Brauner Schnee über Franken - Schauspiel Erlangen
Märchen vom Einzeltäter
1. März 2026. Im Dezember 1980 wurden der Rabbiner Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin in ihrer Wohnung in Erlangen erschossen. Die Spuren führten zur rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann, doch eine Verurteilung blieb aus. Regisseur Matthias Köhler und Dramaturgin Natalie Baudy rekonstruieren den Fall nun am Erlanger Theater.
Von Svenja Plannerer
"Brauner Schnee über Franken" von Matthias Köhler und Natalie Baudy auf die Bühne des Schauspiel Erlangen gebracht © Martin Kaufhold
1. März 2026. Auf der Bühne des Markgrafentheaters Erlangen steht nur eine einsame Straßenlaterne, als der eiserne Vorhang hochfährt. Das "Carol of the Bells" erklingt. Es schneit. Durchgängig, von Anfang bis Ende der Vorstellung. Geschneit hat es auch am 19. Dezember 1980, der Tag, an dem der Rabbiner Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke in der Ebrardstraße 20 erschossen wurden. Der Schauplatz des Verbrechens liegt vom Schauspiel Erlangen nur etwa eineinhalb Kilometer entfernt.
Dass es sich um ein Verbrechen handelte, wurde damals zwar nicht bestritten. Dass Nazis es aus antisemitischen Motiven begangen haben, schon. Die Presse vermutete hinter Lewin lieber einen Geheimagenten, zog gar den Racheakt einer eifersüchtigen Frau in Betracht. Andere Motive wurden auch von Politik und Polizei gezielt ignoriert. Und das, wo sich klare Verbindungen zur rechtsradikalen Wehrsportgruppe (WSG) von Karl-Heinz Hoffmann aus Heroldsberg ziehen ließen. Die Mitglieder von Hoffmanns Gruppe wurden zunächst als “unbeholfene Männer im Wald” belächelt, die reale Gefahr durch Holocaust-Leugner verkannt und verharmlost. Dabei war der Erlanger Doppelmord der erste antisemitisch motivierte Mord an Juden nach 1945.
Leise rieselt es
In ihrem Dokumentarstück rollen Natalie Baudy und Matthias Köhler den Fall jetzt noch einmal auf. Dass "Brauner Schnee über Franken" kurz vor den Kommunalwahlen in Bayern am 8. März 2026 seine Uraufführung erlebt, ist sicher kein Zufall. Baudy und Köhler haben diesen markanten Zeitpunkt gewählt, um ein Zeichen zu setzen. Gegen Rechtsextremismus, aber auch gegen die ewige Lethargie der Bevölkerung, den Tatsachen in Auge zu sehen. Schnee, der fällt, schmelze im Frühling, heißt es irgendwann einmal, und so solle es auch hier die Zeit richten. Die Gefahr der politischen Rechten würde sich schon irgendwann wieder verlaufen? Als ob.
Unheimliche Wesen auf Skiern greifen an: "Brauner Schnee über Franken" am Schauspiel Erlangen mit Kai Götting in der Badewanne © Martin Kaufhold
Wie von einem dokumentarischen Theaterstück zu erwarten, werden viele Fakten genannt. Dabei changiert der Ton von spitzer Ironie über inbrünstiges Zitieren bis zu grimmigem Appellieren; von trockenem Deklamieren von Daten keine Spur. Ebenso locker treten die Spielenden in Rollen hinein und hinaus, spielen auflagengeile Journalist*innen, trauernde Angehörige und waffenwütige rechte Hoffmann-Hörige. Am Anfang noch verhalten, später mit mehr Mut entlockt das Ensemble den Zuschauenden dabei auch Gelächter und mehrfach Szenenapplaus.
Drill im fränkischen Wald
So wie Kai Götting, der das Szenen-Hypothetical, wie Franz-Joseph Strauß die WSG verharmlost, lieber nicht und trotzdem spielt, obwohl das ja viel zu plakativ wäre. Vorher war er noch der blauäugige neue Rekrut der WSG, der in die Drill-Freuden von tagelangen Märschen im Wald eingeführt wurde. Als Uwe Behrendt muss er sich von Hoffmann beschuldigen lassen, Lewin ermordet zu haben. Schneeballartige Wesen auf Skiern umkreisen ihn und wispern alptraumhaft vom Märchen des "Einzeltäters".
Hannah Weiss und Ralph Jung leiten eine unschlagbar witzige Erklärbär-Runde ein, als sie über den Hollywood-Schnee sprechen, der die ganze Zeit von der Decke rieselt. Denn, so lässt sich herausfinden: In etwa 40 Sekunden fallen etwa so viele Schneeflocken, wie es 2025 von rechts motivierte Straftaten gab. "So leise kann das gehen", heißt es, und "Gegens Wetter kann man halt nichts machen".
Mahnende Warnung
Keiner will sehen, wie der weiße Schnee langsam zu braunem Matsch wird. Keiner will sich Schmutz ins Treppenhaus tragen, sagt Clara Liepsch zu Beginn des Abends. Sie tritt als Luigi Bernardi vom italienischen Magazin Oggi auf, das einst nichtsahnend Lewin und Hoffmann nebeneinander abbildete. Hauptthema des Artikels aus dem Februar 1977 war die Wehrsportgruppe Hoffmann, und Luigi Bernardi hatte gehört, dass Lewin sich für ein Verbot der Gruppe einsetzte. Monate später trat Lewin aus Anlass des sogenannten Auschwitz-Kongresses, einer Zusammenkunft von Holocaust-Leugnern, als Hauptredner bei einer Gegendemonstration auf dem Nürnberger Hauptmarkt auf. Lewin, der nicht nur Rabbiner und Verleger, sondern einst auch der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg war.
Zum Schluss hält Clara Liepsch einen weiteren Monolog. "Wann wachen wir auf?" schreit sie verzweifelt und kickt dabei mit dem Fuß den Schnee auf. Denn unter dem braunen Schnee über Franken liegen auch die Massengräber der Shoa. Sie warnt vor Meinungen, die irgendwann zur Mehrheit, dann zur Macht zu werden drohen. “Aber wenn nur einer zuhört”, sagt sie müde. Wenn ...
Brauner Schnee über Franken
von Natalie Baudy und Matthias Köhler
Regie: Matthias Köhler, Bühne & Kostüme: Lara Roßwag, Musik: Eva Jantschitsch, Dramaturgie: Natalie Baudy, Regieassistenz: Julia Stockhausen, Dramaturgische Mitarbeit: Brigitte Alexandra Goebel.
Mit: Kai Götting, Hermann Große-Berg, Ralph Jung, Clara Liepsch, Hannah Weiss.
Premiere am 28. Februar 2026
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.schauspiel-erlangen.de
Kritikenrundschau
"Herausgekommen ist ein beeindruckender Theaterabend, der O-Ton-gesättigtes Dokumentartheater reibungslos mit Spielszenen verzahnt, in denen gespenstische Vorgänge wie das 'Märchen vom Einzeltäter' mit solchen abwechseln, in denen das Ensemble zum Beispiel die damaligen Lokaljournalisten als verantwortungslos agierend entlarvt", schreibt Florian Welle in der Deutschen Bühne (1.3.2026). "Bei all dem schrecken die Schauspieler nicht vor dem Chargieren zurück. Die Überzeichnung, die das Autoren- und Regieteam verordnet hat, ist zudem notwendig, um beim Publikum die harten Fakten, mit denen es konfrontiert wird, sacken zu lassen", so Welle weiter: "Ein Balanceakt, gewiss, der aber voll und ganz gelingt."
"In Erlangen gelang es nicht, diesen Stoff in ein kompaktes Theaterereignis umzusetzen," schreibt Herbert Heinzelmann in den Nürnberger Nachrichten (2.3.2026). "Dafür war die Textcollage von Hausautorin Nathalie Baudy und Regisseur Matthias Köhler genau wie Köhlers Inszenierungskonzept zu unsicher. Der Text könnte auf viel Aus- und Aufsagen verzichten. Das Spiel dürfte sich nicht immer wieder in überzogene Karikaturen (Journalisten als gewissenlose Schlagzeilenschinder oder Wehrsportübungen auf Sandkastenniveau) auflösen. Alles müsste kompakter, dichter und damit auch erschütternder sein." Dennoch gebe es "große, stille, tiefgehende Szenen an diesem Abend, Szenen die nachwirken und den Bühnenstoff in Diskussionsstoff verwandeln."
Anja Bühling berichtet auf BR24 (2.3.2026) von einer "gefeierten Uraufführung". Das Ensemble beeindrucke "durch ein scheinbar müheloses Wechseln der Rollen", so Bühling, bespiele "die dunkle Bühne, auf der nur eine Laterne steht, mit Spielfreude und Präzision". Der Abend sei "ein Dokumentartheaterstück, das lange nachhallt".
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >