-Drama

Das alles wirkt wie eine kreative Fortschreibung der Berliner Inszenierung von Robert Wilson aus dem Jahre 2005, allerdings ohne den damaligen Soundtrack von Herbert Grönemeyer. Dafür hat Constantin John im ETA Hoffmann Theater eine kalte Geräusch-Kulisse geschaffen, die im Wesentlichen aus den Klängen von Computer-Spielen besteht.

Die schöne (?) neue Welt, die diese manchmal etwas zu wenig melancholische Bühnen-Show vermittelt, erscheint als Unsocial-Media-Drama, in der Leonce mit transparentem Netzhemd und Pumphosen wie Louis Klamroth durch die Hart-aber-Fair-Kulissen irrlichtert, und in der König Peter wie Show- und Dealmaker Donald Trump ins Publikum grimassiert.

Rettung durchs Theater

War man bei Büchners sperrigem Text noch mit der Frage beschäftigt, ob man eher im Globe Theatre oder doch im absurden Theater von Beckett gelandet ist, so kann das Bamberger Publikum nun sehr angeregt fragen, ob wir in einer Endzeit der seelenlosen Automaten ohne freien Willen gelandet sind oder ob es noch eine Chance für die Rettung der Welt durch Theater und Liebe geben könnte. Sicher ist aber, dass man selten die Konfusionen der Gegenwart in einer solch präzisen und unterhaltsamen Choreografie vorgeführt bekommen hat.

Leone und Lena
von Georg Büchner
Regie und Bühnenfassung: Wilke Weermann, Bühne und Kostüme: Lara Scherpinski, Musik und Sounddesign: Constantin John, Dramaturgie: Petra Schiller.
Mit: Pit Prager, Jeanne Le Moign, Eric Wehlan, Ewa Rataj, Leon Tölle
Premiere am 21. März 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

theater.bamberg.de

Kritikenrundschau

"Toll choreographiert", "fantastisch gespielt", "sehr, sehr lustig" – im Fränkischen Tag (online am 23.3.2025) kommt Christoph Hägele aus dem Schwärmen nicht heraus. "Über die ganze Szenerie legt sich eine mondsüchtige Stimmung, es gibt Wiesen, Blumen und Schafe. Die dystopischen Obertöne aber sind immer präsent." Mit ihnen führe Weermann Büchners Stück "direkt in unsere Gegenwart".

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