Russendisko beim Teufelsball

6. Oktober 2024. Saisonstart in Erlangen, wo mit dieser Spielzeit eine neue Mannschaft antritt. Zur Eröffnung zeigt Matthias Köhler als großes Ensemblestück und bildmächtigen Zeitkommentar Michail Bulgakows Parabel über Gut und Böse, über Macht und Ohnmacht der Kunst.

Von Wolfgang Reitzammer

"Meister und Margarita" von Michail Bulgakow am Schauspiel Erlangen © Apollonia Bitzan

5. Oktober 2024. Der Teufel ist los in Moskau. Er heißt nicht Stalin und auch nicht Putin, sondern Woland und sieht mit Zopf und elegantem Schwarz-Leder-Anzug aus wie Karl Lagerfeld. Vor allem mit russischen Kulturschaffenden treibt er seinen Schabernack, bis diese schließlich – anders als Dürrenmatts Physiker – unfreiwillig im Irrenhaus oder in stählernen Käfigen landen. Das ist der hintersinnige Kern von Michail Bulgakows Kult-Roman "Meister und Margarita" (1940 vollendet und erst 1966 posthum erschienen), der schon mehrfach in Bühnenfassungen erprobt und nun vom Schauspiel Erlangen für die Saisoneröffnung 2024/205 erkoren wurde.

Tanzwut der Gothic-Gefolgschaft

Hausregisseur Matthias Köhler hat zusammen mit der Dramaturgin Natalie Baudy eine Kompress-Fassung erstellt (der Roman zwingt den Leser durch gut 500 Seiten), die immer noch knapp drei Stunden dauert und dabei vielleicht die eine oder andere Kurve zuviel mitnimmt. Es scheint auch, dass der neue Erlanger Schauspielchef Jonas Knecht, der mit dem Hesse'schen Josef Knecht die Berufsbezeichnung Magister Ludi gemeinsam hat, ganz im Sinne von Goethes Theaterdirektor aus dem Faust-Theater-Vorspiel gefordert hat, man solle an diesem Abend die Prospekte nicht schonen und auch nicht die Maschinen, sowie das große und kleine Himmelslicht tüchtig gebrauchen – und natürlich auch das ganze Erlanger Ensemble dem erwartungsfrohen Publikum vorstellen.

Walpurgisnacht im Kreml

Deshalb dröhnt bald deftig die Russendisko beim Teufelsball, Pontius Pilatus (Ralph Jung) – neben Jesus die zweite Hauptfigur aus der Parallel-Handlung – schmettert als Karaoke-Sänger seine Parole "Don't expect me to cry" in den Raum, und die spektakulären Video-Sequenzen aus dem historischen Jerusalem (Marvin Kanas) wirken wie eine Mischung aus Quentin Tarantino und Monty Pythons "Leben des Brian". Wenn die Gothic-Gefolgschaft des Teufels in Tanzwut verfällt, fühlt man sich in eine biegsame Slapstick-Version der Rocky Horror Picture Show versetzt. Berlioz, der Vorsitzende einer Literaturgesellschaft (Hermann Große-Berg), stürzt vor eine Straßenbahn, die ihm den Kopf abtrennt, aus dem später mit einem Strohhalm Blut abgesaugt wird.

Die anspielungsreiche Bühne von Patrick Loibl bietet viel Assoziationsstoff © Apollonia Bitzan

Als Botenbericht vor dem Vorhang erfahren wir von der brutalen Zaubershow des Teufels, einem wirklichen Unehrlich-Brother. Margarita, die trauernde Muse des verschwundenen Meisters (Juliane Böttger), reibt sich mit Schwerelosigkeits-Creme ein und schwebt im Klettergurt zur Walpurgisnacht im Kreml, nicht ohne vorher die Wohnung des Kritikers Latunsky, der es gewagt hat, den Roman ihres Meisters herabzuwürdigen, in Schutt und Asche zu legen.

Autobiografische Reflexionen 

Damit werden aber die philosophisch-politischen Zwischentöne dieser verstörenden Satire ziemlich eingedampft. Bulgakows Auseinandersetzung mit der teuflischen Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, seine autobiografischen Reflexionen des resignierten Künstlers in einer Autokratie mit Zensur und Verboten, sein Plädoyer gegen die Feigheit als schrecklichste Sünde und seine Debatten über die historische Wahrheit des biblischen Jesus werden in dieser Inszenierung zeitweise durch Lautstärke und Grellheit übertüncht.

Dabei hätte die Bühne von Patrick Loibl einige politische Anspielungen geboten: über dem geometrisch geordneten schwarz-weiß-roten Bodenmuster schwebt ein mächtiger Leuchter, konstruiert aus einem Sowjet-Stern und vielen herabhängenden Ketten. Immer wieder senken sich eiserne Käfig-Teile in das Bühnen-Geschehen, und der Vorhang illustriert ganz profan das Verschwinden von Menschen, die dann mit Zwangsjacken hinter Gittern stehen.

Meister und 2 ApolloniaTheresaBitzaDer Meister kehrt zurück (Tobias Graupner, Juliane Böttger (ganz rechts) © Apollonia Bitzan

Am Ende überwiegen wieder leisere Töne: Margarita findet mit ihrem Meister (Tobias Graupner), der wie Nawalny ex machina aus dem Bühnenboden emporsteigt ("Ich fürchte mich vor nichts mehr"), die finale Ruhe. Der Song "Chandelier" der australischen Sängerin Sia wird am Piano intoniert, dazu erhalten der Lyriker Besdomny (Johannes Rebers) und Pontius Pilatus einen abgewogenen Schluss-Monolog. 

Meister und Margarita
von Michail Bulgakow
übersetzt von Alexander Nitzberg, in einer Fassung von Natalie Baudy
Regie: Matthias Köhler, Bühne und Kostüme: Patrick Loibl, Musik: Antonia Matschnig, Video: Marvin Kanas, Dramaturgie: Natalie Baudy
Mit: Tobias Graupner, Juliane Böttger, Hermann Große-Berg, Luca Hass, Ralph Jung, Marie Hanna Klemm, Johannes Rebers, Matthias Redekop, Rumo Wehrli, Hannah Weiss
Premiere am 5. Oktober 2024
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-erlangen.de

Kritikenrundschau

"Regisseur Matthias Köhler nutzt jede Technik seines Handwerks, um das Publikum zu verzaubern. Auf der Bühne ist dauernd was los. Verwandlungen, Lichteffekte, Musik, Filmeinblendung, Dampf und ein exaltiertes Ensemble, das alle Varianten der Schauspielgestik vorführt", schreibt Herbert Heinzelmann durchaus angetan in den Nürnberger Nachrichten und der Nürnberger Zeitung (7.9.2024). Dramaturgin Natalie Baudy gelinge es in ihrer Roman-Dramatisierung, nach der komplexen Handlung des Buches eine (halbwegs) nachvollziehbare Geschichte zu erzählen. Trotzdem sah Heinzelmann auf der Szene vor allem im zweiten Teil "reine 'l'art pour l'art'. Die Mittel werden vorgezeigt. Wir sind ja im Teufelskreis des Theaters. Mit Bedeutung muss das nicht immer was zu tun haben." Als Haltung der Inszenierung macht er denn auch aus: "Wir zeigen ein (sehr gelungenes) Spektakel. Ein Statement geben wir nicht ab."

 
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